Geißler: Ich würde gern auf die Berge hier in Bayern steigen, aber das könnte ich nur mit Hilfsmitteln. Ich habe gelernt zu verzichten, das musste ich mein Leben lang.

ZEIT: Worauf?

Geißler: Ich kann nicht Auto fahren. Reisen geht auch nur bedingt, nur mit anderen Leuten. Und ich kann meinen Enkelkindern nicht hinterherlaufen.

ZEIT: Ist Ihr Zeitempfinden ein anderes als das der meisten Menschen?

Geißler: Mein Umgang mit der Zeit ist ein anderer. Ich habe viele Nachteile wegen meiner Krankheit. Irgendwann habe ich mich gefragt: Was kann ich, was die anderen nicht können? Ich kann zum Beispiel sehr gut warten. Das hat diese Gesellschaft verlernt. Und ich lasse mir von einer Uhr nicht mein Leben diktieren.

Karlheinz Geißler trägt keine Uhr, und auch in seinem Haushalt hängt keine. Er hat kein Handy, nur ein Festnetz-Telefon. Wenn er wissen will, wie spät es ist, fragt er seine Frau oder ruft bei der Zeitansage an.

ZEIT: Was haben Sie gegen Uhren?

Geißler: Uhren muss man nicht tragen, sondern nur ertragen. Sie sind moderne Diktatoren.

ZEIT: Woran machen Sie denn fest, dass wir in einer Diktatur der Zeit leben?

Geißler: Moment, Sie verwechseln die Zeit mit der Uhr! Wir leben nicht in einer Diktatur der Zeit, sondern in einer der Uhr. Viele halten die Uhr für die Zeit. Aber die Uhr ist nur ein mechanisches Messgerät für die Zeit. Es gibt auch noch andere Zeiten als die Uhrzeit.

ZEIT: Welche?

Geißler: Die Naturzeit. Unser Körper ist wie alle Natur rhythmisch organisiert. Ich lasse mich nie von einem Wecker wecken. Trotzdem wache ich jeden Morgen um acht auf. Also nicht um Punkt acht Uhr, sondern mal ein paar Minuten früher, mal ein paar Minuten später.

ZEIT: Sie meinen unsere innere Uhr?

Geißler: Nein, die meine ich nicht. Der Körper hat keine eigene Uhr, er hat einen eigenen Rhythmus. Die Uhr drängt einem ein anderes Muster der Zeitorganisation auf: nämlich den Takt. Das ist ein gravierender Unterschied.

ZEIT: Worin besteht der Unterschied?

Geißler: Ganz einfach: Der Rhythmus ist Wiederholung mit Abweichung. Und der Takt ist Wiederholung ohne Abweichung. Eine Uhr muss taktförmig genau präzise 60 Sekunden haben für eine Minute. Wenn sie rhythmisch wäre, hätte sie einmal 65 und einmal 55 Sekunden für eine Minute.

ZEIT: Der Takt ist also viel präziser.

Geißler: Ja. Und genau das ist das Problem! Der Takt läuft unserer Natur zuwider, unser Körper ist eigentlich für den Rhythmus gemacht. Aber wir ignorieren das. Zum Beispiel bei unserem Schlafgefühl. Ich habe vor Kurzem mit der Firma Metro zusammengearbeitet. Da hat mir jemand erzählt, dass sich die Verkäuferinnen in China einfach ins Regal legen und schlafen, wenn sie müde sind. Sie reagieren auf ihre Natur. In Deutschland wäre das undenkbar! Wir haben die Naturzeit vergessen. Deshalb erleiden so viele Menschen ein Burn-out oder einen Herzinfarkt.

Glaubt man Karlheinz Geißler, orientierten sich die Menschen bis zum Ende des Mittelalters an den Rhythmen der Natur, besonders an Sonne und Mond. Winter- und Sommersonnenwende bestimmten den Jahreslauf. Sonnenaufgang und -untergang bestimmten die Tageslänge. Auch die Stunden waren unterschiedlich lang – je nach Jahreszeit manchmal 40, manchmal 80 Minuten. Denn die Menschen nahmen einfach die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang und teilten sie durch zwölf. Wenn man sich verabredete, richtete man sich nach der Länge der Schatten. Das änderte sich erst, als es mechanische Uhren gab.

ZEIT: Herr Geißler, wer hat die Zeit erfunden?

Geißler: Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Die Zeit als Idee entstand vor 600 Jahren, am Ende des Mittelalters, mit der Erfindung der mechanischen Uhr. Sie wurde wahrscheinlich von einem Mönch in einem Kloster nördlich von Mailand erfunden. Die Uhr war in erster Linie ein Wecker, sie sollte den Mönchen helfen, ihre Gebetszeiten einzuhalten. Vorher gab es in den Klöstern lediglich Kerzenuhren.

ZEIT: Kerzenuhren?

Geißler: Man hat eine Kerze genommen und darauf mit Strichen eine Zeitskala markiert. Dann hat man einen Metallstift in die Kerze gesteckt. Die Kerze brannte runter, und der Metallstift fiel raus und machte Krach. So sind die Mönche aufgewacht. Der Nachteil war, dass einige Klöster abgebrannt sind.

ZEIT: Das heißt, die Uhr wurde erfunden, um Gott zu huldigen?

Geißler: Der Mönch hätte seine Erfindung wahrscheinlich gerne zurückgezogen, wenn er geahnt hätte, was er damit auslöst: Vorher glaubten die Menschen, Gott sei der Herrscher über die Zeit. Aber durch die Uhr wurde Gott der Zeit beraubt. Sie gehörte nicht mehr ihm allein, sie gehörte jetzt auch den Menschen. Die Uhr befreite sie.

ZEIT: Inwiefern?

Geißler: Die Menschen konnten ihre Zeit selbst gestalten. Sie begannen sich als selbstständiges Individuum zu sehen und nicht mehr als ein Partikel in einer von Gott gelenkten Welt. Vor allem bei den Kaufleuten in den Handelsstädten, in Mailand, Florenz, Venedig, Genua und Pisa, war das so. Sie sahen die Uhr als Chance, ihren Handel präziser zu organisieren. Sie entfernten sozusagen den Glauben aus der Zeit, bis sie leer und kahl war, und besetzten sie mit einem neuen Kriterium: Geld. Das war der Beginn der Moderne. Die Moderne ist eine Uhrzeit-Moderne.