Wie sieht Reue aus? Wie zwei betende Hände, umschlungen von einem Rosenkranz auf nackter Haut? Wie eine zu Boden schauende Madonna, geritzt in den Stiernacken eines sichtlich schweren Jungen? Oder wie der Schriftzug "Forgive me for my sins", der den Rücken eines gesichtslosen Knackis verschnörkelt?

Reue hat kein Gewicht, keine Form, keine Farbe. Sie ist das Produkt der inneren Zwiesprache mit Gewissen und Gott und als solches unsichtbar. Darüber können auch die Fotos, die auf diesen Seiten abgebildet und einem jüngst mit päpstlichem Segen und Vorwort in Italien erschienenen Fotoband entnommen sind, nicht hinwegtäuschen. Das Reuezeichen auf der Haut ist nur ein unzureichender Indikator für die Reue des Herzens. Schließlich kann die Tätowierung eine vollzogene, aber genauso gut eine vorgetäuschte Umkehr bezeugen. Sie kann Zier sein ohne jede Bedeutung oder sogar zynisches Zeichen einer mörderischen Gegenkultur, die sich gerne christlicher Symbole für unchristliche Belange bedient. So wie die ’Ndrangheta, die kalabrische Mafia, ein Bild des Erzengels Michael für ihr pseudoreligiöses Aufnahmeritual missbraucht: Das Neumitglied vergießt sein Blut auf den Erzengel. Das Bild wird verbrannt. Der Pakt mit dem Bösen ist geschlossen.

Warum also adelt Papst Franziskus die Zeichensprache von Verbrechern mit einem geradezu hymnischen Vorwort ("Danke für das Geschenk dieses Buches!")? Wie kann er sicher sein, dass die Gefangenen mit ihren Kreuzen und Rosenkränzen wirklich geläutert sind und nicht nur so aussehen? Das Vorwort lässt keinen (Selbst-)Zweifel aufkommen. Es ist das leidenschaftliche Dokument einer merkwürdigen Verbrüderung: "Jedes Mal", schreibt Franziskus, "wenn ich ein Gefängnis betrete und in die Gesichter der Menschen schaue, denke ich: Warum sie und nicht ich? Wir sind alle Sünder, die Gottes Barmherzigkeit benötigen. Die Barmherzigkeit spendet uns Trost, Vergebung, Hoffnung." Von Sünder zu Sünder wendet Franziskus sich an die Knackis der Welt: "Ich umarme euch, bin bei euch, trage euch in meinem Herzen, segne euch, bete für euch und eure Familien. Betet auch für mich."

Die Worte kennt man. In den fast vier Jahren seines Pontifikats hat Papst Franziskus wohl mehr Zeit hinter schwedischen Gardinen verbracht als im ungeliebten päpstlichen Palast. Bei jedem seiner Besuche im Gefängnis variiert er dabei dieselbe Liebesbotschaft. Dass Päpste sich für die Schuld mehr interessieren als für die Unschuld, dass die vom Weg abgekommenen Schafe eher ihr Mitgefühl erregen als die blökende Herde, scheint spätestens seit Johannes XXIII. und seiner Weihnachtsfeier in einem römischen Gefängnis im Jahr 1958 ein immer wieder auftretendes Phänomen zu sein.

Kein Papst kommt heute ohne große Gefängnisszene aus. Selbst der schöngeistige und tendenziell menschenscheue Benedikt XVI. hörte sich 2011 brav die Sorgen und Nöte der Insassen des Gefängnisses Regina Coeli in Rom an – allerdings ließ er dabei weit mehr Sicherheitsabstand als sein Nachfolger Franziskus. Der betet nicht nur wie Benedikt mit Gefangenen, der wäscht und küsst ihnen auch die Füße. So geschehen etwa am Gründonnerstag 2013. Auch ließ Franziskus das Heilige Jahr der Barmherzigkeit am 6. November 2016 mit einer ganz besonderen Messe im Petersdom ausklingen. 3.000 Knackis einschließlich Betreuern, Sicherheitsbeamten und Gefängnisseelsorgern sangen Gott und ihm zu Ehren. Tatsächlich waren die verurteilten Sänger ihrem Papst besonders zu Dank verpflichtet. Kurz zuvor hatte der ihnen nämlich erklärt, wie sie, ohne die Heilige Pforte im Vatikan zu durchschreiten, dennoch in den Genuss des Sündenablasses kommen könnten. Dazu mussten sie nur "durch die Tür ihrer Zelle gehen und dabei ihre Gedanken und ihr Gebet an Gottvater richten". Denn "die Barmherzigkeit Gottes", so Franziskus, ist in der Lage, "die Gitter in eine Erfahrung der Freiheit zu verwandeln".

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

So leidenschaftlich, so körperlich, so vorbehaltlos seine Liebe für den Gefangenen an sich ist, unreflektiert ist diese Liebe nicht. Meist wird die Barmherzigkeit flankiert mit einer Kritik an der unbarmherzigen Gesellschaft. "Die göttliche Barmherzigkeit erinnert uns daran", sagte Franziskus etwa im Februar 2016 vor Gang-Mitgliedern in einem mexikanischen Problemknast, "dass die Gefängnisse ein Anzeichen für den Zustand unserer Gesellschaft sind, für eine Gesellschaft, die ihre Söhne und Töchter Schritt für Schritt verlassen hat. Wir dachten und glaubten, dass sich alles durch Isolierung, Abschiebung, Inhaftierung löst. Wir haben vergessen, uns auf das zu konzentrieren, was wirklich unsere Sorge sein muss: das Leben der Menschen, Ihr Leben, das Ihrer Familien und das von denen, die ebenfalls aufgrund dieses Kreislaufes der Gewalt gelitten haben."

Der päpstliche Furor schließt jedes Widerwort aus und wirkt gerade in seiner radikalen Emotionalität und Subjektivität gewinnend. Der Grad zwischen gerechtem Engagement und einseitiger Verharmlosung jedoch ist schmal. Welchen Wert misst der Papst etwa der individuellen Schuld zu, wenn der Verbrecher lediglich ein bedauernswertes Produkt einer defizitären Gesellschaft ist?