Erst grinst Abdullah nur, dann verwandelt sich das Grinsen in ein richtiges Lachen. Wir sitzen in der Ecke eines Imbisscafés auf Holzbänken. Mobiliartyp: ukrainisch rustikal. Vor uns stehen geleerte Kaffeebecher aus Pappe. "Deal!", ruft Abdullah in gebrochenem Englisch und lässt einen Händedruck folgen, der vor Kraft strotzt.

Abdullah ist groß, stämmig und hat ein breites Kreuz: ein Mann wie ein Baum. Er freut sich, weil er glaubt, zusammen mit seinem Freund Jussuf, der neben ihm sitzt, gerade ein richtig gutes Geschäft mit uns gemacht zu haben. Es geht um 1000 adidas-Trainingsjacken, eine Hälfte in Schwarz, die andere in Blau. Jeweils 125 Exemplare in den Größen S, M, L und XL. Jede Jacke im gleichen Design wie das Original mit geripptem Stehkragen und Raglanärmeln. So haben wir es mit Abdullah und Jussuf vereinbart. Unsere Musterjacke, die wir im adidas-Shop für 69,95 Euro gekauft haben, liegt noch neben uns auf dem Imbisstisch.

In Bussen soll die gefälschte Ware aus der Ukraine nach Deutschland transportiert werden, sagt Abdullah. Jeweils hundert Jacken werden pro Bus über die polnische Grenze in die EU geschmuggelt und von dort dann bis nach Berlin geliefert. Stückpreis: zehn Dollar. Transportkosten: etwa drei Dollar pro Jacke. "Wir kennen einige Leute an der Grenze", sagt Abdullah: "Das Geschäft ist sicher."

Das Vorbild für die gefälschte Ware: Eine Jacke von adidas originals © Steffen Dobbert

Der Verkaufsgelände ist so riesig, dass man es sogar aus dem Weltall sehen kann

Abdullah und Jussuf arbeiten an sechs Tagen in der Woche hier im Südwesten der Ukraine, auf dem größten Schwarzmarkt Europas. Siebter Kilometer heißt er. Abdullah sagt, weil der Markt 1989 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion am siebten Kilometerabschnitt der Straße zwischen Odessa und Owidiopol entstanden sei. Jussuf meint, weil die Verkaufsstände aneinandergereiht mehr als sieben Kilometer lang seien. Unter den Händlern trägt dieser Ort noch viele andere Namen. Einige sagen "toltschok", was auf Russisch "Druck" bedeutet. Schließlich ist der Druck auf die Geschäftsleute hoch. Ein weiterer, vielleicht der schönste Name für den siebten Kilometer lautet: Feld der Wunder.

Fast zwei Monate habe ich zusammen mit meiner ukrainischen Kollegin, die aus Odessa kommt und mir beim Verhandeln und Übersetzen hilft, auf dem Feld der Wunder unter verdeckten Namen recherchiert. Ich habe mich als Martin vorgestellt, der in Berlin ein kleines Sportgeschäft für Streetwear betreibt. Auch meine Kollegin ist in den Augen von Abdullah und Jussuf keine Journalistin, sondern meine alte Bekannte, die mich beim Wareneinkauf unterstützt und sich in der ukrainischen Schattenwirtschaft gut auskennt.

Etwa eine halbe Stunde braucht man vom Hafen im Zentrum von Odessa bis zum Feld der Wunder. Von Weitem könnte man den Warenumschlagplatz für einen gigantischen Vergnügungspark halten: Ein Begrüßungsschild spannt sich über die vierspurige Straße, Wegweiser geleiten die Kunden auf fußballfeldgroße Parkplätze. Die Verkaufsfläche erstreckt sich über 750.000 Quadratmeter. Das Feld der Wunder ist mehr als siebenmal so groß wie das größte Einkaufscenter Berlins.

Mit schicken westlichen Malls hat der ukrainische Schwarzmarkt wenig gemein. Hauptsächlich besteht er aus ausrangierten und bemalten Schiffscontainern. Jeweils zwei stehen übereinander. Aus dem unteren wird verkauft, im oberen lagert Nachschub der oft illegalen Waren. Zusammen bilden die mehr als 3.000 Container eine Händlerstadt, in der Menschen aus 32 Nationen arbeiten.