Es ist ein großer Moment. Eine der berühmtesten Schauspielerinnen der Welt nutzt die Bühne für ein Anliegen. Als Meryl Streep bei der Verleihung der Golden Globes einen Preis für ihr Lebenswerk entgegennimmt, ruft sie, sichtlich erschüttert, einen anderen Auftritt in Erinnerung: Donald Trump, wie er im Wahlkampf einen körperbehinderten Journalisten imitiert und damit lächerlich gemacht hat. Schockiert beschreibt Streep diesen zynischen Akt eines Mächtigen, der jedem nunmehr den Freibrief erteile, andere zu demütigen. Und im Saal wirkt noch ein zweiter, heftiger Schock nach: Trotz seines überwältigenden Engagements war es dem traditionell linksliberalen Hollywood-Milieu nicht gelungen, diesen Trump als Präsidenten zu verhindern.

Kein Star hatte sich für Trumps Kampagne zur Verfügung gestellt. Zu Hillary Clintons Unterstützern hingegen zählten George Clooney, Julianne Moore, Robert De Niro, Leonardo DiCaprio, Dustin Hoffman, Sean Penn, Lady Gaga, Ben Affleck, Harvey Weinstein, Lena Dunham – und sie alle haben mit ihr verloren.

"Wer sind wir?", hatte Streep zu Beginn ihrer Rede in den Raum gefragt und damit auf die unterschiedlichen sozialen, nationalen und kulturellen Hintergründe der nominierten Künstler und Filme angespielt. "Wer sind wir?", wird sich das Hollywood-Milieu aber auch weiter fragen, fassungslos angesichts seiner ins Leere gelaufenen Anstrengung.

Schauspielerei ist Empathie, also das Gegenteil herabsetzenden Nachäffens

Der Einsatz mag ehrenwert sein. Aber könnte es nicht sein, dass sich jahrelang zwei Milieus allzu selbstverständlich im gegenseitigen Scheinwerferlicht gesonnt haben: Schon immer hofierten US-Präsidenten und Filmstars einander. In den letzten Jahren wurde das Verhältnis zwischen Hollywood und Weißem Haus aber zur regelrechten Lovestory. Fasziniert vom jungen Gouverneur von Arkansas, schmiedeten Stars und Starproduzenten wie Steven Spielberg und Jeffrey Katzenberg einen popkulturellen Pakt mit Bill Clinton. Es war ein symbolischer und finanzieller Pakt zwischen Hollywood und Washington, den Welthauptstädten der Illusion. Und Hollywood wurde zur Cash-Maschine für demokratische Präsidenten. Eine Art Seilschaft entstand. Etwa zwischen den Clintons und dem Produzenten-Milliardär David Geffen, der 18 Millionen Dollar Wahlkampfspenden aufgetrieben hat. Oder zwischen Barack Obama und George Clooney. Ein einziges Event des Schauspielers brachte zwölf Millionen Dollar ein, eine der größten politischen Einzelspendenaktionen der US-Geschichte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Offensiv und spielerisch benutzte Obama das Weiße Haus als Plattform für kulturelle Events, Konzerte, Kinopremieren, etwa von Steven Spielbergs Film Lincoln. Schauspieler sprachen mit dem Präsidenten bei exklusiven Treffen über ihre privaten politischen Anliegen: die Rettung der Blauwale (Pierce Brosnan), die globale Erwärmung (Leonardo DiCaprio), die Krise in Darfur (George Clooney). Kann man Hollywood verübeln, dass man es sich dort nicht vorstellen konnte, die Bühne des Weißen Hauses vom missliebigen Trump bespielt zu sehen?

Womöglich war der Golden-Globe-Auftritt von Meryl Streep deshalb so eindrucksvoll, weil die Schauspielerin die Grenzen nicht verwischte. Weil sie gerade nicht mit politischen Botschaften an die Zuschauer trat und doch eine hochpolitische Rede hielt. Und weil sie Trump nicht direkt attackierte, ja nicht einmal seinen Namen nannte, ihn dadurch aber umso härter traf. Man kann sich nur wünschen, dass die Präzision ihres Auftritts Maßstäbe setzt, auch für die Oscarverleihung am 26. Februar. Meryl Streep blieb nämlich bei ihrem Leisten: der Schauspielerei, dem Handwerk der Repräsentation. Es bestehe darin, sagte sie, sich in Menschen hineinzuversetzen, die anders seien als man selbst. Schauspielerei sei ein Akt der Empathie, also das Gegenteil des herabsetzenden Nachäffens. Ebendeshalb – und das brauchte Streep nicht einmal zu sagen – ist Trumps Persönlichkeit ungeeignet für ein Amt, das für die Repräsentation eines ganzen Landes steht. Und das seinem Inhaber ein Mindestmaß an schauspielerischer Empathie abverlangt, auch mit seinen schwächsten, feindseligsten oder unsympathischsten Bürgern.

Postwendend beschimpfte Donald Trump danach per Twitter Meryl Streep als eine der "am meisten überschätzten Schauspielerinnen" Hollywoods. Das zeigt jedenfalls, dass sie ihn erkannt und erwischt hat.

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