Wenn sich am Freitag die FDP zu ihrem traditionellen Dreikönigstreffen versammelt, wird sie in diesem für sie so entscheidenden Jahr einen Triumph feiern, hinter dem ein Abgrund gähnt. "Wir sind wieder da" – so wird es von Stuttgart aus ins Wahljahr hineinschallen. In ein Jahr, in dem Donald Trump als US-Präsident antritt, in dem Geert Wilders in den Niederlanden und Marine Le Pen in Frankreich den Rechtspopulismus in neue Höhen führen, in dem Flüchtlinge und Terror weiterhin die Schlagzeilen bestimmen werden, kurz: in ein Jahr, in dem es um Großes geht. Um Europa, die Nato, die Zukunft. Wenn 2017 die Geschichte mit dem Hammer zuschlägt, könnte das für eine kleine Partei sogar zu groß sein. Auch, weil die FDP aus den Fehlern, die sie 2013 haben abstürzen lassen, zu wenig gelernt hat. Zu wenig, um im Weltenlärm von 2017 attraktiv zu sein.

Unter dem Vorsitzenden Guido Westerwelle hat sich die FDP so lange als eine Partei des Zuviel präsentiert (zu viel Selbstbewusstsein, zu viel Lautstärke, zu viel Show), bis das Zuwenig (zu wenig Ernsthaftigkeit) für alle sichtbar wurde und sie ins Verderben riss. Der Not-Vorsitzende Philipp Rösler beschleunigte den Untergang noch, indem er just jenes einfache, niedrige und gerechte Steuersystem versprach, auf das schon sein Vorgänger den Liberalismus verengt hatte – und nie liefern konnte. So endete die schwarz-gelbe Koalition 2013 mit dem historischen Absturz der FDP von 14,6 auf 4,8 Prozent. Vom Rekordergebnis zur außerparlamentarischen Opposition: So spektakulär hatte sich noch keine Partei zerlegt.

Knapp dreieinhalb Jahre später schwanken die Liberalen in den Umfragen um die fünf Prozent, stehen also ungefähr da, wo sie auch 2013 standen. Stabilisierung auf wackeligem Niveau. Mit der AfD ist freilich ein weiterer Spieler auf dem Feld. Eine Partei, bei der die Unzufriedenen, Frustrierten und Genervten ihre Verärgerung besonders öffentlichkeitswirksam abladen können.

Von der wilden Wut der Vergessenen wird die Oppositionspartei FDP kaum profitieren. Doch die Vergessenen waren ohnehin nie ihre Klientel. Nicht die AfD ist das Problem der FDP, sondern die FDP.

In einer Welt, in der Zentrifugalkräfte die Grundfesten des nationalen wie internationalen Zusammenlebens zu zerreißen drohen, braucht es einen starken Staat, der diese Mächte zu bändigen versucht. Indem er Regeln setzt, indem er Präsenz zeigt, indem er dem Terror trotzt, indem er Hunderttausende Flüchtlinge integriert, indem er den Feinden der offenen Gesellschaft zugleich mit Wehrhaftigkeit und innerer Liberalität entgegentritt. Und was macht die FDP? Sie redet von Regelungswut, von Bürokratismus, davon, dass es vielen besser geht, wenn es weniger Staat gibt. Sie redet also so, wie sie immer geredet hat, als der Neoliberalismus noch als Glücksversprechen galt und nicht als Ursache einer globalen Finanz-, Wirtschafts- und Demokratiekrise ausgemacht war. Rückkehr in eine verlorene Welt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Ist ja auch schwer, eine Lücke zu finden. Die gesellschaftspolitische Liberalität, die Lindners Freidemokraten anbieten, findet sich längst auch bei den Wettbewerbern von der CDU bis hin zur Linken. Doch der FDP-Chef Christian Lindner hat einen Platz entdeckt, den er mit seiner Partei nun entschlossen besetzen will: Wem die CDU zu sozialdemokratisch, die AfD zu unappetitlich und der Blick in die Zukunft zu weichgezeichnet ist, der soll FDP wählen. Auf diese Merkel-Frustrierten mit Anti-AfD-Gen richtet die FDP zur Bundestagswahl hin alles aus. Von der Äquidistanz zu Union und SPD, die Lindner ursprünglich im Blick hatte, ist keine Rede mehr.

Lindner behauptet gern und oft, die FDP sei der größtmögliche Gegenentwurf zu den Rechtspopulisten der AfD. In seinen Reden zieht er aber viel lieber mit großer rhetorischer Verve über die vermeintliche Verbotspartei, die Grünen, her. Lindner hat seinen Ersatzpopulismus gefunden, Tenor: Wer die Grünen noch mehr verachtet als alles andere, was er nicht mag, kann ruhig FDP wählen. Für sein Grünen-Bashing wird Lindner regelmäßig gefeiert.

Das sollte ihn nicht zu sehr nach oben tragen. Anhänger jubeln immer. Erst wenn Lindner Leute gewinnt, die sich sagen: Moment mal, die FDP sollte man vielleicht ernst nehmen– erst dann kann sie dauerhaft Erfolg haben.