Es heißt, wir lebten in Zeiten ohne Kanon. Hatte sich das Bildungsbürgertum noch ehrfürchtig um Figuren wie Goethe oder Schiller geschart und klar zwischen hoher Kunst und Schund unterschieden, so biete sich nun die Kunst und Kultur als zerlöcherter Flickenteppich von Fankulturen dar, als Pluriversum der Filterblasen und prinzipiell gleichwertiger Einzelpräferenzen.

Doch wer weiß, vielleicht verhält es sich mit dem Kanon heute wie mit der Karte in Jorge Luis Borges’ berühmter Fabel Del rigor en la ciencia (Über die Genauigkeit von Wissenschaft). Da fertigen die Kartografen eines Imperiums eine Karte an, die derart exakt und umfassend ist, dass sie schließlich die Größe des repräsentierten Gebiets erreicht und Punkt für Punkt mit ihm zusammenfällt. In Zeiten von Globalisierung, Hybridisierung und Vernetzung ähnelt der Kanon der Kunst tatsächlich dieser Karte. Mitnichten ist er obsolet, wie oft behauptet wird. Vielmehr sieht man den Kanon vor lauter Kanon nicht. Allerorten wird daran gearbeitet, ihn noch repräsentativer, noch umfassender, noch größer zu machen, auf dass er der Realität nicht nur gerecht, sondern selbst Realität werde.

Insbesondere Großausstellungen haben seit dem späten 19. Jahrhundert dazu beigetragen, den Kanon zu einer solchen Borgesschen Karte umzugestalten. In dem damals typischen Exponate-Exzess zeichnete sich früh schon der Übergang zu jenem globalen, multipolaren Zeitalter ab, in dem wir heute leben. Immer mehr wurde zu einem legitimen Teil des Kanons.

So rehabilitierte etwa die Venedig-Biennale 1948 die unter den totalitären Regimes verfolgten Avantgarden und läutete ihre Institutionalisierung ein. Harald Szeemann präsentierte auf der Documenta 5 von 1972 ganz selbstverständlich die Kunst von, wie es damals hieß, "Geisteskranken" und die als kitschig geltenden Bildwelten des Alltags. Im Wendejahr 1989 organisierte Jean-Hubert Martin in Paris mit Magiciens de la Terre die erste Großausstellung, die Künstler aller Kontinente gleichberechtigt nebeneinander zeigte. Seitdem ist nichts mehr, wie es wohl nie war.

Aktuell knüpfen zwei Großausstellungen in Karlsruhe und München an diese Tradition an und erproben eine Neubewertung und Erweiterung des Kanons der Nachkriegszeit. Im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie liegt mit Kunst in Europa 1945–1968 der Schwerpunkt auf möglichen Gleichzeitigkeiten in der künstlerischen Produktion diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs, während im Münchner Haus der Kunst mit Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik 1945–1965 der Fokus auf Globalisierung und Dekolonialisierung gerichtet ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

In Karlsruhe öffnet sich nach einem vermasselten kuratorischen Auftakt – beim Eintritt prallt man nachgerade auf eine Stellwand – mit grob 500 Werken ein weitläufiger Parcours, und die Besucher schauen auf Ost-, schauen auf Westeuropa, oft auf beide zugleich. Wie sah die Abstraktion der 1950er Jahre in Warschau, wie in Paris aus? Was stand bei der Auseinandersetzung mit Atomkrieg und Atomkraft in Deutschland im Vordergrund, was in Italien? Wie verhielt sich Happening in Wuppertal zu Happening in Budapest in den 1960er Jahren? Warum befassten sich der in Frankreich lebende Bulgare Christo und der Russe Dmitry Krasnopevtsev zeitgleich mit verhüllten Objekten? Diese Gegenüberstellungen sind spannungsvoll und aufschlussreich, bergen jedoch auch eine Gefahr. Angesichts formaler oder motivischer Übereinstimmungen ertappt man sich immer wieder dabei, nachträglich eine europäische Einheit zu konstruieren, die es so nie gab.

Daran, dass hier tatsächlich eine Einheitsvision zelebriert werden soll, lassen die Begleittexte zur Ausstellung keinen Zweifel. Es ist schon amüsant: Nun müssen gerade diejenigen Avantgarde-Künste, die gemeinhin als eigensinnig, widerborstig und sogar gefährlich galten, als Botschafter der Europäischen Union herhalten und gleichsam staatstragende Rollen übernehmen. So schreibt Co-Kurator und ZKM-Direktor Peter Weibel im Katalog: "Wir erleben, dass Religionen, Nationen und Politik die Menschen trennen. Wir wissen, dass Kunst und Kultur Menschen und Nationen vereinen können."