Anatomisch betrachtet ist das menschliche Herz ein eher simples Organ: eine Muskelpumpe mit zwei Kammern, die das Blut unablässig durch den Körper treibt. Ein paar Zuflüsse, zwei große Abflüsse, vier Klappen – fertig. Nicht zu vergleichen mit der Komplexität des Gehirns, dessen genaue Funktionsweise selbst Neurowissenschaftlern bis heute ein Rätsel ist.

Aus Sicht des Patienten ist das Herz allerdings viel mehr als eine Pumpe. Es ist das Zentralorgan mit direktem Draht zur Seele, auch weil es zuverlässig anzeigt, wie es einem gerade geht. Wer aufgeregt ist, dem schlägt das Herz bis zum Hals. Freut man sich, pocht es schneller, entspannt man sich, beruhigt sich auch der Puls. Für Menschen ist ihr klopfendes Herz das deutlichste Zeichen, dass sie am Leben sind.

Kein Wunder also, dass die Psyche bei Erkrankungen des Herzens eine wichtige Rolle spielt. In großen Studien wurde nachgewiesen, dass Depressionen oder starke Ängste das Risiko für Herzleiden ähnlich stark erhöhen wie Rauchen oder eine ungesunde Ernährung. Besonders offenkundig wird die enge Verknüpfung zwischen Herz und Psyche, wenn das Organ operiert werden muss: Sind Patienten vor der Operation psychisch angeschlagen und befürchten sie das Schlimmste, haben sie danach im Durchschnitt mit mehr Komplikationen zu kämpfen. Nach dem Eingriff erreicht die Lebensqualität nicht das gleiche Niveau wie bei optimistischen Patienten. Und selbst wer vor der Herzoperation psychisch gesund war, leidet danach nicht selten unter Ängsten und Depressionen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Kardiologen und Herzchirurgen ist dieses Problem schon länger bekannt. Inzwischen kümmern sich an einigen Kliniken spezialisierte Psychokardiologen gezielt um die Wechselwirkungen zwischen Herz und Seele. In Fachjournalen fordern Experten, Patienten nach Herz-OPs routinemäßig auf psychische Auffälligkeiten zu testen und, wenn nötig, zu behandeln. Zur Debatte steht sogar der Vorschlag, sämtlichen Patienten schon vor dem Eingriff Medikamente gegen Depressionen zu verabreichen – rein präventiv wohlgemerkt, also zur Vorbeugung.

Viele der bisherigen Überlegungen sind allerdings sehr eindimensional: Die Psyche der Patienten wird als Störfaktor betrachtet, der notgedrungen mitverarztet werden muss. Eine Gruppe von Forschern der Universitätsklinik Marburg hat mit einer neuen Studie nun einen anderen, optimistischeren Weg eingeschlagen. "Wir wussten, dass negative Erwartungen die Prognose von Patienten nach einer Herz-OP verschlechtern können", sagt der Psychologe Winfried Rief. "Wir haben einfach den Spieß umgedreht und gesagt: Wenn wir die Erwartungshaltung schon vor dem Eingriff verbessern, könnten die Patienten davon profitieren." An der Studie, die gerade im Fachjournal BMC Medicine erschienen ist, nahmen 124 Patienten teil. Allen stand eine belastende Bypassoperation am geöffneten Brustkorb bevor. Dabei überbrücken die Chirurgen Engpässe in den Versorgungsgefäßen des Herzens, um die Durchblutung des Herzmuskels wiederherzustellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Ein Teil der Patienten bekam vor dem Eingriff Besuch von einem Psychologen. In zwei persönlichen Gesprächen und zwei kurzen Telefonaten schmiedeten die Experten mit den Studienteilnehmern Pläne für die Zeit nach der Operation. Was wollten sie nach drei Wochen wieder schaffen, nach drei Monaten und nach einem halben Jahr? "Die Patienten haben sich konkrete Ziele vorgestellt, die natürlich realistisch sein mussten", erklärt Rief. "Sie haben mit den Psychologen überlegt, wie sie diese Ziele erreichen wollen, welche Probleme auf dem Weg auftauchen könnten und wie sie damit umgehen."

Die Studienteilnehmerin Inge Schnügger, 76 Jahre alt, kann sich daran noch gut erinnern. "Mir ist sofort der Comer See eingefallen, wo ich oft mit Freunden im Urlaub bin: Aus dem kleinen Ort am Hang führt eine steile Treppe zum See, die ich einfach nicht mehr geschafft habe." Unter Anleitung des Psychologen malte sich Schnügger vor ihrem inneren Auge genau aus, wie sie ihre Freunde in Zukunft wieder zum Ufer begleiten würde. Als sie nach der Operation mit Schmerzen aufwachte und ihr schon der Weg vom Krankenbett zum Waschbecken "wie ein Zweitausender-Gipfel" vorkam, wusste sie aus den Vorgesprächen bereits: Das ist normal, das wird wieder besser.