Das mit uns war keine Liebe auf den ersten Blick. Sie hatte ihre besten Jahre hinter sich. Ich entschied mich für sie, weil ich keine andere fand und nicht wählerisch war. Jetzt ist es acht Uhr morgens, und wir stehen voreinander, und sie ist hässlich. Grau und weiß, aber auch ihr Weiß wird schon grau. Auf dem Kopf ein Magenta-T, das nicht mehr leuchtet. Ein Stadtmöbel, das überflüssig geworden ist. Oder irre ich mich?

Die Wintersonne geht auf, ein neuer Freitag beginnt. 24 Stunden hat sie, die Telefonzelle, Objektnummer FC633301057, 2,30 Meter hoch, 1 Meter breit, 1 Meter lang, Münzfach und Telefonkartenschlitz, um mir zu beweisen, dass sie lebt. Überlebt.

Wir fanden uns im Internet. Ich hatte eine Seite entdeckt, die Telefonzellen mit Position listet, leider aus dem Jahr 2013. Mit dem Fahrrad fuhr ich alle Standorte ab, die in meinem Viertel lagen, es waren 18. Keine der Zellen stand noch. Nur ein Basistelefon in der Osterbekstraße, Hamburg-Winterhude, offen und zugig und meiner Sache nicht dienlich. Es sollte schon eine Zelle sein.

Es wurde diese: Hamburg, Tschaikowskyplatz, zentral gelegen, gegenüber Gerichte, Büros, die U-Bahn. Im Rücken das Karolinenviertel und damit Kaufrausch, Kneipe, Nacht. Der Fernsehturm sticht in den Himmel. Das Millerntor ist nahe. Und dann ist da noch, nur einen Molotowcocktailwurf entfernt, das Messegelände, auf dem im Sommer die G20 gipfeln werden. Bald Sperrgebiet, Kampfzone auch. Merkel, Trump, Putin, sie alle wird man an dieser Zelle vorbeichauffieren. Ein paar Tage wird sie im Fokus stehen. Wenn es sie dann noch gibt. Wetten würde ich nicht.

Ich setze mich auf eine kleine Mauer gegenüber und mustere diese Beule in der Zeit. Schwere Tür. Schweres Leben. Irgendjemand hat lustlos BRD auf die Front gesprüht, das D bricht dabei nach oben aus. Es ist halb zehn, und bisher wollte noch niemand telefonieren.

Was will der Mann von der armen Zelle, fragen Sie?

Telefonzellen gelten als überholt, abgelöst vom Handy, die Telekom baut sie ab. 1997 gab es noch 167.000, heute werden bundesweit 24.000 Stück betrieben. In Hamburg sind es 579. Die Telefonzelle ist ein Ort des Gestern. Eine Vergangenheit, die sich in die Gegenwart krallt.

War sie nicht Popkultur? Tausende Tatorte wären ohne sie undenkbar gewesen. In der Telefonzelle ließen die Drehbuchschreiber Gangster konspirieren und Schimanski abstürzen. Und wohin hätte Lola rennen sollen, wenn nicht in die nächste Zelle? Man stelle sich vor, Clint Eastwood wäre als Dirty Harry von Internetcafé zu Internetcafé gejagt – klingt das nach Klassiker?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

In der Gegenwart ist es Winter und mittlerweile zwölf Uhr vorbei. Passanten bleiben stehen und starren zu meiner Zelle. Zeigen in ihre Richtung. Wortfetzen wehen herbei.

Was das wohl soll?

Ziemlich alte Bausubstanz.

Kann doch nicht wahr sein!

Toll, denke ich, Irritation! Ich trete näher, um dem Staunen zu lauschen. Da wird mir klar, dass die Aufregung nicht meiner Zelle, sondern den Bauarbeiten dahinter gilt. Ein dreigeschossiger Altbau wird dort saniert, das beschäftigt die Leute, auf St. Pauli wird die nächste Mieterhöhung ja bei jedem Gerüst mitgedacht. Meine Zelle aber findet in der Wahrnehmung der Leute nicht statt. Niemand bleibt stehen. Niemand guckt. Als wäre meine Zelle unsichtbar. Es fiele keinem auf, würden die Bauarbeiter sie einfach mit entsorgen.

Wird dieser Text eine Grabrede? Ein letztes Halleluja? Wir haben uns versammelt. In stiller Trauer. Begleiter, Helfer, Retter in der Not. Ruhe in Frieden.

Jedes Jahr eine Million Euro Schaden durch Vandalismus

Ausrangierte Telefonzellen schafft die Telekom in einen Wald bei Potsdam. Sie nennen es Telefonzellenlager. Aber wer Bilder davon sieht, weiß, dass das Lager in Wahrheit ein Friedhof ist. Stehend werden die Zellen hier begraben. Man kann sie privat erwerben, 350 Euro das Modell in Magenta, für Selbstabholer. Es soll Leute geben, die stellen sich so eine Zelle in den Garten oder bauen sie zur Dusche um. Das ist noch schlimmer als der Tod, finde ich. Eine Telefonzelle, in der man nicht mehr telefonieren kann, ist nur noch überflüssig.

Zum Klassiker war die TelH90 nie berufen. Nicht retroschick wie ihr postgelber Vorgänger, nicht cool wie das britische Äquivalent in Tomatenrot. Wie vieles, was in den Neunzigern entworfen wurde, ist sie eine klobige Geschmacksverirrung. Der Oli P. unter den Gebrauchsgegenständen.

Es ist 13 Uhr. Ich trinke den dritten Kaffee vom Kiosk nebenan. Immer noch nichts. Darf ich wenigstens hoffen, dass die polnischen Bauarbeiter, die am Altbau malochen, in ihrer Leberwurstbrotpause für ein R-Gespräch in die Zelle gehen? Sie haben meine Zelle akkurat umzäunt und nur einen schmalen Zugang gelassen. Die Telefonnummer der Gerüstbaufirma steht auf einer Plane, und weil ich nichts Besseres zu tun habe, rufe ich an. Wann ihre Männer denn endlich in meine Telefonzelle gehen? Die Dame am anderen Ende der Leitung klingt gereizt. Die Bauarbeiter besäßen für gewöhnlich Handys und seien nicht auf Fernsprecher angewiesen, wir befänden uns schließlich im Jahr 2016, und nun möge ich doch bitte ihre Leitung für wichtigere Anliegen freigeben, schönen Tach noch.

Um 14 Uhr parkt ein Lieferwagen meine Telefonzelle zu. Ich klopfe ans Fenster, der Fahrer steigt aus. Ich sage ihm, dass er so nicht stehen bleiben könne. Erstens sähe ich so gar nichts mehr von der Zelle, und zweitens komme niemand hinein. Was, wenn sich ein Unfall ereigne, während er seine Salatköpfe auslädt, und funklochbedingt bleibe nur die Telefonzelle, um den Notruf abzusetzen? Ob er mit der Schuld leben könne? Fluchend setzt der Vollbärtige seinen Sprinter zurück. Bei der Abfahrt zeigt er mir den Mittelfinger und schreit: "Da will niemand rein, du Wurst!"

Womöglich hat er recht. Da will niemand rein. Ich Wurst. Es ist 15 Uhr. Mir ist langweilig, ich schaue mir alte Urlaubsfotos auf dem Handy an.

Dann rufe ich bei der Telekom an. Die Frau dort, Abteilung Group Services, sagt, dass man den Bestand der Telefonzellen laufend dem Bedarf des Bürgers anpasse. Der Bürger telefoniere mobil. Statistisch gesehen kommen auf jeden Deutschen 1,4 SIM-Karten. Mit den Kommunen hat die Telekom vereinbart, dass ein Anschluss, der weniger als 50 Euro im Monat einbringt, geräumt werden darf. Strom, Standmiete und Wartung sind teuer. Jedes Jahr eine Million Euro Schäden durch Vandalismus.

Ich rufe auch beim Bezirksamt Hamburg-Mitte an. "Da steht eine Telefonzelle?", fragt die Sprecherin. Ich verabschiede mich höflich. Ich denke nach.

Vielleicht existiert die Telefonzelle allein für mich? Sehe nur ich sie? Aber wie erwirtschaftet die Zelle, vor der ich kauere, 50 Euro, wenn niemand hineingeht?

Es gibt ein paar Folgen von Superman, da stresst sich Clark Kent fürchterlich, weil die Telefonzelle, die er für seine Verwandlung aufzusuchen pflegt, stark frequentiert ist. In meiner Zelle hier, denke ich, könnte Kent kostümiert noch ein Pastramisandwich essen, niemand nähme davon Notiz.

Ich sitze auf meiner Mauer und friere.

Dann antwortet mir Kravate, Elektromusiker aus Berlin. Im September hatte er über Facebook zum Tag der Telefonzellen aufgerufen: An die Hörer, Freunde anrufen, Fotos schießen, sharen! Erreicht hat er 87 Leute, mitgemacht haben zwei. Kravate schreibt: "Als Nostalgiker wollte ich die handygesenkten Köpfe, zu denen auch ich mich zähle, daran erinnern, wie schön es früher war, einen richtigen Anruf zu erhalten. Resonanz? Null." Er schickt dann noch einen Smiley nach, einen seelischen Schaden hat Kravate offenbar nicht am Engagement für die Telefonzelle genommen. Für mich kann ich das nicht ausschließen.

Die Uhr der Gnadenkirche schlägt vier Mal, 16 Uhr. Man merkt ja erst, wie zäh die Zeit fließt, wenn man darauf achtet. Der rote Mülleimer vor der Zelle nervt, ständig lockt er Leute an, von denen ich glaube, sie wollten in die Zelle. Ich stehe dann auf, nur um zu sehen, dass wieder bloß ein Taschentuch oder ein Kaffeebecher entsorgt wird. Ich will den Eimer verschieben, aber er ist zu schwer. Bis an den Rand quillt der Abfall. Mülleimer, scheint mir, sind ein krisensicheres Stadtbildelement. Anders als meine Zelle. Die steht da und kann nicht anders, und ich stehe neben ihr, aber das nicht mehr lange durch, vor lauter Verzweiflung fange ich schon an, Luther zu zitieren. Wenn nicht bald was passiert, passiert hier was. Dann schlage ich meine drei Thesen an die Telefonzellentür.

These 1: Es sollte verboten sein, einen Reporter bei minus zwei Grad Celsius in den Außeneinsatz zu schicken.

These 2: Deine Zeit ist vorbei, Telefonzelle. So was von vorbei.

These 3: Du bist eklig, du riechst schlecht, das war schon immer so.

Ich hatte auf die Spuren von Exzessen gehofft

Ist das immer noch so? Wenn niemand hineingeht, gehe ich halt selbst hinein, 18 Uhr. Wie eng es ist, fast vergessen. Ein Quadratmeter Klaustrophobie. Ich greife ins Münzfach, ein als Schulkind antrainierter Reflex. 20 Cent Mindesteinwurf verlangt das Display, die erste Minute ins Festnetz kostet 50 Cent und jede weitere 10 Cent. Die Wähltasten sind so riesig, dass man sie auch mit drei Promille noch träfe. Telefonbücher gibt es nicht mehr, was aber egal ist, schließlich fand man sowieso nie die Nummer, die man suchte, weil die Seite, auf der diese hätte stehen können, rausgerissen war oder angekokelt.

Es riecht gar nicht so schlimm, bisschen alt vielleicht, aber noch nicht nach Tod. Eher ein alt, wie man es noch aus dem Zivildienst im Seniorenheim kennt, als man die Rentner wenden musste und der Pfleger danach sagte: "Der Herr Jansen bleibt uns noch eine Weile erhalten!"

Ich hatte auf die Spuren von Exzessen gehofft, wäre sogar über Erbrochenes gestiegen. Früher lagen immer Flaschen in den Telefonzellen, Schnaps meist, in besseren Vierteln auch mal ein Sekt. Kaugummis oft, Kondome manchmal. Bei großem Finderglück eine Geldbörse, die man zur Polizei brachte. Nachdem man das Geld entnommen hatte. Und je näher die Zelle dem Hauptbahnhof war, desto mehr Fixerspritzen stapelten sich.

Wenn ich es mir recht überlege, machte gerade dieser konvolutartige, zum Teil schon verwesende Abfall die Telefonzelle aus. Da wurde für jeden Besucher sichtbar das Leben kompostiert, wurde das Zurückgelassene in Sedimenten der Zelle anvertraut und damit dem Schoß der Zeit.

Die Telefonzelle war der kleinste gemeinsame Nenner einer Gesellschaft, die noch nicht simste und whatsappte. Hier musste jeder hinein, der einen Anruf von unterwegs tätigen wollte, und jeder war hier gleich. War bei sich. Spielte Telefonstreiche. Rief 0190er an, sexmal die Sechs. Hier wurde gelitten, gestritten, geliebt. Gefickt, gesoffen und randaliert. Hier ging hinein, wer sich und sein Gespräch vor der Welt verbergen wollte. Koks vertickende Dealer. Genervte Jugendliche. Untreue Ehemänner. Auch Kanzler Kohl soll für besonders wichtige Telefonate in die Telefonzelle gegangen sein. Und heute? Headsethölle! Der ganze Bahnwaggon ist gezwungen, die flatratebedingt ins Epische ausgewalzten Probleme fremder Menschen mitzuhören. Und Merkels Handy wird abgehört.

War früher alles besser?

Wieso klinge ich wie ein Rentner?

Ist doch wahr!

Ich trete raus, an die kalte Luft, keiner wartet. Man kann nicht nicht kommunizieren, hat Paul Watzlawick gesagt. Er kannte meine Telefonzelle nicht. Die ist dem Kommunikationsgarnichts ziemlich nahe. Was ironisch ist: Sie wurde doch aufgestellt, um Menschen zu verbinden. Jetzt steht sie wie ein Findling in der Stadt herum.

Ich zähle mit: 28 Menschen ziehen pro Minute vorbei. Zu Fuß, auf dem Rad, mit Kinderwagen. Allein, zu zweit, in der Gruppe. Macht 1.680 Menschen in der Stunde und 13.440 Menschen an einem Achtstundentag. 13.440 Menschen, aber keiner sieht dich – die ultimative Einsamkeitsformel. Und ich, der ich der Zelle gegrollt habe, weil ich ihretwegen in der Kälte ausharren muss, merke, wie mich eine Traurigkeit packt. Die Maschine ergreift mein Herz. Deine Einsamkeit ist meine Einsamkeit. Ich hole Luft und umarme die Zelle. Wie kalt sie ist. Ich höre ein Fahrrad bremsen. Kichern hinter mir. Egal.

Ich sehe dich, Zelle. Ich bin da.

Ich würde gerne sagen, dass es dir bald besser geht, aber ich mag dich nicht anlügen. Bleib aufrecht, im Wind, im Schnee und im Vergessen.

Dann ist der Moment vorüber, und ich klettere auf meine Mauer zurück. Der Himmel wird schwarz. Was tun?

Ich versuche halbherzig, zwei Hipster zu bestechen, damit sie einen Anruf machen, ich würde ihnen sogar die Münzen geben, sage ich. Die beiden gucken, als wollte ich ihnen Heroin verkaufen. "Wir müssen leider auf Party", sagt der eine. Der andere hat den Partygastgeber am Handy und sagt: "Wir sind jetzt da."

Hätte man in der Telefonzelle nie gemacht, denke ich. Da rief man an, wenn man Dringliches zu besprechen hatte. Ein Partygastgeber hätte gemerkt, dass man da ist. Wenn man da ist.

Es ist längst Nacht, da nähert sich noch ein koboldhafter Mann mit Jack-Russell-Terrier meiner Zelle. Auch er wird nur seinen Müll versenken, denke ich, aber da ist er am Eimer vorbei und steht vor der Tür. Der Erste – Schicksal, ich danke dir! Ich gehe im Kopf meine Fragen durch: Huhu, darf ich wissen, wen Sie angerufen haben? Sie haben kein Handy, richtig? Wie stehen Sie generell zu Telefonzellen, der Herr? Spüren Sie da noch eine Verlässlichkeit, die im 21. Jahrhundert abhandengekommen ist?

Ich habe all das parat und bin fast beim Koboldmann, da sehe ich, wie der Terrier sein Bein hebt und meine Zelle vollpisst. Die ganze Scheibe, die Wand, die Tür, er hört gar nicht mehr auf. Erstaunlich, wie viel Urin in so einen Hund passt.

Der Koboldmann sagt dann noch, er besitze nicht nur ein Handy, sondern sogar zwei. Telefonzellen werde er nicht vermissen. Wir reichen uns müde die Hand. Dann steige ich über die Urinpfütze, öffne die Zellentür, werfe 20 Cent in den Schlitz und rufe mir ein Taxi. Mein Handyakku ist leer.