Als die Stiftung Männergesundheit im Jahr 2006 gegründet wurde, fand Lothar Weißbach, Initiator der Aktion und Professor für Urologie, scharfe Worte: Zur Männergesundheit schweige die Politik beharrlich. Bei der Stiftung Männergesundheit trifft man also auf wütende weiße Männer, über die ja jetzt so viel geredet wird. Nur dass die hier ganz anders sind als all die Trumps und Gaulands mit ihrer Stolperei rückwärts. Es handelt sich vielmehr um die fröhliche Avantgarde einer Bewegung für Männer, an der auch viele Frauen teilnehmen. Sie alle wussten schon zur Gründung, dass das Leitbild der "hegemonialen Männlichkeit" aus dem 19. Jahrhundert stammt und auf harte, schmerzunempfindliche und deshalb wehrfähige Jungen abzielt, während Männer, die auch eine erfüllte Vaterschaft leben, zufriedener und gesünder sind.

Heute residiert die Stiftung in der Nähe des Friedrichstadtpalastes in Berlin. Ihre Arbeit darf man vor allem als sozialpolitisch verstehen, die Unterstützung von Betrieben bei der Vorsorge ihrer Belegschaft gehört dazu. Doch es wird auch geforscht. Die größte von der Stiftung verantwortete Studie beschäftigt sich mit den Folgen der Krebserkennung und kam zu dem Schluss, dass wir heute eine schädliche Übertherapierung haben. Allerdings gilt das nur beim erkannten Krebs. Denn keineswegs gehen die Männer neuerdings scharenweise zum Arzt, um sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Noch immer rufen vor allem Ehefrauen bei den Urologen an, um Ersttermine zu vereinbaren: die Verwaltung von Körper und Seelenheil durch die Frau.

Der Mann, ob krank oder nicht, hat eher Angst, mit dem Vorwurf der Hypochondrie konfrontiert zu werden, und oft ist es diese Angst, die unmittelbar oder mittelbar krank macht. Sie stammt eben aus jenen Jahrhunderten, in denen das Überleben einer Gemeinschaft wesentlich vom Leistungsvermögen der Männer abhing. Dass Elektrizität und Frauenpower uns davon längst befreit haben, ist noch immer nicht ins Bewusstsein gedrungen.

Vor zehn Jahren lag das Durchschnittsalter für Erstberatungen im Nürnberger Männergesundheitszentrum von Lothar Weißbach denn auch bei 68 Jahren. Zwar senkte sie sich im mittlerweile in Berlin ansässigen Zentrum auf 55, doch kümmert sich eine schweigende Mehrheit noch immer nicht ausreichend um sich selbst. Die Belange der Männer befinden sich zum größten Teil in der Schweigespirale. Eine gefährliche Sache nicht nur für Männer, denn in dieser Schweigespirale gedeihen all die mit dem Mann assoziierten Leiden, die bei dem gängigen Angstlöser Alkohol anfangen und beim Hang zum Risiko und Stresserkrankungen nicht aufhören. Es ist überhaupt nicht übertrieben, anzumerken, dass sich die manifesten vitalen Nachteile dort, im Verschwiegenen, als zersetzende Kraft sammeln können.

In den USA wurde zum Beispiel eine Untersuchung zu deutlichen Auffälligkeiten in der Entwicklung der Lebenserwartung kaum beachtet. Nobelpreisträger Angus Deaton stellte mit seiner Kollegin Anna Case im November 2015 fest, dass weiße Amerikaner der Mittelschicht seit den späten neunziger Jahren eine sinkende Lebenserwartung haben. Da diese auf Selbstmorde, Alkohol und andere Drogen wie Opioide zurückzuführen ist, begann man von despair deaths zu sprechen. In den ersten Jahren verlief diese Entwicklung für Männer offenbar steiler als für Frauen, ab 2005 kehrte sich das um.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Auch bei uns näherten sich in den vergangen Jahren die Lebenserwartungen leicht an – die Nachteile der Männer werden langsam abgebaut, während Frauen zunehmend in einst typisch männliche Lebensläufe einsteigen. Keine Frage, dass diese Zahlen noch nicht gut genug erforscht sind, erste Abgleichungen zeigen jedoch eine Korrelation der steigenden Sterblichkeiten mit Wählerstimmen für Trump.

Dabei gäbe es auch ganz andere Möglichkeiten, sich Gehör zu verschaffen, man muss sich nicht den vermeintlich so männerfreundlichen Populisten anheimgeben, wie ein genauerer Blick zeigt: Zum einen sind die politischen Kämpfe der Homosexuellen nach Jahrzehnten in aller Ohren, inklusive der Forderung auf das Recht zur Adoption. Zum anderen hat sich eine Vaterrechtsbewegung formiert, die sich zwar noch nicht in Lautstärke, aber in Entschiedenheit mit den Forderungen der frühen Feministin Olympe de Gouges messen kann, die das Recht auf Bekanntgabe einer Vaterschaft forderte. Wenn Gesundheit in der Familie entsteht, ist diese Forderung zentral für eine postsexistische Gesellschaft, die ihre Schweigespiralen durchbrochen hat.

Das Patriarchat ist halt erst zu Ende, wenn der Mann sich gerade nicht immer zuerst um andere kümmert, sondern mal um sich selbst. Mehr als unglücklich ist auf dem Weg dahin nur, dass sich homo- und heterosexuelle Männer feindlicher gegenüberstehen als kaum sonst zwei gesellschaftliche Gruppen. Denn eigentlich sind ihre Forderungen identisch: das Recht, so zu sein, wie man ist, das Recht auf gleiche Versorgung, das Recht auf Vaterschaft.

Gefragt, ob Homosexuelle im Männergesundheitszentrum anders erscheinen als Heteros, sagt Lothar Weißbach sofort Ja. Erforscht sei das nicht, weil keine Gruppe als solche erfasst wird. Dass nach den Faktoren der Weltgesundheitsorganisation die Schwulen zufriedener sind als die anderen, ist für ihn jedoch offenbar. Man könnte also voneinander lernen und zusammen alles erreichen. Wäre da bloß nicht die andere Tradition aus vergangenen, streng patriarchalen Jahrhunderten: die Angst der Männer voreinander.