Es dauert, bis die Jungen es kapieren: dass es beim Boxen auf die Füße ankommt. Dass dir die Kraft deiner Schläge nicht viel nützt im Ring, wenn die Beinarbeit nicht stimmt. "Footwork, footwork", sagt Mahmoud Boshkewa auf Englisch und beginnt zu tänzeln. Ein wenig tapsig sieht er aus mit dem gewölbten Bauch, den gekrümmten Schultern und dem weißen Vollbart. Doch keiner der Jungen im Ittihad-Boxclub in Tripolis grinst. Nach zwei Stunden Training stehen sie schweißtriefend um ihn herum. Sie schauen den Alten so konzentriert an, als könnte die kleinste Unachtsamkeit auslöschen, was sie bislang von ihm gelernt haben. Ausgerechnet von ihm, der selbst gar nicht mehr zuschlagen kann.

Mahmoud Boshkewa, ehemaliger Afrika-Meister und libyscher Champion im Halbschwergewicht, ist 64 Jahre alt. Dass er überhaupt noch mal einen Box-Club betreten würde, schien bis zum Herbst 2011 ausgeschlossen. Im Libyen des Diktators Muammar al-Gaddafi war Boxen verboten. Als im Januar 2011 die ersten Demonstranten in Bengasi und anderen Städten des Landes gegen das Regime auf die Straße gingen, hielt Boshkewa sie für lebensmüde. Als im Februar die Proteste auf Tripolis übergriffen, blieb er zu Hause.

Dann nahmen die Rebellen mit militärischer Hilfe des Westens Tripolis ein. Gaddafi flüchtete. Und Mahmoud Boshkewa packte seine Sporttasche, fuhr zum alten italienischen Stadion in der Innenstadt, brach die Tür zu den Trainingsräumen auf und sagte: "Hier wird jetzt wieder geboxt."

Moscheen und soziale Medien galten bislang als die Keimzellen der arabischen Rebellionen des Jahres 2011. Aber in Libyen hatte die Wut der Demonstranten auch viel mit Gaddafis Unterdrückung von Sportlern zu tun. Und mit seinem Sohn Saadi, dem selbst ernannten nationalen Sport-Superstar. Es waren Saadis Trainingsräume, deren Tür Mahmoud Boshkewa an jenem 18. Oktober 2011 aufbrach, um hier den "Ittihad-Club" von Tripolis zu eröffnen.

Es gibt keine Klimaanlage im Club, Duschen und Umkleidekabinen sind kaputt. Die Trainingsräume waren 2011 noch vor dem Einmarsch der Rebellen geplündert oder zertrümmert worden. Putz bröckelt von den Wänden, ein Plakat von Muhammad Ali überdeckt Risse in der Wand. In der Luft hängt der Geruch von Schweiß, Schimmel und dem Leder der Medizinbälle. Zwei Boxer absolvieren Sparring im Ring. "Den habe ich selbst zusammengebaut", sagt Boshkewa und legt mit seinen verkrümmten Fingern einem Schüler Bandagen an.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Mahmoud Boshkewa war 17 Jahre alt, als er mit dem Boxen anfing. Sein Land hieß damals Königreich Libyen. Der regierende Monarch, Idris I., war ein Führer des Widerstands gegen die Kolonialmacht Italien gewesen, was nichts daran änderte, dass die Libyer nach der Unabhängigkeit weiter italienische Importe schätzten, wie Espresso und vor allem Fußball und Boxen. Ramadan Aswad, einer der ersten Landesmeister, entdeckte eines Tages in einer Sporthalle in Tripolis einen athletischen Teenager und nahm ihn mit zum Training. "Zwei Jahre später", sagt Boshkewa, "gewann ich meinen ersten Fight." Das war 1971. Sein Land hieß inzwischen Arabische Republik Libyen, der König war im Exil, der neue Machthaber ein junger Putschist und Oberst namens Muammar al-Gaddafi.

© ZEIT-Grafik

Boshkewa hat Fotos aus den Siebzigern, auf denen er in Boxhandschuhen, Trikot und Shorts für die Kamera posiert: ein junger, durchtrainierter Kerl mit kantigem Kinn, einer für Boxer erstaunlich schmalen Nase und vollem schwarzen Haar. Er sah jenem Mann sehr ähnlich, der bald darauf seinen Traum zerstören sollte.

Gaddafi war anfangs ein populärer Staatschef. Er zwang ausländischen Öl-Unternehmen einen größeren Teil der Einnahmen ab, investierte in Straßen, Hochschulen, Krankenhäuser und genoss das Image des volksnahen Modernisierers. Boshkewa bewunderte den Revolutionsführer, weil dieser 1974 sein großes Idol Muhammad Ali nach Libyen eingeladen hatte. Die Libyer feierten ihn, "den Größten", frenetisch. Aber womöglich war das der Anfang vom Ende des Boxens in Libyen. In einer Diktatur ist es gefährlich, einen anderen als den Diktator zu bejubeln.