Als Harry Graf Kessler, der Kulturflaneur, Weltbürger und Offizier, am 31. Dezember 1917 im noblen Restaurant des Berliner Hotels Kaiserhof zu Abend aß, musste er nicht hungern. Nur die Preissteigerung fiel ihm unangenehm auf: "Sylvesteressen für 25 M.: Gänseleberpastete, Schildkrötensuppe, Karpfen blau, Junge Pute vom Spiess mit Salat, Eisbecher. Recht gut und reichlich, wenn auch 25 M. mehr als das Doppelte des Friedenspreises ist."

Das vergangene Jahr, daran war für ihn nicht zu zweifeln, habe den "grössten Umschwung in der Weltlage gesehen", mit dem in diesem Ausmaß weder er noch andere hatten rechnen können. Mit der "russischen Revolution, dem russischen Frieden und der Einmischung Amerikas in Europa" sei es "eines der denkwürdigen Jahre der Weltgeschichte".

Jedes Jahr des Ersten Weltkrieges brachte seine eigenen Herausforderungen und Umbrüche mit sich. Und doch war den Zeitgenossen Ende 1917 klar, dass sich eine besondere Zäsur andeutete, dass der Krieg in ein neues Stadium eingetreten war. Man spürte eine nach außen wie nach innen gerichtete Dynamik, die neue Möglichkeiten eröffnete und zugleich Katastrophen andeutete. Etwas veränderte sich, aber die Richtung war noch unklar, der Ausgang offen.

Das année impossible, das "unmögliche Jahr", hat der französische Historiker Jean-Jacques Becker 1917 achtzig Jahre später genannt. Unmöglich waren die Belastungen, unvorstellbar die Opfer an den Fronten und in den Kriegsgesellschaften. Unmöglich schien es aber auch, die Ereignisse zu ordnen und abzuschätzen, welche Folgen die sich abzeichnende Verschiebung der politischen Gewichte und der Zerfall der alten Imperien – des Zarenreichs, der Habsburgermonarchie und des Osmanischen Reichs – haben würden.

Hundert Jahre später kennen wir dieses Gefühl nur zu gut. Im Rückblick sehen wir umso klarer: 1917 war tatsächlich, wie Kessler es ahnte, ein Jahrhundertjahr – und es wirkt bis in unsere Gegenwart hinein, denn viele der großen Konflikte und Hoffnungen des 20. und des noch jungen 21. Jahrhunderts liegen in ihm wie in einem Kern verdichtet.

Am Anfang steht der Schrecken des Stellungskrieges mit seinen immer weiter steigenden Opferzahlen. Zwar gelingt im Osten der Übergang zum Bewegungskrieg, was zum faktischen Sieg der Mittelmächte über Russland führt, im Westen aber bleiben die Fronten starr. Die Materialschlachten von 1916, vor Verdun und an der Somme (und an der Ostfront in Galizien), erzwingen neue Antworten, militärische wie politische.

Eine dieser Antworten ist die weitere Hochrüstung und Dynamisierung des Krieges, der nun vollends zum modernen Krieg des 20. Jahrhunderts wird – mit Bombardements aus der Luft, die immer weniger mit einem "ritterlichen Kampf" zu tun haben; mit der Ausweitung der U-Boot-Angriffe auf Versorgungskonvois; mit modernen Panzern, die am Ende des Jahres zum ersten Mal massenhaft gegen die deutsche Front eingesetzt werden.

Im Innern entwickelt sich der Krieg zu einem Test für den Zusammenhalt von Nationen und Gesellschaften. Im Deutschen Reich nehmen im "Steckrübenwinter" 1916/17 Unruhe und Unzufriedenheit massiv zu. In Großstädten weiden die Menschen auf der Straße die Kadaver erfrorener Pferde aus. Auf den Schwarzmärkten explodieren die Preise, Kriminalität gehört mehr und mehr zum Alltag. Die Ordnung des Kaiserreichs bekommt tiefe Risse.

In Frankreich nährt die äußerste Anstrengung für einen letzten großen Vorstoß im Frühjahr 1917 die Hoffnung auf ein nahes Kriegsende. Doch als die Offensive unter hohen Verlusten scheitert, schlägt die Enttäuschung in Protest um. In mehr als sechzig Divisionen meutern im Mai und Juni die Soldaten, während in der Heimat Tausende von Arbeitern – und vor allem Arbeiterinnen – demonstrieren und streiken. Es ist nicht Pazifismus, was die Franzosen aufbegehren lässt: Sie fordern faire, würdige Bedingungen, um den Krieg gegen die deutschen Angreifer und Besatzer fortzusetzen.

Während sich die meuternden Soldaten in Frankreich auf die Werte der egalitären Republik berufen, stellen die erschöpften und enttäuschten städtischen Massen in Russland die Ordnung des Zarenreichs grundsätzlich infrage. Am 15. März zwingen sie in Petrograd Nikolaus II. zur Abdankung. Siebzehn Monate später wird er auf Befehl der führenden Bolschewiki mitsamt seiner Familie ermordet.