So viel Symbolik: links und rechts Friedenstauben, in der Mitte Lenin, dazwischen Französische Revolution © BStU

Das Prunkwerk, das von manchen in der Kunstwelt als Sensation aus "East Germany" gefeiert wird, verbringt den Winter in Miami, bei 25 Grad. Ein Bild, von dem sogar die New York Times elektrisiert berichtet: From Behind the Iron Curtain to Miami, "Von der anderen Seite des eisernen Vorhangs" nach Miami. Das Prunkwerk, das ist eine Wand aus Glas, die seit dem Mauerfall als verschollen galt. Die, glaubt man dem Times-Bericht, all die Zeit in einem Schiffscontainer versteckt war. Die, angeblich, jetzt wiederentdeckt wurde – und plötzlich Millionen wert sein soll. Viele Millionen. 20 Millionen Dollar.

Revolution: Frieden unserem Erdenrund heißt das Werk. Oder: Peace On Our Earth Round, denn welcher Amerikaner kann schon "Erdenrund" sagen? Es handelt sich um eine gigantische Buntglaswand, 20 Meter lang, Tonnen schwer, zusammengesetzt aus Hunderten Teilen. Stasi-Chef Erich Mielke persönlich soll die Arbeit beim Glaskünstler Richard Otfried Wilhelm in Auftrag gegeben haben. Aus den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde lässt sich rekonstruieren, dass Frieden unserem Erdenrund in der Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße aufgebaut war. Auf Irrwegen hat es nun offenbar den Weg ans andere Ende der Welt gefunden. Ein Kunsthändler behauptet, es in einem Schiffscontainer entdeckt zu haben wie einen vergessenen Schatz. In Filmen, auf einer eigens produzierten Website, bewirbt er es wie eine Sensation.

Aber schon hier beginnen Fakten und Fantasie zu verschwimmen, und um es gleich zu sagen: Der Fakten gibt es in diesem Fall nicht allzu viele. Es gibt Behauptungen, Erzählungen, Legenden – von Stasi, Kunst und Raffinesse. Denn hier sind Leute am Werk, die gern viel Geld aus einem Bild schlagen würden. Und die wissen: Es braucht eine gute Geschichte, damit Menschen viel Geld ausgeben. Manches an diesem Fall erinnert deshalb an einen Hollywood-Krimi. Anderes an eine Räuberpistole. Und über allem schwebt diese Zahl. 20 Millionen. Kann es wirklich sein, dass das bislang unbekannte Werk eines weitgehend unbekannten DDR-Künstlers so viel Geld wert ist?

Ein Detail aus der Glaswand © BStU

Gewiss ist, dass auf Miamis Kunstmarkt Millionen umgesetzt werden. Die Art Basel Miami, eine der größten Kunstmessen der Welt, ist im Dezember zu Ende gegangen. Frieden unserem Erdenrund wurde dort ausgestellt, nicht auf der Messe selbst, aber auf einer Veranstaltung am Rande. Schwer zu sagen, ob die Besucher die martialische Bildsprache mochten. Was sie sicher mochten, das ist die Geschichte von Kaltem Krieg und Geheimdienst, die zu diesem Bild erzählt wird. Wer nach den Fäden sucht, aus denen diese Geschichte gestrickt ist, muss sich durch die halbe Welt telefonieren, in den Süden und Norden von Amerika. Der muss im Orient anrufen und nach Magdeburg reisen, zu Richard Wilhelm, denn dies ist sein Werk.

Er wohnt im obersten Stock eines Plattenbaus, 25 Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Im Flur hängen Malereien des jüdischen Künstlers Rolf Friedmann, dem Wilhelm 1944, wie er sagt, das Leben gerettet habe. Schon will Wilhelm abschweifen, doch seine Frau Leonore ruft ihn zur Räson. Wilhelms Geschichten würden mehr als einen Vormittag füllen. Und so darf er am Kaffeetisch nur über das Kunstwerk reden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 3 vom 12.1.2017.

Wilhelm ist 84 Jahre alt, Nachkomme einer Glaskünstler-Dynastie, Nationalpreisträger der DDR. Seine Werke haben Wahrzeichen des sozialistischen Staates geschmückt, den Berliner Fernsehturm, den Palast der Republik: Dort stand seine legendäre Gläserne Blume, die angeblich auch Mielke gefiel.

"Mitarbeiter von der Baubehörde der Staatssicherheit, Leute in Zivil, haben eines Tages bei mir an der Tür geklingelt", so erzählt es Wilhelm nun. Er solle für Haus 18, drittes Obergeschoss des Stasi-Komplexes Normannenstraße ein besonderes Werk schaffen.

Haus 18 war eine Art Versorgungstrakt, einige Hundert Meter von Mielkes Büro in Haus 1 entfernt. Ein exklusiver Gebäudeteil, es gab hier Läden mit Intershop-Sortiment, ein Kino, repräsentative Säle für ausländische Delegationen. Da sollte die Glaswand hin. Themenvorgabe: "Vollendung der Proletarischen Revolution durch Waffenbrüderschaft der Staaten des Warschauer Pakts", so sagt es der Künstler.

Richard Wilhelm, der in der DDR einige staatliche Aufträge annahm, hat anderthalb Jahre an dem Werk gearbeitet, leitete dazu ein ganzes Team von Glaskünstlern an. Zwischendurch sei er gefragt worden, ob die Wand stabil, bruchsicher sei. Als er bestätigte, dass sie "sogar weitgehend schusssicher für Handfeuerwaffen" sei, habe das, so erinnert sich Wilhelm, "fast Bewunderung für so weitsichtiges Denken und Können eines Künstlers" erzeugt. Am Ende habe er seinen Titel durchsetzen können. Eben Revolution: Frieden unserem Erdenrund. Die Stasi habe ihm 250.000 DDR-Mark gezahlt. Tatsächlich? So viel sei ihm davon nicht geblieben, abzüglich Personal, Material, sagt er heute.