Schon 2013 träumte Donald Trump von seinem "neuen besten Freund" Wladimir Putin; zwei Jahre später verkündete er: "Ich glaube, wir werden sehr gut miteinander auskommen." Nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl ist die Romanze aufgeblüht, mit Verlobungsgeschenken von beiden Seiten. Derweil Barack Obama 35 russische Nachrichtendienstler aus dem Land wirft, schnurrt Putin: Vorläufig keine Vergeltung, obwohl seit Stalins Zeiten das eiserne Gesetz vom "Wie du mir, so ich dir" gilt. Trump schnurrt zurück. Russische Hackerbrigaden hätten die Wahl manipuliert? Es "können andere gewesen sein".

Die Europäer sind not amused. Sie fürchten sowohl Vereisung als auch Verbrüderung. Es gilt der Spruch: Wenn Elefanten Liebe machen, zertrampeln sie das Gras. Trump hat die Nato "obsolet" genannt und den Europäern gedroht: Ihr zahlt, oder wir ziehen ab. Was ist, wenn Trump dem Kreml die Ukraine als Morgengabe andient und die Sanktionen aufhebt, die Merkel hartnäckig verteidigt? Und wenn dann Putin im Schutz des Russlandverstehers Trump seine Machtgelüste auf Europa richtet?

Europa sollte cool bleiben – in der Gewissheit, dass zwei "Skorpione in der Flasche", um das alte Bild aufzugreifen, keine Ehe eingehen können. Die beiden sind die Einzigen, die einander vernichten können. Deshalb wachen sie eifersüchtig darüber, dass der andere keine strategischen Vorteile erlangt. Die Geschichte bestätigt es.

Roosevelt wähnte in Jalta, am Ende seines Lebens, dass Stalin sich an seiner osteuropäischen Beute gesättigt habe. Sein Nachfolger Truman rüstete auf und gründete die Nato als Appetitzügler. Eisenhower glaubte an den "Geist von Genf", den Gipfel von 1955, der Europas Konflikte lösen werde; drei Jahre später konterte Chruschtschow mit der Berlin-Krise. Kennedy streckte ihm 1961 die Hand auf dem Gipfel von Wien entgegen; ernüchtert kehrte er zurück und befahl Aufrüstung. In Kuba standen die beiden Skorpione kurz vor dem Atomkrieg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Nixon und Carter: Stets verwelkten die Olivenzweige, sei’s in der Konfrontation im Jom-Kippur-Krieg von 1973, sei’s bei der Afghanistan-Invasion 1979, obwohl Carter der Nation die "übertriebene Angst vor dem Kommunismus" ausreden wollte. Freundlich ging es nur nach dem Zerfall der Sowjetunion zu, als die entthronte Supermacht zurückwich und die deutsche Wiedervereinigung zuließ.

Unter Putin, der den Kollaps der Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" beklagt, ging Obamas "Neustart" daneben; Amerikas Rückzug aus der Welt geriet nicht zum Einvernehmen, sondern zur Einladung, sich die Krim zu greifen und nach Nahost zu expandieren. Ambitionierte Großmächte werden immer das Vakuum nutzen, allemal ein Opportunist wie Putin.

Amerikas Einfluss auf den Lauf der Welt ist geschrumpft, trotz seiner gewaltigen wirtschaftlich-technologischen Überlegenheit gegenüber Russland. Unvorstellbar ist es, dass Trump in dieser Schwächephase mit seinem "neuen besten Freund" den Bund fürs Leben schließt. Hier flirten zwei verbissene Machtmenschen, die selbst Nettigkeiten als strategische Züge sehen.

Michael Flynn, Trumps künftiger Sicherheitsberater, reiht Russland in das "internationale Bündnis bösartiger Länder" ein, "das uns vernichten will". Bei den Republikanern, die beide Häuser des Kongresses beherrschen, formiert sich die Revolte unter Führung der Senatoren McCain und Graham, die Russland nicht als Buddy, sondern als Bedrohung demokratischer Werte und amerikanischer Interessen sehen.

Der Präsident macht Außenpolitik, aber auf Dauer kann er es nicht gegen den Kongress. Erst recht nicht, wenn seine Luftschlösser zerplatzen. Trump träumt davon, zusammen mit Putin den IS zu zerschlagen. Putin aber hat Größeres im Sinn. Er will seine Position in Nahost ausbauen und Amerika weiter zurückdrängen, dann mithilfe russlandfreundlicher Rechtspopulisten die Oberhand über die europäische Politik gewinnen. Beide Arenen sind seit je Angelpunkte der amerikanischen Strategie. Wie will Trump die von Obama betriebene Selbsteindämmung hier noch toppen?

Eine Zeit lang dürfen die Europäer noch cool bleiben, um Trumps Lernkurve zu messen. Agiert er tatsächlich gegen uramerikanische Interessen, werden sie in den sauren Apfel der Selbstverteidigung beißen müssen. Wer soll dann diese unordentliche Truppe führen – Merkel, May, Fillon? Oder Juncker? Aber vielleicht lernt Trump ja so schnell, wie er twittert.

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