Diesmal würde es glücken! Johan war fest davon überzeugt. Während draußen der Wind ums Haus pfiff und ein feiner Nieselregen gegen die Scheiben wischte, setzte er Teewasser auf und rief seinem Quantencomputer ein freundliches "An die Arbeit!" zu. Mit einem Blinken quittierte die Spracherkennung den Zuruf, und ein leises Surren zeigte an, dass die Datenspeicher des Rechners in den Betriebsmodus wechselten. Johan war bester Dinge. Turing sei Dank! Weihnachten war vorüber, diese Zeit des allgemeinen Betroffenheitsbesoffenseins. Er hatte seinen Beitrag geleistet mit einer Postkarte ans Pflegeheim seiner Mutter. Nun hatte er endlich Zeit, sich dem neuen Algorithmus zu widmen.

Unwillkürlich suchte sein Blick das kleine Bild mit dem bärtigen Turbanträger an der Wand. "Ja, Chwarizmi", dachte er im Stillen, "diesmal bringen wir’s zu Ende." Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi war so etwas wie Johans Privatheiliger. Der arabische Universalgelehrte hatte schließlich im 9. Jahrhundert die Null eingeführt und dem Begriff "Algorithmus" seinen Namen gegeben. Und wenn etwas göttliche Macht hatte, war es doch wohl die Kraft des Algorithmus!

Denn all das, was "Schöpfung" genannt wurde – die Entwicklung des Weltalls, die Evolution des Menschen –, war letztlich nichts anderes als eine Rechenvorschrift (wenn auch, zugegebenermaßen, eine recht komplexe). Und er, Johan Neumann, würde nun den letzten logischen Schritt gehen und einen Algorithmus für die bisher nicht programmierbaren Eigenheiten des Menschen entwerfen: für seine Träume, das Faulenzen und jene Nutzlosigkeiten, die man "Muße" nannte und gegen die selbst er nicht völlig immun war.

Diese Erkenntnis hatte ihm der think-tracker beschert, jenes modische Spielzeug, mit dem die Leute neuerdings nicht nur Herzschlag und Blutdruck überwachten, sondern auch ihre Gedankentätigkeit aufzeichneten. Eines Tages hatte sich Johan das Ding, rein aus Neugier, einmal umgebunden. Als er am Abend seine Werte analysierte, staunte er: Seine effektive, rationale Gehirntätigkeit lag nur bei 76 Prozent. Daneben gab es immer mal wieder ungeordnete Denkphasen, chaotische Ausschläge nach oben oder unten oder inkohärente Gedankenmuster. Zum Beispiel hier, dieser Ausschlag kurz nach elf Uhr: Der Kollege vom Büro nebenan hatte ihm einen Witz erzählt; da, um 14 Uhr, hatte er sich von ein paar unnötigen Mails ablenken lassen, und hier, gegen halb sechs, hatte er doch tatsächlich einige Zeit lang gedankenlos zum Fenster hinausgeträumt.

Die Selbsterkenntnis hatte ihm einen regelrechten Schock versetzt. War er doch nicht so effizient und rational, wie er glaubte? Er, der Chefprogrammierer eines Unternehmens für humanoid-identische Intelligenz! Verstört hatte er an diesem Abend einen Ort zum Nachdenken gesucht und war dabei in seiner Bibliothek gelandet, jenem stillen Nostalgieraum mit den altertümlichen Wissensspeichern. Warum ihm dort ausgerechnet dieses eine Buch ins Auge stach, konnte er später gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es der grüne Einband, der sich von den blaugrauen Lehrbüchern so abhob? Vielleicht war es auch der kuriose Titel: Der elektrische Mönch. Was mochte das sein? Johan zog das Buch aus dem Regal und begann zu blättern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Die Handlung erschien unzusammenhängend und reichlich fantastisch. Doch dieser Absatz auf der dritten Seite war interessant: "Der elektrische Mönch", stand da, "war ein Gerät zur Arbeitseinsparung wie ein Geschirrspüler oder Videorekorder. Geschirrspüler spülten für einen das langweilige Geschirr und ersparten einem so die Mühe, es selbst spülen zu müssen; Videorekorder sahen sich für einen langweilige Fernsehprogramme an und ersparten einem so die Mühe, sie selbst ansehen zu müssen; elektrische Mönche glaubten für einen gewisse Dinge und ersparten einem damit, was allmählich zu einer immer beschwerlicheren Aufgabe wurde, nämlich alle Dinge zu glauben, die zu glauben die Welt von einem erwartete."

1987 war das Buch erschienen. Erstaunlich weitsichtig, dachte Johan anerkennend. Wer war der Autor noch mal? "Douglas Adams, Autor des Bestsellers Per Anhalter durch die Galaxis." Nie gehört, dachte Johan, aber die Konsequenz, mit der hier der Gedanke der Rationalisierung zu Ende gedacht wurde, gefiel ihm. Dass intelligente Systeme viel mehr konnten als Spracherkennung, Autofahren oder Haushaltspflege, lag auf der Hand. Sie jedoch auch das Glauben übernehmen zu lassen war wirklich originell.

Und warum beim Glauben stehen bleiben? Johan spürte, wie ihn ein Kribbeln erfasste. Könnte man nicht auch andere störende Eigenschaften auslagern und sich auf diese Weise davon befreien? Den ärgerlichen Hang zum Rumtrödeln und Aufschieben etwa, das unnütze Aus-dem-Fenster-Starren? Die Melancholie, die einen mitunter grundlos überfällt und einem das klare Denken raubt? Oder noch allgemeiner: all jene ineffizienten Tätigkeiten, die den Defiziten des menschlichen Charakters geschuldet sind und mit so unwissenschaftlichen Begriffen wie Religion, Kunst oder Muße belegt werden? Ja, dachte Johan, man müsste eine Maschine bauen, die auch solche Auswüchse menschlicher Idiotie simulieren könnte. Erst dann hätte man bewiesen, dass Maschinen dem Menschen wirklich auf allen Gebieten ebenbürtig oder sogar überlegen waren! Und war nicht genau dies letztlich das Ziel der künstlichen Intelligenz?