DIE ZEIT: Der Terror wird normal: Charlie Hebdo, Bataclan, Brüssel, Nizza, nun Berlin und Istanbul. Verändern die jüngsten Attentate zum Jahreswechsel Ihren Blick auf 2017? Was macht Ihnen besondere Sorgen?

Gilles Kepel: Zweierlei. Die Türkei steht durch ihren jüngsten Strategiewechsel in der Syrienpolitik vor spezifischen Zerreißproben, die auch Auswirkungen auf Deutschland haben können und seine türkischen Einwohner möglicherweise in Unruhe versetzen. In Istanbul wurde mit dem Anschlag auf die Diskothek die gemischte, multinationale Gesellschaft der modernen Türkei getroffen, die sich der Ordnung Erdoğans nicht fügt. Das Attentat trägt zur Spaltung der türkischen Gesellschaft bei, es zerstört sie von innen. Aber ich bin außerdem in Sorge um Italien, wo der Berliner Attentäter ja von einem Polizisten erschossen wurde. Das kann der "Islamische Staat" als eine willkommene Provokation von Racheakten durch weiteren Terror auffassen. Italien ist in Sicherheitsfragen und als Transitland für Radikalisierte noch schlechter für den Kampf gegen den Terror gerüstet als Deutschland.

ZEIT: Inwiefern ist Deutschland schlecht gerüstet? Das Land hat in den siebziger Jahren entschieden den Kampf gegen die RAF geführt, es hat eine starke polizeistaatliche Tradition, und die verschiedenen Behörden hatten den Berliner Attentäter Amri fest im Blick.

Kepel: Die Handlungsfähigkeit täuscht leicht, und darin liegt eine Schwäche: Die Institutionen sind veraltet. Sie waren im Kampf gegen die RAF-Terroristen hierarchisch, pyramidenförmig organisiert. Aber ein Staat, der so aufgebaut ist, ist sicherheitspolitisch von gestern, er ist allzu wirkungslos gegen die situativen Mobilisierungen einzelner islamistischer Attentäter. Hinzu kommt: Deutschland ist nicht nur durch die föderalistische Vielfalt seiner zuständigen rechtsstaatlichen Institutionen und Informationsdienste fehleranfällig. Es lehnt zudem aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit den starken Zentralstaat ab, der nun in Frankreich den Ausnahmezustand verhängt hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

ZEIT: Lassen Sie uns zunächst auf das Berliner Attentat zurückblicken, immerhin ist es in Deutschland das erste dieses Ausmaßes und hat symbolischen Charakter. Bedeutet es eine Zäsur?

Kepel: Das Attentat von Istanbul verstärkt die Wirkung des Anschlags von Berlin. Er öffnet uns die Augen dafür, wie spät wir Europäer sicherheitspolitisch dran sind: Mit großer Verzögerung wird sich Deutschland nun bewusst, dass es seine Verletzbarkeit durch den Terror unterschätzt hat.

ZEIT: Besonders verletzbar schien bisher Frankreich zu sein. In Deutschland galt vielen Intellektuellen das Nachbarland als hausgemacht terrorgefährdet: Der republikanische Laizismus sei als eine Ursache für den Terror mitverantwortlich, desgleichen die miserable Situation der jugendlichen Einwandererkinder aus den ehemaligen französischen Kolonien, die hohe Arbeitslosigkeit. Kommt Ihnen diese Haltung naiv vor?

Kepel: In Deutschland meinten viele, im Terror kehrten die verdrängten kolonialen Sünden Frankreichs zurück, und demgegenüber schien die Integration in Deutschland zumal in den Arbeitsmarkt doch besser gelungen. Es gibt zweifellos historische Verbindungslinien des Dschihad in die koloniale Vergangenheit, wie etwa das Attentat zeigt, das der Islamist Mohamed Merah am 19. März 2012, also am 50. Jahrestag der algerischen Unabhängigkeit von Frankreich, auf eine jüdische Schule in Toulouse verübt hat. Dennoch hat sich die Argumentation, Deutschland sei durch Integration besser vor Terror geschützt, ziemlich erledigt. Jetzt erinnert man sich daran, dass es auch in Deutschland eine dschihadistische Tradition gibt. Die Attentäter von 9/11 um Mohammed Atta kamen aus Hamburg-Harburg, dort sind sie in der Moschee ideologisch geschult worden. Und die Zahl der deutschen gen Syrien gezogenen dschihadistischen Kämpfer ist gleich hinter Frankreich die zweithöchste Europas.

ZEIT: War an dem Berliner Anschlag für Sie also gar nichts überraschend?

Kepel: Leider wenig. Er folgt weitgehend dem verbreiteten Muster der Attentate der dritten Generation der Dschihadisten.

ZEIT: Inwiefern die dritte?

Kepel: Die erste Generation der Gotteskrieger kämpfte ihren Dschihad vor allem gegen muslimische Bevölkerungen, etwa im Algerien der neunziger Jahre. Die zweite Generation, gründlich geschult und übrigens ebenso hierarchisch organisiert wie die Geheimdienste und Sicherheitskräfte ihrer Gegner, richtete den Terror gegen den "fernen Feind", die USA. Und die dritte Generation, nun individuell in islamistischen Netzwerken rekrutiert und mobilisiert, will den alten Kontinent Europa von innen zerstören, indem sie durch vielfache punktuelle Gewalt überall Angst und Lähmung verbreitet.

ZEIT: Was meinen Sie mit der Betonung des Netzwerkcharakters?

Kepel: Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfasst sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke, sie können in der digitalen Kommunikation und durch persönliche Ansprache lauter Außenseiter, Drop-outs, Ausgeschlossene im gemeinsamen Kampf miteinander verbinden. Jeder Einzelne in solch einem Netzwerk kann, selbst wenn er Analphabet ist, durch den Terror eine ganze Gesellschaft in Geiselhaft nehmen.