Ein grauer Wintertag am Stadtrand von München, am Ende einer verwinkelten Straße öffnet ein Mann mit zauseligen Haaren und grauweißem Bart die Tür, Karlheinz Geißler, 72 Jahre alt. "Egal wann Sie kommen, bei mir sind Sie immer pünktlich", sagt er zur Begrüßung. Ein helles, aufgeräumtes Haus, ein kleiner Garten mit Vogelhäuschen, im Eingang steht ein gefalteter Rollstuhl. Geißler hinkt ins Wohnzimmer, wo wir mit ihm über sein Lebensthema sprechen wollen:Zeit.

DIE ZEIT: Herr Geißler, wie viel Zeit haben wir für das Gespräch?

Karlheinz Geißler: Genügend. Ich mache nie mehr als einen Termin pro Tag aus. Überhaupt mache ich ungern Termine aus.

ZEIT: Wir haben ein ereignisreiches Jahr hinter uns: Trump, Brexit, Zika-Virus, der Putschversuch in der Türkei, der Kampf um Aleppo, Anschläge in Orlando, Brüssel, Nizza, München, Berlin. Kann es sein, dass alles immer schneller wird, dass die Zeit rennt?

Geißler: Nein, die Geschwindigkeit der Zeit ändert sich nicht. Die Zeit ist immer gleich. Nur wir Menschen stecken immer mehr hinein. Vor ein paar Jahren gab es für Nachrichten den Fernseher und das Radio. Heute, mit den Smartphones – mit WhatsApp, Facebook, Twitter –, werden wir permanent überschüttet mit neuen Ereignissen. Die Informationsdichte wird immer größer – und das verdichtet unsere Zeit.

Der moderne Mensch ist ein gehetztes Wesen. Er isst im Gehen, checkt Mails, wenn er im Bus sitzt, telefoniert auf dem Fahrrad, arbeitet mit Deadlines. Kaum ein Vorsatz für das neue Jahr wird in Umfragen häufiger genannt als:"Mehr Zeit haben für Familie und Freunde". Wie aber kann es sein, dass wir uns immer mehr Zeit wünschen, obwohl wir eigentlich immer mehr davon haben? Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren, sie hat sich in den vergangenen 130 Jahren verdoppelt. Zugleich hat sich die Arbeitszeit verringert: auf weniger als 38 tarifvertraglich festgelegte Wochenstunden. Vor rund hundert Jahren waren es noch 57 Stunden. Auch die Wegzeiten werden kürzer: Die Züge fahren schneller als früher, man kann mal eben ins Flugzeug steigen. Sogar die Schrittgeschwindigkeit von Passanten in Industrieländern hat innerhalb eines Jahrzehnts um zehn Prozent zugenommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

ZEIT: Wir sparen immer mehr Zeit, und doch haben wir immer weniger davon. Wie kann das sein?

Geißler: Wir stopfen immer mehr in unseren Alltag, und das macht die Zeit eng. Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun.

ZEIT: Was ist denn das überhaupt – die Zeit?

Geißler: Zeit ist für den Menschen das, was für die Fische Wasser ist. Ein Element, in dem sie sich bewegen. Die schwimmen darin, ohne nachzudenken, worin sie schwimmen. So geht es den Menschen mit der Zeit. Eine eindeutige Definition davon, was Zeit ist, gibt es nicht. Jeder wird Ihnen was anderes antworten. Ein Germanist würde sagen: Zeit ist ein einsilbiges Wort. Für einen Physiker ist Zeit Veränderung. Für einen Biologen Evolution. Für einen Betriebswirt ist Zeit Geld. Und wenn Sie meine sechsjährige Enkelin fragen, dann wird sie sagen: Zeit ist eine Farbe, mal Grün, mal Gelb, mal Blau.

Karlheinz Geißler ist Zeitforscher und emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik. 31 Jahre lehrte er an der Universität der Bundeswehr in München. Er ist Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, die für einen "bewussten Umgang mit der Zeit" plädiert, und leitet ein Institut für Zeitberatung. Er hat mehr als ein Dutzend Bücher über die beschleunigte Gesellschaft geschrieben, über den Alltagsstress und den Nutzen von Pausen.

ZEIT: Herr Geißler, wie kommt es, dass Sie sich so intensiv mit der Zeit beschäftigen? Hat das etwas mit Ihrer körperlichen Verfassung zu tun?

Geißler: Mein ganzes Leben schon bin ich zur Langsamkeit gezwungen. Als ich fünf Jahre alt war, bin ich an Kinderlähmung erkrankt. Ich lag ein Jahr lang im Bett.

ZEIT: Sie konnten sich ein Jahr lang nicht bewegen?

Geißler: Wenig. Als es wieder besser wurde, musste ich ein zweites Mal das Gehen lernen. An meinen Beinen ist etwas zurückgeblieben, deswegen hinke ich bis heute. Jetzt im Alter wird das schlimmer, außerhalb der Wohnung kann ich mich nur noch im Rollstuhl bewegen.

ZEIT: Das war sicher nicht leicht als Kind.

Geißler: Wenn meine Mitschüler zum Bus rannten, konnte ich nur zuschauen. So habe ich gelernt, genug Zeit einzukalkulieren, immer einen Bus oder eine Bahn früher zu nehmen.

ZEIT: Sie erforschen also die Zeit, weil Sie immer sehr viel davon hatten.

Geißler: Meine Lebenssituation ist sicher ein Grund dafür. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr auf Beschleunigung setzt. Als Außenstehender kann man das leichter erkennen.

ZEIT: In welchen Momenten wünschen Sie sich, dass Sie laufen und beschleunigen könnten?

"Es gibt auch noch andere Zeiten als die Uhrzeit"

Geißler: Ich würde gern auf die Berge hier in Bayern steigen, aber das könnte ich nur mit Hilfsmitteln. Ich habe gelernt zu verzichten, das musste ich mein Leben lang.

ZEIT: Worauf?

Geißler: Ich kann nicht Auto fahren. Reisen geht auch nur bedingt, nur mit anderen Leuten. Und ich kann meinen Enkelkindern nicht hinterherlaufen.

ZEIT: Ist Ihr Zeitempfinden ein anderes als das der meisten Menschen?

Geißler: Mein Umgang mit der Zeit ist ein anderer. Ich habe viele Nachteile wegen meiner Krankheit. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was kann ich, was die anderen nicht können? Ich kann zum Beispiel sehr gut warten. Das hat diese Gesellschaft verlernt. Und ich lasse mir von einer Uhr nicht mein Leben diktieren.

Karlheinz Geißler trägt keine Uhr, und auch in seinem Haushalt hängt keine. Er hat kein Handy, nur ein Festnetz-Telefon. Wenn er wissen will, wie spät es ist, fragt er seine Frau oder ruft bei der Zeitansage an.

ZEIT: Was haben Sie gegen Uhren?

Geißler: Uhren muss man nicht tragen, sondern nur ertragen. Sie sind moderne Diktatoren.

ZEIT: Woran machen Sie denn fest, dass wir in einer Diktatur der Zeit leben?

Geißler: Moment, Sie verwechseln die Zeit mit der Uhr! Wir leben nicht in einer Diktatur der Zeit, sondern in einer der Uhr. Viele halten die Uhr für die Zeit. Aber die Uhr ist nur ein mechanisches Messgerät für die Zeit. Es gibt auch noch andere Zeiten als die Uhrzeit.

ZEIT: Welche?

Geißler: Die Naturzeit. Unser Körper ist wie alle Natur rhythmisch organisiert. Ich lasse mich nie von einem Wecker wecken. Trotzdem wache ich jeden Morgen um acht auf. Also nicht um Punkt acht Uhr, sondern mal ein paar Minuten früher, mal ein paar Minuten später.

ZEIT: Sie meinen unsere innere Uhr?

Geißler: Nein, die meine ich nicht. Der Körper hat keine eigene Uhr, er hat einen eigenen Rhythmus. Die Uhr drängt einem ein anderes Muster der Zeitorganisation auf: nämlich den Takt. Das ist ein gravierender Unterschied.

ZEIT: Worin besteht der Unterschied?

Geißler: Ganz einfach: Der Rhythmus ist Wiederholung mit Abweichung. Und der Takt ist Wiederholung ohne Abweichung. Eine Uhr muss taktförmig genau präzise 60 Sekunden haben für eine Minute. Wenn sie rhythmisch wäre, hätte sie einmal 65 und einmal 55 Sekunden für eine Minute.

ZEIT: Der Takt ist also viel präziser.

Geißler: Ja. Und genau das ist das Problem! Der Takt läuft unserer Natur zuwider, unser Körper ist eigentlich für den Rhythmus gemacht. Aber wir ignorieren das. Zum Beispiel bei unserem Schlafgefühl. Ich habe vor Kurzem mit der Firma Metro zusammengearbeitet. Da hat mir jemand erzählt, dass sich die Verkäuferinnen in China einfach ins Regal legen und schlafen, wenn sie müde sind. Sie reagieren auf ihre Natur. In Deutschland wäre das undenkbar! Wir haben die Naturzeit vergessen. Deshalb erleiden so viele Menschen ein Burn-out oder einen Herzinfarkt.

Glaubt man Karlheinz Geißler, orientierten sich die Menschen bis zum Ende des Mittelalters an den Rhythmen der Natur, besonders an Sonne und Mond. Winter- und Sommersonnenwende bestimmten den Jahreslauf. Sonnenaufgang und -untergang bestimmten die Tageslänge. Auch die Stunden waren unterschiedlich lang – je nach Jahreszeit manchmal 40, manchmal 80 Minuten. Denn die Menschen nahmen einfach die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang und teilten sie durch zwölf. Wenn man sich verabredete, richtete man sich nach der Länge der Schatten. Das änderte sich erst, als es mechanische Uhren gab.

ZEIT: Herr Geißler, wer hat die Zeit erfunden?

Geißler: Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Die Zeit als Idee entstand vor 600 Jahren, am Ende des Mittelalters, mit der Erfindung der mechanischen Uhr. Sie wurde wahrscheinlich von einem Mönch in einem Kloster nördlich von Mailand erfunden. Die Uhr war in erster Linie ein Wecker, sie sollte den Mönchen helfen, ihre Gebetszeiten einzuhalten. Vorher gab es in den Klöstern lediglich Kerzenuhren.

ZEIT: Kerzenuhren?

Geißler: Man hat eine Kerze genommen und darauf mit Strichen eine Zeitskala markiert. Dann hat man einen Metallstift in die Kerze gesteckt. Die Kerze brannte runter, und der Metallstift fiel raus und machte Krach. So sind die Mönche aufgewacht. Der Nachteil war, dass einige Klöster abgebrannt sind.

ZEIT: Das heißt, die Uhr wurde erfunden, um Gott zu huldigen?

Geißler: Der Mönch hätte seine Erfindung wahrscheinlich gerne zurückgezogen, wenn er geahnt hätte, was er damit auslöst: Vorher glaubten die Menschen, Gott sei der Herrscher über die Zeit. Aber durch die Uhr wurde Gott der Zeit beraubt. Sie gehörte nicht mehr ihm allein, sie gehörte jetzt auch den Menschen. Die Uhr befreite sie.

ZEIT: Inwiefern?

Geißler: Die Menschen konnten ihre Zeit selbst gestalten. Sie begannen sich als selbstständiges Individuum zu sehen und nicht mehr als ein Partikel in einer von Gott gelenkten Welt. Vor allem bei den Kaufleuten in den Handelsstädten, in Mailand, Florenz, Venedig, Genua und Pisa, war das so. Sie sahen die Uhr als Chance, ihren Handel präziser zu organisieren. Sie entfernten sozusagen den Glauben aus der Zeit, bis sie leer und kahl war, und besetzten sie mit einem neuen Kriterium: Geld. Das war der Beginn der Moderne. Die Moderne ist eine Uhrzeit-Moderne.

"Die Uhr ist die Mutter aller Maschinen"

ZEIT: Welche Auswirkungen hatte das?

Geißler: Vor allem wirtschaftliche: Die ersten Banken wurden gegründet, zum Beispiel die gerade taumelnde Monte dei Paschi di Siena. Banken machen ja letztlich nichts anderes, als Zeit in Geld zu verrechnen. Das Zinsverbot wurde aufgehoben, weil man jetzt die verstreichende Uhrzeit in Zins berechnen konnte. Die doppelte Buchführung entstand und die ersten Versicherungen. Die gleich lange, 60 Minuten dauernde Stunde wurde eingeführt. Die Kirche wehrte sich zunächst, aber spätestens als der Vatikan selbst eine Bank gegründet hatte, gab sie ihren Widerstand auf. Letztlich ist der Kapitalismus durch die Uhr entstanden.

ZEIT: Der Soziologe Lewis Mumford meinte, dass die Uhr – und nicht die Dampfmaschine – die "Urmaschine des modernen Industriezeitalters" sei.

Geißler: Ja, das könnte man so sagen. Die Uhr ist die Mutter aller Maschinen. Sie hat im 15. Jahrhundert die Moderne auf den Weg gebracht. Und die Dampfmaschine in einer zweiten Phase im 18. Jahrhundert die Beschleunigung. Aber die Basis unseres Wohlstandes liegt darin, dass wir in Europa als Erstes Zeit in Geld verrechnet haben. Und dass wir verstanden haben, was für eine Revolution die Uhr darstellt.

ZEIT: Wie war das in anderen Kulturen?

Geißler: In China gab es auch Uhren, aber die Kaiser betrachteten sie vor allem als hübsches Spielzeug.

ZEIT: So wie es der Schriftsteller Christoph Ransmayr in seinem neuen Roman Cox oder Der Lauf der Zeit beschreibt. Der erzählt die Geschichte eines englischen Uhrmachers, der an den chinesischen Kaiserhof berufen wird, um Uhren zu bauen für die Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe.

Geißler: Ransmayr beschreibt das sehr gut, das war wirklich so. Die Jesuiten sind im 17. Jahrhundert aus italienischen Handelsstädten nach China gereist, um das Land zu missionieren. Sie brachten besonders schöne Schmuckuhren als Geschenke mit. Als die Jesuiten ein paar Jahre später wieder nach China reisten, stellten sie fest, dass der Kaiser keine Verwendung für die Uhren hatte. Sie lagerten in der Spielzeugabteilung seines Palastes. Auch die Japaner hatten lange kein Interesse an der Uhr: Bis 1871 hatten sie nicht mal ein Wort für die Zeit und daher auch keine Zeitmessung.

ZEIT: Ganz anders als im Westen. Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, formulierte schon 1748 die berühmten Worte: Time is money.

Geißler: Das ist ein zentraler Satz. Er korrespondiert mit unserem protestantischen Arbeitsethos. Die Frage ist, ob wir nicht zu Untertanen der Uhr geworden sind. Ob wir uns in unserem Denken und Wirtschaften nicht zu abhängig gemacht haben vom Takt der Uhr. Seit der Erfindung der Uhr bedeutete Herrschaft auch immer: Herrschaft über die Zeit. Jeder größere Ort führte seine eigene Zeit ein, um sich vom Nachbarort abzugrenzen. Wer etwa 1890 mit der Eisenbahn um den Bodensee fuhr, musste seine Uhr fünfmal umstellen. Das ging so lange, bis die Eisenbahner in Amerika protestierten. Sie wollten nicht länger an jeder Station die Uhr umstellen und führten ihre eigene Uhrzeit ein: die Eisenbahnzeit. Die wachsende Mobilität erforderte eine Vereinheitlichung, auch in Europa.

Im Oktober 1884 trafen sich Vertreter aus 25 Ländern zur Internationalen Meridiankonferenz in Washington, D. C. Sie legten eine Weltzeit fest, teilten den Globus in 24 Zeitzonen ein und bestimmten den Nullmeridian, der durch Greenwich, Ostlondon, verläuft. Seit dem 1. April 1893 ist die Mitteleuropäische Zeit Deutschlands gesetzliche Uhrzeit. Bis heute ist die Zeit ein Herrschaftsinstrument geblieben. Als Putin die Krim annektierte, stellte er die Uhr zwei Stunden vor und führte die Moskauer Zeit ein. In Venezuela drehte Hugo Chávez die Uhrzeit um eine halbe Stunde zurück und führte eine eigene Zeitzone ein. Genauso Kim Jong Un in Nordkorea. Chávez wollte angeblich nicht mehr in der gleichen Zeitzone wie Teile der USA leben. Kim Jong Un wollte nicht, dass sein Land dieselbe Zeit hat wie Südkorea oder Japan.

ZEIT: Seit der Erfindung des Internets hat doch eine Befreiung vom Diktat der Uhr stattgefunden, oder nicht? Wir brauchen jetzt keine festen Zeiten mehr, um mit Kollegen zu kommunizieren oder um einkaufen zu gehen.

Geißler: Diese neue Flexibilität hat sicher Vorteile. Aber sie hat auch eine Kehrseite, die häufig unterschätzt wird. Das Internet ist ja die komplette Entgrenzung. Alles ist plötzlich jederzeit machbar. Wie Sie sagen: Sie können von zu Hause arbeiten, Sie können nachts shoppen, die Ladenschlusszeiten heben sich auf. Hier mal eine Zahl: Leitende Angestellte in den Siebzigern haben jährlich eintausend Nachrichten bearbeitet. Heute, mit der Erfindung der E-Mail, sind es dreißigtausend Botschaften im Jahr! Wir unterschätzen, mit welcher Überforderung diese neue Flexibilität einhergeht.

ZEIT: Aber wenn wir mal länger arbeiten müssen, sind wir doch froh, wenn wir auch noch um neun Uhr abends einen Liter Milch einkaufen können.

Geißler: Es ist eine zusätzliche Belastung für den Menschen, wenn er sich komplett selbst organisieren muss. Wenn er keine Ruhezeiten mehr hat. Wenn er sich ständig entscheiden muss, weil es eine Überzahl an Möglichkeiten gibt.

ZEIT: Sehen Sie es doch mal so: Noch nie hatte der Mensch so viel Freiheit, selbst über seine Zeit zu entscheiden, wie heute!

Geißler: Und genau da liegt das Problem. Das macht den Zeitdruck aus. Der Staat übernimmt diese Entscheidungen nicht mehr und auch nicht die Vorgesetzten. Der Mensch kann so viel Freiheit nicht ertragen. Flexibilität ist nur ertragbar durch Stabilität. Das heißt, ich bin nur dann flexibel, wenn ich Rituale habe, wenn ich feste Zeiten habe.

ZEIT: Dann sollten wir also wieder Stechkarten einführen? Und Amazon sollte Öffnungszeiten haben?

Geißler: Natürlich nicht. Aber es ist eine Illusion, dass wir darin nur die Freiheit sehen und nicht die Belastung. Die Ökonomie greift sich alles; auch unser Privatleben und unsere Nächte werden monetarisiert.

ZEIT: Die durchschnittliche Schlafdauer des modernen Menschen hat seit dem 19. Jahrhundert um zwei Stunden und seit den Siebzigern um 30 Minuten abgenommen. Geben Sie dem Kapitalismus die Schuld daran?

Geißler: Der Unterschied zwischen Tag und Nacht geht verloren, alles ist jederzeit verfügbar. Der Schlaf, der unserer Natur innewohnt, ist für den kapitalistischen Leitspruch "Zeit ist Geld" ein Skandal, weil das Geld nicht schläft. In den neunziger Jahren haben die Banken Geldautomaten eingeführt. Und wenn Sie 24 Stunden an Ihr Geld kommen, erhöht sich der Druck, auch 24 Stunden am Tag Geld auszugeben. Und inzwischen sind wir immer online, können immer konsumieren.

"Eine Burn-out-Klinik ist teurer als ein Fünf-Sterne-Hotel"

ZEIT: Klagen Ihre Klienten darüber, wenn Sie zu Ihnen in die Zeitberatung kommen?

Geißler: Keine Klage höre ich öfter als: "Ich habe keine Zeit, ich bin überfordert." Das wundert mich nicht. Der Satz von Benjamin Franklin hat sich inzwischen auf alle Lebensbereiche ausgeweitet: Wir nehmen uns weniger Zeit für Mahlzeiten. Das Speed-Dating wurde erfunden. Sogar unsere Bildung ist inzwischen fahrplanmäßig organisiert: das Abitur nach dem zwölften Schuljahr, das Studium in Bachelor- und Masterstudiengängen. Die Idee dahinter ist doch: früher mit der Schule und dem Studium fertig sein, um früher dem Arbeitsmarkt zu dienen. Und der Militärdienst wurde doch auch nur abgeschafft, weil das Militär nicht produktiv ist, sondern es dem Arbeitsmarkt Potenzial entzogen hat.

Ein weiterer Punkt wird häufig erwähnt, wenn Philosophen und Soziologen sich Gedanken zur Verdichtung der Zeit machen:der Bedeutungsverlust von Religionen in westlichen Gesellschaften. Da heute immer weniger Menschen an das Jenseits oder die Wiedergeburt glauben, verschwindet auch die Hoffnung, Dinge im nächsten Leben anders oder besser machen zu können. "Du lebst nur einmal" ist das Motto des modernen Menschen, und er ahnt, dass er alles, was er erledigen will, in seine 70, 80, 90 Jahre Lebenszeit pressen muss. "Beschleunigung wird zum Ewigkeitsersatz", hat es der Soziologe Hartmut Rosa formuliert.

ZEIT: Herr Geißler, sollten wir alle wieder religiös werden und in die Kirche gehen, um zu entschleunigen?

Geißler: Man muss nicht religiös werden, aber man könnte sich zum Beispiel als Generation verstehen. Früher sah man sich viel mehr in seinen Kindern verwirklicht als heute. Man muss nicht alles selbst machen, es können ja auch die Kinder machen. Das wäre eine entlastende Haltung.

ZEIT: Einerseits klagen die Menschen stets, sie hätten keine Zeit. Andererseits ist "keine Zeit zu haben" in unserer Gesellschaft auch ein Statussymbol. Je wichtiger man ist oder sich macht, desto weniger Zeit hat man ...

Geißler: ... und die, die viel Zeit haben, sind die unter der Brücke. Zeit haben Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose – eigentlich alle, die am Rand der Gesellschaft stehen. Bei denen verkehrt sich Franklins Zitat ins Gegenteil: Bei denen ist Zeit nicht Geld, weil sie ja viel Zeit haben und dennoch wenig Geld.

ZEIT: Wenn in diesen Tagen vom Aufstieg des Rechtspopulismus die Rede ist, werden oft Vergleiche zu den zwanziger und dreißiger Jahren gezogen. Kann es sein, dass es eine weitere Parallele gibt? Damals wie heute klagten die Menschen über Beschleunigung.

Geißler: Stimmt. Man nannte das damals Neurasthenie, also Nervenschwäche, hervorgerufen durch Elektrizität. Der Grund war: Es gab immer mehr Automobile, immer mehr Telegramme, Telefone und Radios, die Züge und Straßenbahnen wurden immer schneller. Das, was wir heute Burn-out nennen, ist nur ein anderes Wort für dasselbe Dilemma: Entrhythmisierung.

ZEIT: Damals gingen die Menschen ins Sanatorium und machten Liegekuren, um sich zu erholen ...

Geißler: ... oder sie fuhren in die Sommerfrische. Heute machen sie Yoga und meditieren und fahren am Wochenende ins Spa. Sie erholen sich, um am nächsten Tag wieder arbeiten zu können. Das ist eine Reaktion auf die Zeitverdichtung. Die Menschen versuchen wieder Anschluss an ihre eigene Natur zu finden.

ZEIT: Aber es hat sich doch schon viel getan: Es gibt neue Arbeitszeitregelungen, es gibt Gleitzeit und Flexizeit. Viele nehmen ein Sabbatical.

Geißler: Stimmt. Aber das Sabbatical wird heute nicht wirklich als Ruhezeit genommen, sondern um eine Weltreise zu machen. Selbst in den Ferien haben die Menschen ein straffes Programm. Und reinvestieren das Kapital, das sie beim Arbeiten verdient haben.

ZEIT: Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer spricht vom Hai-Syndrom. Er sagt, wir sind alle wie Haie. Haie haben keine Schwimmblasen, sie stehen im Wasser nicht still und sind ständig in Bewegung.

Geißler: Das ist ein interessanter Vergleich. Der Unterschied zwischen uns und den Haien ist: Die Haie können nicht anders. Wir aber haben das Nichtstun verlernt. Wir könnten stillstehen, aber es darf nicht nichts gemacht werden in dieser Gesellschaft. Pausen gelten als verlorene Zeit. Deshalb werden mittlerweile sogar die Pausen ökonomisch nutzbar gemacht.

ZEIT: Sie meinen wie im Fernsehen, wo in den Pausen mit der Werbung Geld verdient wird?

Geißler: Ja, nur dass wir jetzt mit dem Smartphone permanent Werbung empfangen können – ob wir in der U-Bahn sitzen oder im Theater. Bei der Bahn ist es im Übrigen genauso: Da bekommen Sie auch schon Meldungen aufs Handy, wann der Zug nicht nur nach Fahrplan, sondern wann er wirklich fährt.

ZEIT: Aber das ist doch praktisch. Wir sparen Zeit und müssen nicht unnötig am windigen Gleis warten!

Geißler: Sie sparen nichts. Anstatt zum Zug zu hetzen, wissen Sie: Er hat zehn Minuten Verspätung, ich kann mir noch schnell ein neues Buch kaufen. Das entspricht unserem System des Nicht-Genug. Das Geld kennt kein Genug. Das Wachstum auch nicht. Alle wollen immer mehr. Deshalb haben wir das Gefühl, wir hätten zu wenig Zeit.

ZEIT: In Michael Endes Roman Momo sind es die grauen Herren, die Zeit stehlen. Wer klaut uns die Zeit?

Geißler: Wir selber! Wir sind die grauen Herren! Aber wir sind es freiwillig, weil wir nicht bereit sind zu verzichten. Weil wir in einer Gesellschaft leben, die sich über Expansion definiert. Nicht über Reduktion.

ZEIT: Aber es gibt doch einen großen Trend zur neuen Langsamkeit, zur Entschleunigung, zum Downshifting, zum Slow Food, zum Verzicht.

Geißler: Seien Sie nicht naiv! Letztlich wird auch dort Zeit in Geld verrechnet. Das ist die Art des Kapitalismus, mit den selbst geschaffenen Problemen umzugehen: Es wird ein neuer Markt erschaffen. Und die Entschleunigung zum Geschäft gemacht. Am teuersten wohnen Sie in der Burn-out-Klinik. Da kann eine Nacht bis zu 1.500 Euro kosten. Das ist teurer als ein Fünf-Sterne-Hotel.

"Die Schule ist erfunden worden, um die Menschen zu veruhrzeitlichen"

ZEIT: Sie selber beraten doch auch Firmen!

Geißler: Natürlich. Ich berate Firmen und bekomme dafür Geld. Ich bin Teil des Systems.

ZEIT: Sie nennen das Ganze Zeitberatung. Wo ist der Unterschied zum Zeitmanagement?

Geißler: Zeitmanager erziehen Leute zur Uhrzeit. Sie empfehlen völlige Trivialitäten, mit dem Gestus der Freiheit errichten sie Zwangssysteme. Zum Beispiel: To-do-Listen. Immer schön eins nach dem anderen erledigen.

ZEIT: Das ist doch sinnvoll! Das strukturiert den Tag. Und ist ein gutes Mittel gegen ineffizientes Multitasking.

Geißler: Nein, das ist die Logik der Uhr, zu der Sie erzogen worden sind, seitdem Sie eingeschult wurden und die Uhr gelernt haben. Warum, glauben Sie, werden Kinder mit sechs Jahren eingeschult?

ZEIT: Um Bildung zu bekommen?

Geißler: Nein! Sondern weil sie dann entwicklungspsychologisch in der Lage sind, die Uhr zu lernen.

ZEIT: Aber in Großbritannien werden Kinder zum Teil schon mit fünf eingeschult. In Indien sogar mit vier.

Geißler: Das macht es nicht besser. Die Schule ist erfunden worden, um die Menschen zur Pünktlichkeit zu erziehen und zu veruhrzeitlichen. Schon im preußischen Generallandschulreglement von 1763 steht, dass man die Schüler zu pflichtbewussten Untertanen erziehen will.

ZEIT: Entschuldigung, Herr Geißler, aber was raten Sie denn? In Ihren Büchern empfehlen Sie: Let-it-be-Listen. Ist das nicht auch trivial?

Geißler: Nein, das ist hilfreich. Die Zeit ist nämlich wie ein Käse. Jetzt haben Sie Ihre Metapher! Wir müssen sie löchrig machen und luftig. Wie einen Emmentaler. Wir brauchen mehr Abstände und Übergänge. Mehr Elastizitäten.

ZEIT: Sie empfehlen auch, mittags ein Nickerchen zu machen und sich nicht vom Wecker, sondern von der Sonne wecken zu lassen. Ich schätze, die meisten Chefs finden das nicht so toll, wenn ihre Angestellten alle zu spät kommen.

Geißler: Vielleicht. Aber wer sagt eigentlich, dass wir alle pünktlich um acht Uhr oder neun Uhr anfangen müssen? Kann man nicht auch die Unpünktlichkeit pünktlich machen? Ich habe vor Kurzem einen großen deutschen Technologiekonzern beraten. Und dort sind wir zum Schluss gekommen, dass es nur in ganz wenigen Teams und Produktionsabläufen wirklich notwendig ist, dass alle gleichzeitig anfangen. Gleitzeit ist ja letztlich gezielte Unpünktlichkeit. Der eine kann ruhig später anfangen als der andere. Das ist viel produktiver, als wenn alle um acht Uhr da sein müssen.

ZEIT: Herr Geißler, Sie sind 72 Jahre alt und emeritiert. Sie haben alle Zeit der Welt. Aber anstatt nichts zu tun, schreiben Sie ein Buch nach dem andern.

Geißler: Ja, das tue ich. Und wissen Sie, warum? Weil es mir Spaß macht. Ich bin ohnehin dafür, dass das Rentenalter über das ganze Leben verteilt wird. Warum gibt es nicht Möglichkeiten, zu sagen: "Ich brauche eine Zeit für mich", oder: "Ich muss einen Angehörigen pflegen"? Und dann bekomme ich Unterstützung vom Staat.

ZEIT: Sie meinen so wie das Elterngeld? Da finanziert der Staat Eltern dafür, ihre Kinder zu erziehen.

Geißler: Genau so etwas. Ich habe ja die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik mitgegründet. Und wir haben uns von Anfang an für das Elterngeld eingesetzt. Wir brauchen mehr solcher Modelle. Wir sprechen ja immer von der Rushhour des Lebens, zwischen 30 und 40, wo die Leute besonders hektisch und schnell sein müssen. Eigentlich aber ist das ganze Leben eine Rushhour. Nur Kinder und Alte dürfen langsam sein. Dazwischen muss man schnell sein. Was unserer Gesellschaft guttäte, ist Zeitvielfalt. Dass man in der Mitte auch mal langsam sein darf. Und im Alter schnell.

ZEIT: Wie ist das denn im Alter: Stimmt es, dass die Zeit schneller vergeht, wenn man älter wird? Für ein Kind fühlt sich ein Jahr an wie eine Ewigkeit, für einen Erwachsenen ist das keine besonders lange Zeitspanne.

Geißler: Wenn man älter wird, ist jeder Tag, den man lebt, ein Tag weniger, den man zu leben hat. Es geht dem Ende entgegen, und man hat den Eindruck, dass der Rest immer schneller weniger wird. Aber der eigentliche Grund ist ein anderer: Je älter ich werde, desto häufiger erlebe ich Szenen wieder, die ich schon genau so oder ähnlich erlebt habe. Wenn man aber etwas Neues erfährt, hinterlässt das Gedächtnisspuren. Und wenn man weniger davon hat, vergeht die Zeit schneller.

ZEIT: Ist das der Grund, warum Sie nicht aufhören können zu arbeiten? Hängen Sie an der Zeit?

Geißler: Ja, vielleicht. Ich weiß noch, wie ich einmal mit meinem Vater nach Mailand gefahren bin und er immer sagte: "Oh, hier sieht’s aus wie in Frankfurt!" Er hat sich nicht mehr überraschen lassen, hatte schon für alles Bilder im Kopf, die er auf das projizierte, was er sah. Und dann bleibt ja nichts übrig.

ZEIT: Anfang Januar, die Zeit der guten Vorsätze. Was haben Sie sich für das Jahr vorgenommen, das vor Ihnen liegt?

Geißler: Keine Pläne machen! Dieses Jahr geht auch so vorbei. Nicht überall mitmachen. Das würde ich auch Ihren Lesern raten. Lassen Sie alle Vorhaben sein.

ZEIT: Man sollte gar keine Vorsätze haben?

Geißler: Sie könnten sich ja vornehmen, mehr Ferien zu machen. Aber nicht mit einer To-do-Liste, auf der steht: Im Januar Argentinien, im Februar Italien, im März Südafrika. Zeitgenuss ist nicht hektisch. Lassen Sie die Zeit auf sich zukommen, statt auf sie zuzugehen. Und verzichten Sie. Die Welt ist übervoll an Terminen, an Geräten, an Zeitnot.

ZEIT: Na gut, dann lassen Sie uns zum Ende kommen. Was schätzen Sie, wie lange unser Gespräch gedauert hat? Was sagt Ihre innere Uhr?

Geißler: Mein Rhythmus! Drei Stunden vielleicht?

ZEIT: Es waren vier.