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Das amerikanische Jahrhundert ist vorüber. Das können wir nicht nur daran erkennen, dass die Amerikaner eine Lachnummer zum Präsidenten gewählt haben, sondern auch daran, dass Trumps Ziele, all seiner nationalistischen Prahlerei zum Trotz, dermaßen bescheiden sind. Was er verspricht, ist "to make America great again". Damit wird nicht nur der Absturz Amerikas anerkannt, sondern Trump begibt sich auf eine Ebene mit Leuten wie Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin. Nach neuer alter Größe streben sie schließlich alle. In seinem Prunk aber war das amerikanische Jahrhundert durchdrungen von etwas Höherem, nicht nur von der Idee seiner Größe, sondern von seiner Überlegenheit, von der Gewissheit, berufen zu sein, egal ob diese Auserwähltheit nun gottgegeben oder säkular verstanden wurde, berufen eine Rolle zu spielen, die nicht nur einzigartig war, sondern über allen anderen stand. Das ist die buchstäbliche Bedeutung einer Botschaft, die durch das Jahrhundert widerhallte, von Woodrow Wilson zu Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Ronald Reagan, dem jüngeren Bush und Barack Obama. Für ausländische Ohren klang der theologische Unterton stets befremdlich, aber werden wir ihn vermissen, wenn er nicht mehr da ist?

Trump wird nicht das Ende von Amerika als Weltmacht bedeuten. Hebt Trump die Ausgaben des Pentagons an, könnte die Dominanz des US-Militärs sogar noch zunehmen. Die technologische Leistungsfähigkeit des Silicon Valley ist unerreicht, und es bleibt durch seine führenden Firmen nahtlos in das globale Netzwerk sozialer Medien eingebettet. Big Data wird das 21. Jahrhundert bestimmen. Noch immer ist die Wall Street der Nabel der Finanzwelt. Die Fed (die US-Zentralbank) spielt die zentrale Rolle für die globale Wirtschaftspolitik. Amerikanische Anwälte, Unternehmensberater, PR-Firmen und Lobbyisten bilden ein globales Netzwerk der Soft Power. Und egal, wie unangenehm der Umgang mit der Regierung Trump auch werden mag: Der amerikanische Staat ist das Fundament der Nato und des Bündnissystems in Ostasien. Egal, wie es mit Nafta weitergehen mag: Kanada und Mexiko kommen um den schwergewichtigen Nachbarn nicht herum.

Mit dieser Wahl hat Amerika sich nicht selbst ausgelöscht, aber was es tatsächlich nicht mehr erhebt, ist der Anspruch, "Anführer der freien Welt" zu sein. Diese Autorität war ohnehin im Schwinden begriffen. Der Nimbus, der den USA am Ende des Kalten Krieges angehaftet hatte, verwandelte sich unter George W. Bush in heftig umstrittene Hybris. Im Bewusstsein um den Schaden, den Bush angerichtet hatte, zügelte Obama die Rhetorik. Aber für das heimische Publikum hielt auch er eine kraftvolle Botschaft von Amerikas einzigartiger Rolle parat, eine Behauptung, die durch seine Person selbst noch unterstrichen wurde. Ein Schwarzer als Präsident – darin sahen nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch die Europäer die Erlösung aus der historischen Schuld des Kolonialismus und der Sklaverei. 2016 nun sollte mit Hillary Clinton auch noch die Frauenfrage beantwortet werden. Als Außenministerin hatte Clinton bereits in Libyen und gegenüber China gezeigt, dass sie, viel mehr als Obama, den Führungsanspruch Amerikas der 1990er Jahre aufrechterhielt. Daher stammt auch die tief sitzende Feindseligkeit, die ihr von weiten Teilen der amerikanischen Linken und von den Russen entgegenschlug. Dass Clinton gegen Trump verlor, bedeutet damit einen doppelten Bruch – zum einen den Bruch mit dem Versprechen, dass sich der "Bogen der Geschichte in Richtung Hoffnung wölbt", wie es Obama so gern formulierte, zum anderen den Bruch mit dem weltweiten Führungsanspruch Amerikas.

Soweit sich Trump der Bedeutung seines Rückzugs bewusst ist, feiert er ihn als befreiend. Jetzt könne sich Amerika wie die anderen benehmen, und die anderen werden Amerika nur umso mehr fürchten, verspricht er. Dass es genau darum ging, nicht so "wie die anderen" zu sein, scheint ihm gar nicht in den Sinn gekommen zu sein. Mit diesem Gefühl endet das amerikanische Jahrhundert, und damit muss sich die Welt nun auseinandersetzen: mit einer dominanten Supermacht – weiterhin die mit Abstand dominanteste in der Geschichte der Menschheit –, die den Anschein erweckt, die Last der moralischen Führung abwerfen zu wollen.

Dass das Jahrhundert der amerikanischen Sonderstellung vorbei ist, wird keineswegs für alle ein Schock sein. In Zentralamerika fielen die Yankees schon früh ein, mit großem Aufgebot und ohne großen Respekt für die Befindlichkeiten der Einheimischen. Sie setzten dabei meist auf die berüchtigten "Stiefel am Boden".

Auch in Asien brachte die Präsenz der Amerikaner genauso viel Bedrohung wie Versprechen mit sich. Zur Enttäuschung chinesischer Revolutionäre wie Sun Yat-sen stellte sich Washington nach der Revolution 1911 bestenfalls halbherzig hinter die Bestrebungen nach politischem Fortschritt. Später förderte Amerika sehr stark den Aufbau einer Demokratie in Japan. In Taiwan und Südkorea dagegen ließen sich die Amerikaner viel Zeit, ganz zu schweigen von Indonesien, den Philippinen und Thailand. Und dann war da noch der Sumpf namens Vietnam inklusive der verdeckten und rechtswidrigen Ausweitung des Konflikts auf Kambodscha und Laos. Und den Themenbereich Naher Osten, Iran, Irak, Saudi-Arabien und Israel haben wir noch nicht einmal angerissen.

Wenn es auf diesem Planeten überhaupt eine Region gibt, die tatsächlich sehr am normativen Bild des amerikanischen Jahrhunderts hängt, dann ist es definitiv Europa. Man könnte sogar sagen, dass Amerikas Jahrhundert eine schöngefärbte Verlängerung von Europas erstaunlicher Phase globaler Hegemonie darstellt. Diese dauerte von 1757, als britische Truppen am Ufer des Ganges in Plassey die Armee des Mogulreichs besiegten, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber erst im Rückblick und von einem sehr hohen Beobachtungspunkt aus erscheint diese Kontinuität real.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Im November 1916 fand die erste amerikanische Präsidentschaftswahl statt, die Europäer mit angehaltenem Atem verfolgten, als würde ihr Schicksal davon abhängen. Aus Sicht der Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien gewann auch damals der falsche Mann, nämlich der Kriegsgegner Woodrow Wilson. Fünf Monate später wurde Wilson die Teilnahme am Krieg in Europa aufgezwungen. Schuld war Deutschlands Aggression, denn Deutschland brach einen U-Boot-Krieg vom Zaun und stachelte Mexiko an, einen Angriff auf Texas zu starten. Der Teilnahme Amerikas entschied den Krieg und ließ Wilson zur dominanten Figur bei den Friedensverhandlungen in Versailles aufsteigen. Aber ihm schlug der Widerstand der europäischen Mächte und Japans entgegen, und auch zu Hause entglitten ihm die Dinge. Nur wenige Wochen nach dem Ende der Friedenskonferenz im Herbst 1919 wurde der erste amerikanische Präsident, der Anspruch auf eine weltweite Führungsrolle erhoben hatte, bloßgestellt. Die republikanische Opposition, die die Mehrheit im Kongress stellte, legte ihr Veto gegen die Ratifizierung des Versailler Vertrags ein und torpedierte den Beitritt der USA in den Völkerbund, eine von Wilson selbst ins Leben gerufene Organisation. Als Nächstes weigerte sich der Kongress, über eine Reduzierung der Kriegsschulden zu verhandeln, schraubte die Einwanderung gewaltig zurück und schob die Handelszölle in die Höhe. Zeitgleich, während Europa händeringend nach Krediten suchte, hob die amerikanische Notenbank die Zinssätze an und lenkte damit die Goldströme in die USA zurück.