Die Initiative "Guter Ganztag" wollte die Ganztagsbetreuung an Schulen verbessern. Ein geplantes Volksbegehren zog sie im vergangenen Sommer zurück, weil sie sich mit den Regierungsfraktionen auf einen Kompromiss einigte. Sechs Monate später sind die Initiatoren alles andere als zufrieden. Eigentlich sollte es um Ideen für bessere Schulen gehen, stattdessen wird nun einfach nur Geld an alle verteilt, sagt Sprecherin Ulrike Dockhorn.

DIE ZEIT: Sie sind immer noch unzufrieden mit der Ganztagsbetreuung in Hamburger Schulen. Warum?

Ulrike Dockhorn: Wir haben mit unserer Einigung viel auf den Weg gebracht, was jetzt von der Schulbehörde und den Akteuren vor Ort umgesetzt werden muss. Wir fragen uns allerdings inzwischen, ob der Schwerpunkt Qualitätsentwicklung in der Schulbehörde den Stellenwert hat, den die Einigung vorsieht.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Ulrike Dockhorn, Sprecherin der Initiative "Guter Ganztag" © Raimar von Wienskowski

Dockhorn: Seit der Einführung der Ganztagsschule sind Kinder von morgens bis abends in der Schule, nicht mehr nur vormittags. Schule hat sich damit faktisch einen großen Teil der Kindheit gegriffen, ohne sich selbst entsprechend zu verändern. Sie muss sich vom reinen Lernort hin zu einem Lebensort wandeln, an dem die Bedürfnisse und Rechte von Kindern auch auf Freizeit, Spiel, Entspannung geachtet und umgesetzt werden.

ZEIT: Und das passiert nicht?

Dockhorn: An manchen Schulen schon, an anderen nicht. Deswegen bestand der Sinn unserer Einigung darin, Prozesse in Gang zu setzen, damit Schulleiter, Lehrer, Erzieher, Eltern und Kinder sich vor Ort gemeinsam Gedanken um die Verbesserung der Qualität machen. Diese Idee vermissen wir in der Umsetzung durch die Behörde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

ZEIT: Aber der Senator hat doch gerade verkündet, dass die Schulen mehr Geld bekommen, um Möbel für den Ganztag zu kaufen, etwa für Ruhe- und Tobe-Räume.

Dockhorn: Ja, genau das ist ein Problem. Senator Ties Rabe bietet jeder Klasse 1.500 Euro für neue Möbel an. Das ist die klassische Verteilung mit der Gießkanne, die schon zur Einführung des Ganztags stattgefunden hat. Die Idee der Einigung war aber: Alle Beteiligten betrachten die gesamte Schule und schauen, was geändert werden muss. Für die Umsetzung dieses Konzepts kann dann Geld beantragt werden, statt einfach einen Bestellschein auszufüllen.

"Alles, was mit Qualität zu tun hat, stockt"

ZEIT: Aber die Behörde hat nun angekündigt, dass Voraussetzung für das Geld ein stimmiges Raumkonzept ist.

Dockhorn: Nein. Sie hat per Newsletter verbreitet: 1.500 Euro pro Klasse, basta! Nachträglich wurde nun der Punkt des Raumkonzepts im Online-Archiv in den Text eingefügt. Der Senator hat mehrfach deutlich kommuniziert, dass er die Konzepte für überflüssig hält – und er lieber das Geld schnell verteilen würde. Es sieht nicht so aus, als ob er die Grundidee verstanden hätte.

ZEIT: Nun hat er aber offenbar eingelenkt.

Dockhorn: Woran machen Sie das fest? Die Vorlage der Behörde für das Konzept, wie sie uns vorliegt, ist ein Formular, das hauptsächlich den räumlichen Status quo der Schule abfragt. Wer nicht inhaltlich arbeiten will, muss es nicht, um an das Geld zu kommen.

ZEIT: Das Geld für die Räume war nur ein Teil der Einigung. Wie sieht die Umsetzung bei den anderen Punkten aus?

Dockhorn: Uns war es wichtig, dass an allen Schulen ein Ganztags-Ausschuss eingerichtet wird, in dem alle Akteure Zusammenarbeit und Qualität des Ganztags gemeinsam verbessern. Das ist vielerorts umgesetzt. Der Ausbau der Schulküchen läuft weiter. Aber alles, was mit Qualität zu tun hat, stockt. Etwa auch der Aufbau eines Netzwerks, in welchem die Schulen voneinander lernen.

ZEIT: Im kommenden Jahr soll es 150 bis 200 neue Erzieher geben. Das ist gut, oder?

Dockhorn: Ja. Aber die entscheidende Frage ist trotz allem eine andere: Wie werden die Schulen zu einem Ort, an dem nicht nur unterrichtet wird, sondern an dem Kinder auch glückliche Freizeit haben? Das gelingt nicht mechanisch über zusätzliches Personal oder pauschal verteiltes Geld, sondern nur über veränderte Denk- und Handlungsweisen – und die Einsicht: Qualität ist wichtig.