Seit die Tochter aus dem Haus ist, werde ich bisweilen nach einem Resümee meiner achtzehn Jahre umfassenden Lebensepoche aktiver Mutterschaft gefragt. Ich antworte dann, was wohl viele Eltern antworten würden. Dass mal die Freuden, mal die Sorgen überwogen. Dass es heilsam ist, nicht die Hauptperson des eigenen Lebens zu sein. Dass die Existenz eines Kindes dazu auffordert, ins Lager der Optimisten zu wechseln. Irgendwas Schlaues dieser Art fällt mir immer ein. Es stimmt ja auch alles.

Nur stimmt ebenfalls: Am Abend eines in unserer Wohnung gefeierten Kindergeburtstages habe ich nicht über die herrliche Befreiung meines Egos aus den Klauen des Narzissmus nachgedacht. Ich stand am Abwaschbecken und dachte: Das Chaos hier kennst du. Es ist das gleiche Chaos wie letztes und vorletztes Jahr. Und im nächsten und übernächsten Jahr wird es wieder das gleiche Chaos sein.

Ja, ich bin unendlich dankbar für das Kind. Und nein, ich schwöre, es gab in diesen achtzehn Jahren keine Millisekunde, in der ich meine Mutterschaft bereut hätte. Wenn ich allerdings mal ganz nüchtern überlege, worin, rein lebenspraktisch betrachtet, die vordringlichste Erfahrung liegt, die ich beim Aufziehen des Kindes gemacht habe, dann würde ich sagen: in gesteigerter Alltagsroutine und Alltagsmechanik. Im zigfachen Wiederholen von Abläufen, Handlungen und Ritualen, vom Windelwechseln bis zum Schulbrotherrichten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Vor Kurzem habe ich versucht, die achtzehn Jahre in einer kleinen Statistik zu erfassen, und kam zu folgenden Ergebnissen: Ich habe 4.500 warme Mahlzeiten zubereitet, 180 Kuchen gebacken und 1200-mal abends vorgelesen. Ich war 280-mal auf Spielplätzen, 40-mal im Zoo, 20-mal auf der Kirmes, 30-mal in der Kinderbibliothek und 30-mal bei H&M. Ich habe – Kindergarten und Schule zusammengerechnet – an 26 Elternabenden teilgenommen. Ich habe drei Wochenenden mit dem Anschauen sämtlicher Harry Potter- DVDs verbracht, vier Staffeln der Castingshow Germany’s next Topmodel und drei Staffeln der Castingshow DSDS absolviert. Ich habe als Begleitperson Minderjähriger drei Konzerte der Popgruppe Tokio Hotel besucht und dabei fünf Feuerzeuge verbraucht. Ich habe, eine gefühlte Ewigkeit lang, die entflammten Feuerzeuge mit gestrecktem Arm nach oben gehalten, da ich meiner Tochter geschworen hatte, ihr die Blamage einer sich unkonform verhaltenden Mutter zu ersparen. Ich kann nicht leugnen, dass mich der künstlerische Niedergang der Popgruppe Tokio Hotel zutiefst befriedigt.

Schwerer berechnen lässt sich eine Tätigkeit, die streng genommen das Gegenteil einer solchen ist: herumsitzen. Ich bin auf Spielplätzen und Reiterhöfen gesessen, im Aufenthaltsraum einer privaten russischen Schwimmschule und zwei Jahre lang an jedem Donnerstagnachmittag in einem Döner-Imbiss, der sich nahe eines Berliner Straßenstriches befindet, da meine Tochter um die Ecke Gitarrenunterricht bei einem Schweizer Musiklehrer hatte. Alles in allem habe ich schätzungsweise 1.900 Stunden mit Herumsitzen verbracht, also gut zweieinhalb Monate.

Alles in allem habe ich als Mutter schätzungsweise 1.900 Stunden mit Herumsitzen verbracht, also gut zweieinhalb Monate. Es entsprach mir.

Ich frage mich nicht, ob es sinnvoll oder sinnlos war, 180 Kuchen zu backen und 1.900 Stunden herumzusitzen. Es entsprach mir. Ich machte es von Herzen gern. Ich frage mich heute aber, in welchem Verhältnis meine mütterliche Lebenspraxis zur allgemein herrschenden, von forcierten Effizienznormen geprägten Lebenskultur stand. Habe ich diese Normen verfehlt, indem ich 1900 Stunden verhockte? Oder habe ich ihnen entsprochen, indem ich dafür sorgte, dass sich das Mitglied der Gesellschaft, welches in meinem Haushalt heranwuchs, ausreichend in den Buddelkästen von Spielplätzen aufhielt, Schwimmen und Gitarrespielen lernte? Noch anders gefragt: War ich eine geduldige Mutter – oder eine Frau, die auf der Höhe beruflicher Leistungsfähigkeit ihre Tage damit vertrödelt, russische Mütter im Aufenthaltsraum einer Schwimmschule und das Rotlichtgewerbe vor einem Döner-Imbiss zu beobachten? Ich würde sagen: beides. Und hier führt mein Resümee zu einer Schizophrenie, die keineswegs nur mich betrifft.