Noch wissen wir nicht, welche politischen Meteoriteneinschläge das Jahr 2017 erschüttern werden. Überraschend in diesen Zeiten wäre es allerdings, wenn sie ausblieben. Doch auch ohne die Einschläge und ihre Folgen für die Bundestagswahl zu kennen, spricht einiges dafür, dass die Republik noch kein dramatischeres Wahljahr erlebt hat.

Dabei ist noch gar nichts passiert. Noch ist Geert Wilders’ islamfeindliche Bewegung nicht zur stärksten Partei der Niederlande geworden, was im März geschehen könnte. Noch ist es nur eine spektakuläre Drohung, dass mit der Wahl Marine Le Pens zur französischen Präsidentin der Rechtspopulismus in der Mitte Europas die Macht übernimmt. Und noch haben Donald Trump und Wladimir Putin den Westen nicht gemeinsam in Trümmer gelegt. Aber dass man solche Entwicklungen nach Brexit und Trump für möglich halten muss, zeigt, in welch irrer Atmosphäre die Deutschen ins Wahljahr gehen.

Noch nie haben außenpolitische Fragen eine Bundestagswahl entschieden. Nur haben die außenpolitischen Entwicklungen, die heute drohen, ihren abstrakten Charakter auch gänzlich verloren. Sie betreffen die Deutschen so existenziell wie keines der innenpolitischen Themen, über die im kommenden Wahlkampf gestritten wird – sagen wir, die Zukunft der Rente, gerechtere Steuern oder die "Obergrenze" für Flüchtlinge. Wenn Marine Le Pen französische Präsidentin würde, wäre das Europa, wie wir es kannten und von dem Deutschland politisch und ökonomisch so immens profitiert hat, am Ende. Und mit einem amerikanisch-russischen Bündnis der autoritären Kräfte würde sich die Sicherheitsgarantie der Nato verflüchtigen. Damit gerieten zwei Pfeiler ins Wanken, ohne die sich die Nachkriegsrepublik nicht denken lässt. Das könnte die Deutschen im Wahljahr schon interessieren.

Europa wäre schutzlos, fraktioniert und selbst Teil des großen Dramas. Denn im Osten des Kontinents scheint der grassierende Autoritarismus schon auf der Siegerstraße, im Westen gewinnt er an Boden. Womit man dann doch in der deutschen Innenpolitik angelangt ist. Denn auch hier wird 2017 über die Frage abgestimmt, wie widerstandsfähig die liberal-demokratische Ordnung noch ist. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird im Herbst erstmals in der Geschichte der Republik mit der AfD eine rechtsradikale Partei in den Bundestag einziehen. Offen scheint nur noch, wie groß ihr Rückhalt sein wird. Zehn Prozent oder zwanzig – das ist keine Nebenfrage. Sie entscheidet über die gesellschaftliche Atmosphäre und die politische Tendenz nach dem Tabubruch.

Zu den tektonischen Verschiebungen, die sich nicht ignorieren, aber auch nicht in Wahlkampagnen thematisieren lassen, kommt eine unmittelbarere Bedrohung hinzu: der Terror. Vor Weihnachten hat sich erstmals in Deutschland ein großer islamistischer Anschlag ereignet. Wieder hat sich gezeigt, dass das Land, das gemeinhin als besonders nervös gilt, nicht zur Hysterie neigt. Und doch, spätestens seit der Flüchtlingskrise, die inzwischen nicht mehr nur von der AfD zur eigentlichen Ursache des Terrors erklärt wird, deutet sich an, dass auch die vernünftige Republik nicht so vernünftig bleiben muss. Der Zusammenhang zwischen der Ankunft der Flüchtlinge und dem Aufstieg der AfD ist schwer zu bestreiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Wenn es sich bewahrheitet, was man in der CSU raunt, dass 2017 das "Jahr der Ängste" wird, zählen die Petrys, Höckes, Gaulands schon jetzt zu den Gewinnern. Dass die AfD lieber die Ängste bedient, statt deren Ursachen zu bearbeiten, hat sich herumgesprochen, aber es schadet ihr nicht. Und doch birgt das abgebrühte Geschäftsmodell Risiken. Wenn prominente AfD-Funktionäre nach dem Berliner Anschlag nicht abwarten können, die Opfer politisch zu verwerten ("Merkels Tote"), zeigt sich darin ein Zynismus, mit dem sich vielleicht doch nicht auf Dauer politisch Kasse machen lässt.

Die AfD ist in einer Situation hochgradiger Unsicherheit selbst ein Faktor der Verunsicherung. Darin liegt ein Widerspruch, der ihrem Erfolg Grenzen setzen könnte. Sie wird im Wahljahr polarisieren und mobilisieren, aber wie weit sie über das Milieu ihrer eingefleischten Anhänger hinauskommt, ist offen. Wenn die Partei im Bund die 15 Prozent erreicht, die ihr die Demoskopen heute zutrauen, wäre das ein starkes Ergebnis. Zugleich bliebe richtig, dass die Populisten hierzulande deutlich schwächer abschneiden als in der europäischen Nachbarschaft.

Der Union droht 2017, was die SPD schon zweimal – erst mit den Grünen, dann mit der Linken – erleben musste: Konkurrenz im eigenen Spektrum. Wie einst Gerhard Schröder muss heute Angela Merkel den Vertrauensverlust und die Abwanderung eines Teils ihrer Kernklientel fürchten. Oder wäre das nur die erwartbare Reaktion in normalen Zeiten? Einiges spricht dafür, dass am Ende nicht die Enttäuschung der Unionsanhänger, sondern das verbreitete Bedürfnis, in unnormalen Zeiten ein Stück Restnormalität zu wahren, den Ausschlag geben wird – für Merkel.