Es gibt Städte, in denen arbeitet man, und es gibt Städte, in denen lebt man. Bensheim ist eine Lebe-Stadt. Das heißt, zum Geldverdienen fahren die Bensheimer nach Ludwigshafen oder Darmstadt, in Chemiewerke und Pharmakonzerne. Aber ausgegeben wird das Geld hier. Für Wein, für Tabak, für gutes Essen, beim Samstagsbummel.

Am besten fangen Sie gleich damit an: In der Altstadt wird Ihnen missfallen, dass die reich verzierten Fachwerkhäuser als gewöhnliche Handyläden oder Boutiquen dienen. Doch wer in Bensheim aufgewachsen ist und selbst zahllose Samstage in der Stadt verbummelt hat, weiß, dass es Läden zu entdecken gibt, die so klein, so nischig und so selten offen sind, dass man sie auch in Prenzlauer Berg vermuten könnte: das Tabakgeschäft Rauchkultur Seiler, das über 700 Zigarrensorten und regelmäßige Genussabende anbietet. Oder die Galerie Anno 1589, spezialisiert auf den Verkauf von Schmuck der Navajo. Schöner kann man sein Geld nicht ausgeben.

Dass die Leute hier so gerne und großzügig leben, hat auch mit dem Wetter zu tun. Die Bensheimer nennen ihre Heimat nämlich nicht ganz ohne Ernst hessische Riviera. Zugegeben, der Vergleich hat seine Schwächen. Die Bergstraße – das Weinbaugebiet zwischen Heidelberg und Darmstadt – ist natürlich keine Küstenstraße. Hier gibt es überhaupt kaum Gewässer, abgesehen vom trüben Badesee direkt an der A 5. Aber das mit dem Wetter, das stimmt: Es ist warm hier. So warm, dass auch die Stimmung ein bisschen mediterraner ist als im Rest von Deutschland. Setzen Sie sich ins Café Schmitt, und sehen Sie den Bensheimern zu, wie sie bummeln: alle paar Meter stehen bleiben, miteinander babbeln, weitergehen, wieder babbeln. Und seien Sie gewarnt, die Geselligkeit ist ansteckend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Die Wahrscheinlichkeit, dass am Tag Ihres Besuchs gefeiert wird, ist hoch, sehr hoch sogar. Los geht es im April mit dem Bergsträßer Weinfrühling, ebenso gut könnten Sie im Mai auf dem Mayday, im Juni auf dem Bürgerfest, im Juli auf dem Prosecco-Fest, im August auf dem Vogel der Nacht landen. Der Höhepunkt des Jahres aber ist das Winzerfest in jeder ersten Septemberwoche. Am Winzerfest-Montag bekommen Schüler und Angestellte nachmittags frei wie sonst nur an Heiligabend. Die Bergstraße mag die kleinste Weinregion Deutschlands sein, aber den Wein nimmt man hier ernst.

Also sollten Sie ihn auch probieren, und zwar am besten dort, wo er herkommt. Den Weg weist Ihnen die Brunnenfigur der Fraa vun Bensem, einer Sagengestalt, die den bayerischen Truppen während des Dreißigjährigen Kriegs einen Geheimweg in die Stadt gezeigt haben soll. Folgen Sie ihrem Kopfnicken über den Marktplatz und bergan.

Das Tor zu den Weinbergen ist der Stadtpark. Folgen Sie einfach den anderen Spaziergängern. Hier haben ohnehin alle dasselbe Ziel. Das Kirchberghäuschen, 1857 mit Feuerwerk und Kanonenschüssen als Lusthaus für Bensheimer Honoratioren eingeweiht, ist heute ein bürgerliches Gasthaus. Bestellen Sie ein Glas trockene Kalkgasse, und genießen Sie die Aussicht: Im Süden dampfen die Schornsteine des Chemieriesen BASF, geradeaus schweigen die stillgelegten Meiler des Atomkraftwerks Biblis, im Norden können Sie die Bankentürme von Frankfurt erahnen. Der Ausblick ist so düster, beinah als wäre er nur dafür gemacht, den Bensheimern zu zeigen, wie gut es ihnen hier oben zwischen den Weinbergen eigentlich geht.