Eine der Ersten war Janina. Ich traf sie vor zehn Jahren in Bochum-Wattenscheid. Als ich sie kennenlernte, war sie elf Monate alt. Zwei Etagen unter ihr lebte ihr Opa. Sein Einkommen bekam er vom Amt, genau wie ihr Papa und ihre Mama. Die beiden stritten oft, und Janina stellten sie zum Füttern in einem Autositz aufs Sofa, weil sie keinen Kinderstuhl hatten. An diesem Tag, es war der 24. Oktober, hatten Janinas Eltern noch sieben Euro auf ihrem Konto. Zu wenig, um bis zur November-Überweisung über die Runden zu kommen. Der Kühlschrank war leer, die Windeln für Janina waren aufgebraucht, und immer wenn es an der Tür klingelte, zitterten die Eltern, aus Sorge, das Jugendamt würde kommen, um das Kind mitzunehmen und damit den einzigen Antrieb, diesen ganzen dreckigen Alltag auszuhalten.

Dann war da Sascha, ein Kölner, blass und schlau, zehn Jahre alt. Er hatte gesehen, wie seine Mutter weinte, als die Grundschullehrer ihm eine Empfehlung für die Hauptschule ausstellten. Jetzt saß er da, sprach mit den Freunden über die Zukunft, die für einen Zehnjährigen genau das sein sollte, was sie für seine Klassenkameraden war: ein Ort der Träume und Spinnereien. Einer wollte Hundeverkäufer werden, einer Präsident von Afrika, einer, natürlich, Fußballstar. Und Sascha? Der ahnte, welchen Platz ihm die Erwachsenen längst zugewiesen hatten. "Wenn ich hier den Hauptschulabschluss mache", sagte er, "kann ich ja höchstens Kloputzer werden."

Oder Ercan, auch er zehn Jahre alt. Nur eine gut 30 Meter breite Straße trennte die Wohnblocks in Berlin-Kreuzberg, in denen er als Jüngster in einer achtköpfigen Familie groß wurde, von den wohlhabenden Altbauten, in denen die meisten Kinder einzeln oder im Doppelpack aufwuchsen. Dass die Eltern der anderen Kinder mehr Geld hatten, störte Ercan nicht. Dass viele von ihnen die Welt bereisten und er das Viertel nur selten verließ, auch nicht. Aber dass er jeden Morgen in diese Schule gehen musste, in der die Klos ständig verstopft waren und es wegen Bauarbeiten schon lange keinen Schulhof mehr gab, diese Schule, in der ihm so oft der Kopf wehtat, weil es in der Klasse so laut war, wenn seine Mitschüler fluchten und störten und die Lehrer "Ruhe!" schrien, das nervte Ercan sehr. Denn er hätte gern mehr gelernt – so wie die Jungen und Mädchen aus den Altbauten, die von ihren Eltern weit weg in bessere Schulen gefahren wurden.

Wenn die armen Kinder jedes Mal einen Zehner bekämen, wenn ihr Schicksal bedauert wird – dann wären sie inzwischen reich.

Seit mehr als zehn Jahren berichte ich in Fernsehreportagen, Büchern und Zeitungsartikeln immer wieder über arme und abgehängte Kinder in Deutschland. Ich war in Wohnungen, die nach Urin stanken, und in solchen, in denen sich Eltern mühten, auch ohne Geld Würde und Anstand zu wahren. Ich habe mit Grundschulkindern gesprochen, die jobben wollten, um ihren Eltern zu helfen, und solchen, die wütend wurden, weil ihnen immer gepredigt wurde, dass sie verzichten müssten.

Ich habe all die Statistiken gelesen. Und weiß, dass Janinas, Saschas und Ercans Lebenschancen schlechter sind als die ihrer Altersgenossen. Dass die drei aller Wahrscheinlichkeit nach nicht studieren werden. Mehr als in vielen anderen Industrieländern entscheidet bei uns die soziale Herkunft über die Zukunft von Kindern. Bereits mit sechs Jahren können sich arme Kinder im Schnitt schlechter konzentrieren und sind häufiger übergewichtig und krank als ihre nicht armen Altersgenossen. Sie können schlechter sprechen, schlechter zählen. Und in der Schule gelingt es viel zu selten, diesen Startnachteil wettzumachen. Das gilt übrigens selbst dann, wenn die Eltern zwar wenig Geld, dafür aber einen hohen Bildungsstand haben. Ich kenne die Analysen, wonach ein Kind, das arm ist, später gefährdeter ist, Drogen zu nehmen, ein Opfer von Gewalt oder selbst kriminell zu werden. Der Malus der Armut bleibt oft ein Leben lang, bis zum Ende: Die statistische Lebenserwartung eines Jungen, der in eine arme Familie geboren wird, ist elf Jahre niedriger als die eines Jungen aus wohlhabendem Hause.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Auch weiß ich inzwischen, wie Leser und Zuhörer reagieren, wenn ich von Kindern wie ihnen schreibe oder auf Veranstaltungen von ihnen erzähle. Manche bedauern Janina, Sascha und Ercan ein paar Sätze lang, dann geben sie deren Eltern die Schuld: Diese allein seien verantwortlich für das Schicksal ihrer Kinder, nicht die Gesellschaft. Die meisten Leser und Zuhörer aber sind anders. Sie fühlen mit und sind bestürzt über, wie es immer heißt, "so viele arme Kinder in unserem reichen Land".

Es ist eine Reaktion, die man auch in den nächsten Wochen wieder hören wird, wenn die Bundesregierung ihren Armutsbericht veröffentlicht. Eine Reaktion, die seit zehn Jahren auf jede neue Studie, jede neue Statistik zur Kinderarmut in Deutschland folgt.

Es wäre für den Staat einfach, für Familienrabatte zu sorgen

Es sind ja auch traurige Zahlen: Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht, das ist jedes fünfte. Besonders häufig arm sind Kinder von Arbeitslosen, Alleinerziehenden und solche mit mindestens zwei Geschwistern. Armut ist in Deutschland natürlich relativ und, um den Einwand der Leserbriefschreiber schon mal vorwegzunehmen, natürlich nicht mit der in Kalkutta zu vergleichen.

Arm sein heißt laut Statistik erst mal nur, dass die Familie mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Arm sein bedeutet aber auch: beengte Wohnungen, raue Stadtviertel, kein Geld für individuelle Förderung, für Wünsche, nie Urlaub.

Ercan konnte in die Dreiraumwohnung der Großfamilie keine Freunde einladen. In Saschas Viertel klauten die Älteren den Kleineren Geld und Handys. Und Janinas Familie ging die halbe Stunde zum Jobcenter stets zu Fuß. Das Straßenbahnticket war viel zu teuer.

Wie kann das sein?, beklagen dann regelmäßig die Journalisten. Wir müssen etwas ändern, bekräftigen die Politiker, Jahr um Jahr.

"Kinderarmut ist eines der beschämendsten Probleme in unserem Land", sagte die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2007.

"Für mich ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein sehr wichtiger Punkt", sagte die aktuelle Familienministerin Manuela Schwesig im Jahr 2014.

"Kinderarmut ist ein bedrückendes Problem", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles im Mai 2016.

Welch große Einigkeit! Wenn aber alle ihre Bestürzung geäußert haben, wird es still, bis zur nächsten Statistik, der nächsten Welle der Empörung.

Ich fühle mich dann wie in einer Zeitschleife. Denn die Zahl der armen Kinder ist bis Mitte der 2000er Jahre angestiegen und sinkt nicht. Seit zehn Jahren nehmen unsere Regierungen in Kauf, dass zwei Millionen Janinas und Saschas und Ercans in Wattenscheid, Köln oder Berlin aufwachsen und von Anfang an schlechte Karten haben, Erfolge zu erleben, Talente zu entfalten, die Welt zu erobern – oder wem das zu sozialromantisch klingt: Steuerzahler zu werden und in die Rentenkassen einzuzahlen, Unternehmen zu gründen, mit ihrem Geist dieses Land zu bereichern und damit unsere Zukunft zu sichern.

Klar: Hier und da werden, wie es dann heißt, "Maßnahmen" ergriffen, es wird, wie gerade geschehen, der Kinderzuschlag für Eltern mit niedrigem Einkommen um zehn Euro erhöht oder das Kindergeld um zwei Euro monatlich, es werden Teilhabepakete geschnürt. Und in einzelnen Stadtvierteln, in vielen kleinen Projekten gelingt auch Großes. Aber legt man die Lupe beiseite und betrachtet das ganze Bild, hat sich wenig geändert. Wann gingen Bürger einmal auf die Straße, um sich darüber zu empören, dass so viele Kinder abgehängt sind? Wo ist der gut vernetzte Verein, der Druck macht, bis es gut ausgestattete Bildungseinrichtungen für alle von Anfang an gibt? Wo ist die konzertierte Aktion der Regierung gegen Chancenarmut? Dabei ist es offensichtlich, was dringend zu tun wäre: herausragende Bildungseinrichtungen für ganz Kleine zum Beispiel, vor allem in den Vierteln, in denen die Armut groß ist. Aber auch: endlich verlässliche Ganztagsgrundschulen, in denen die Kinder nicht am Nachmittag nur betreut werden, sondern in denen alle gemeinsam auch nach zwölf Uhr noch lernen, Sport treiben, musizieren und ein warmes Mittagessen bekommen. Wenn die Bundesländer es weiter nicht schaffen, ihren föderalen Flickenteppich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuweben, müsste der Bund die Verantwortung für diese Schulen tragen.

Kommen wir zum Geld: Wie können wir hinnehmen, dass dem Staat ein armes Kind – trotz Mahnungen der Verfassungsrichter – weniger wert ist als ein armer Erwachsener? Dass der Hartz-IV-Regelsatz für einen Zehnjährigen rund 100 Euro im Monat niedriger ist als der seiner Elternteile?

Jeder, der Kinder hat, weiß, dass diese häufiger neue Kleidung brauchen als Erwachsene, dass sie Bücher, Stifte und vor allem: gesundes Essen brauchen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass es ihnen viel schwerer fällt zu verzichten als den Eltern, die ihre Lage begreifen können. Und Verzicht bedeutet nicht, die zum Klischee aufgeblasenen Markenschuhe nicht kaufen zu können, sondern sich all das nicht zu leisten, was die Freunde tun: Schwimmunterricht, Zoobesuche und, wenn es regnet, einen Kinobesuch mit Popcorn.

Es wäre für den Staat einfach, dafür zu sorgen, dass große Familien günstiger wohnen können. Dass kinderreiche Familien – wie etwa in Frankreich – Rabatte bekommen, wenn sie verreisen wollen oder Kleidung und Schulsachen kaufen.

Ein armes Kind ist dem Staat weniger wert als ein reiches

Deutschland investiert viel Geld, um Ehen und Familien zu unterstützen. 200 Milliarden Euro verteilen Behörden pro Jahr an Paare mit und ohne Kinder. Allerdings tun sie das nicht mit der Gießkanne, wie oft kritisiert wird, sondern mit einem außer Kontrolle geratenen Rasensprenger: Er wässert die Wiese vor allem dort, wo sie ohnehin schon sattgrün ist.

Es gibt über 150 Familienleistungen – Elterngeld, Kindergeld, Kita-Zuschuss –, und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat gerade erst berechnet, wie sich dieses Geld verteilt. Das Ergebnis war überraschend: 13 Prozent der Fördersumme landen bei den reichsten zehn Prozent der Familien, nur sieben Prozent bei den ärmsten zehn Prozent. Anders ausgedrückt: Ein armes Kind ist dem Staat monatlich im Schnitt 107 Euro wert, ein reiches aber 199 Euro. Ein absurdes System.

Würde der Staat stattdessen jedem Kind, egal wie alt, egal aus welcher Familie, das zahlen, was es zum Leben braucht, wäre das nicht nur ein Zeichen dafür, dass alle Kinder gleich viel wert sind, sondern auch eine wirksame Waffe gegen die Folgen der Armut. Kindergrundsicherung nennen Wissenschaftler das und schlagen vor: 500 Euro sollte jedes Kind pro Monat erhalten.

Das klingt nach Träumerei? Auf gerade mal 30 Milliarden Euro schätzt ein Team der Böll-Stiftung die Mehrkosten pro Jahr. Allein die Abschaffung des Ehegattensplittings würde etwa 20 Milliarden einbringen.

Möglich wäre es also.

Stattdessen erleben wir seit Jahren diese unwürdige Aufführung aus Armutszahlen, politischem Bedauern und gleichzeitigem Nichtstun. Warum?

Inzwischen habe ich nur eine Erklärung: Am Ende sind Kinder wie Janina, Ercan und Sascha den allermeisten dann doch egal. Klar, es fällt schwer, in die runden Augen zu blicken und zuzuhören, wenn die Kleinen von ihrer Armut erzählen. Selbstverständlich müssen viele schlucken, wenn ihnen klar wird, wie unwahrscheinlich es ist, dass es in diesen Leben, die mit wenig Chancen beginnen, eine Wende zum Guten geben wird.

Aber spätestens wenn aus den süßen Zehnjährigen laute, manchmal schwierige Teenager geworden sind, wandelt sich das Mitleid vieler in Ablehnung. Sollen sie sich doch mehr anstrengen, höre ich oft. Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen! Binnen weniger Jahre werden aus den Opfern ihrer Lebensumstände Täter.

Das ist nur eine der Strategien, das Gewissen zu besänftigen. Andere ersticken ihr Mitgefühl in abstrakten Debatten, über Armutseinwanderung oder den Armutsadel. Die Milderen haben gerade vor Weihnachten wieder gespendet, immerhin.

Für echte Aufstiegschancen der armen Jungen und Mädchen aber kämpft niemand. Vielleicht, so denke ich manchmal, belügen sich vor allem die Menschen der Mittelschicht selbst. Haben sie wirklich ein Interesse daran, dass die armen Kinder mitmischen beim ohnehin angespannten Wettkampf um Karrierechancen? Oder sind viele Eltern insgeheim froh darüber, dass ein Fünftel der Konkurrenz bereits in der Schule abgehängt ist?

Ein Student, der sich ehrenamtlich um Ercans Bruder kümmerte, hat es mal so formuliert: "Es heißt immer: Kinder sind unsere Zukunft. Aber die Kinder in unserer Siedlung sind damit nicht gemeint."

Da hat er wohl recht. Offenkundig können die Deutschen ganz gut damit leben, dass zwei Millionen Kinder mit wenig Geld und noch weniger Chancen aufwachsen. Was zu tun wäre, liegt auf der Hand: Investitionen in Schulen und Kindergärten, vor allem dort, wo arme Kinder leben, Geld für günstige Wohnungen, eine Kindergrundsicherung, die den Namen verdient.

Bleiben wir weiter untätig, sollten wir zumindest auf die öffentliche Selbstkasteiung verzichten, die quartalsweise mit großer Rhetorik unternommen wird. Was für eine eingeübte Empörung! Wenn die armen Kinder jedes Mal, wenn ihr Schicksal bedauert wird, einen Zehner bekämen – dann zumindest hätten sie noch etwas von dieser billigen Heuchelei.

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