André Bajorat ist 25 Jahre alt, als er das Jurastudium hinwirft und seine Eltern anruft, um zu sagen, dass sie ihm kein Geld mehr überweisen sollen: "Ich bin ja jetzt kein Student mehr." Wovon er denn leben wolle? Er habe ja immer noch seinen Studentenjob, antwortet Bajorat, als Nachtwächter in einem Kölner Heim für Suchtkranke. Und sonst: mal sehen.

Zwei Jahrzehnte später empfängt Bajorat, mittlerweile 45, in einem Ottenser Großraumbüro. Aus dem Kölner Studienabbrecher ist einer der umtriebigsten Hamburger Start-up-Unternehmer geworden. Seine Firma heißt Figo, wie der frühere Fußballer, und sie gehört zur noch jungen Gattung sogenannter Fintechs. Das Kürzel steht für Finanztechnologiefirmen. Also Start-ups, die mithilfe der Digitalisierung das Bankgeschäft revolutionieren wollen. Figo gelingt das offenbar schon ganz gut. Kurz vor dem Jahreswechsel haben renommierte Investoren – darunter die Deutsche Börse – sieben Millionen Euro in die Firma gesteckt.

Doch Figo ist mehr als die nächste Hamburger Gründerstory. Die Firma steht für den Hype einer ganzen Branche: Mehr als 50 Finanz-Start-ups haben sich laut einer aktuellen Erhebung der Direktbank Comdirect in der Stadt angesiedelt. Allein seit 2012 sammelten sie rund 225 Millionen Euro bei Risikokapitalgebern ein. Damit liegt Hamburg in der deutschen Fintech-Rangliste auf Rang zwei hinter Berlin, aber noch vor der Finanzmetropole Frankfurt.

Vielleicht bescheren die vielen neuen Start-ups dem Finanzplatz Hamburg sogar eine kleine Renaissance. Der Standort wurde zuletzt ziemlich gebeutelt. Die HSH Nordbank wird möglicherweise abgewickelt, falls sich nicht doch noch ein Käufer findet, die traditionsreiche Berenberg Bank macht zwar gute Geschäfte, allerdings inzwischen vor allem von London aus; die Hamburger Börse wird außerhalb der Stadt praktisch nicht mehr wahrgenommen; und von den einst vielen stolzen Hamburger Versicherern hat allein die Hanse Merkur ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Jetzt kommen die Fintechs.

39 sind allein innerhalb der vergangenen fünf Jahre entstanden, zeigen Zahlen von Comdirect. Die meisten Gründungen gab es 2015, nämlich 16. Als eigentliches Boom-Jahr gilt aber das gerade abgelaufene, weil es gleich 13 hanseatischen Finanz-Start-ups gelang, Risikokapital bei Investoren einzuwerben. Neben Kreditech, Deposit Solutions und Figo sorgte vor allem das Kreditvergleichsportal Finanzcheck für Aufsehen: Es sammelte im April auf einen Schlag 33 Millionen Euro bei Geldgebern ein.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was die Fintechs genau machen, lässt sich am einfachsten anhand von Beispielen erklären. Am Rödingsmarkt sitzt Kreditech, das, gemessen am eingeworbenen Investorengeld, größte Finanz-Start-up nicht nur Hamburgs, sondern ganz Deutschlands. Das Unternehmen vergibt Kredite über das Internet. Der Clou dabei ist, dass die Bonität der Schuldner mithilfe von Algorithmen ermittelt wird. Dafür wertet Kreditech Spuren aus, die die Antragsteller im Internet hinterlassen, was Datenschützer naturgemäß kritisch sehen. Es ist nicht der einzige Angriffspunkt, den die Firma bietet. Manche Kritiker werfen Kreditech vor, mit seinen hoch verzinsten Darlehen eine moderne Form des Wuchers zu betreiben. Vorstandschef Alexander Graubner-Müller argumentiert andersherum: Seine Firma bediene vor allem jene Menschen, die von klassischen Banken nicht bedient würden. Die Weltbank, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, sieht das übrigens ähnlich. Im Frühjahr investierte sie zehn Millionen Euro in Kreditech.

Ein anderes großes Hamburger Fintech heißt Deposit Solutions. Die im Schanzenviertel beheimatete Firma vermittelt die Tages- und Festgelder deutscher Sparer an vornehmlich ausländische Banken. Hintergrund: Die Institute bieten höhere Zinsen als Banken und Sparkassen hierzulande. Unumstritten ist auch dieses Modell nicht. Denn gerät eine der ausländischen Banken in Not, müssen die Sparer hoffen, dass die dortige Einlagensicherung einspringt. Viele Kunden scheinen allerdings bereit zu sein, dieses Risiko einzugehen: Mehr als eine Milliarde Euro haben Sparer im gerade abgelaufenen Jahr über Deposit Solutions von ihrer Hausbank zu einer Hochzinsbank transferiert.