Wenn die Bank of Japan monatlich ihre Marschroute verkündet, stockt vielen Beobachtern regelmäßig der Atem. Lange war keine Zentralbank so waghalsig. Von Frühjahr 2013 an kaufte sie japanische Staatsanleihen in einem zuvor ungekannten Ausmaß, ein Jahr später weitete sie das Programm noch aus. Seit 2015 besorgt sie sich auch börsengehandelte Fondspapiere. Und Anfang 2016 führte sie Negativzinsen ein. Zentralbank-Gouverneur Haruhiko Kuroda bleibt hart: Damit die angestrebte Inflationsrate von zwei Prozent erreicht werde, sei er bereit, alles zu tun.

Seit Jahren sehnen sich außer Japan noch viele andere wohlhabende Länder nach den Wirtschaftswachstumsraten zurück, die es bis 2008 gab, als die Finanzkrise begann. Dafür haben auch die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die amerikanische Federal Reserve längst ihre Geldpolitik gelockert. Leitzinsen an der Nulllinie und darunter sollten die Kreditaufnahme für Unternehmen einfacher machen und so neue Investitionen fördern. Da sich aber dieses Mittel mittlerweile abgenutzt hat, müssen Zentralbanker die Märkte mit etwas Neuem überraschen. Das Vorbild in dieser Ära geldpolitischer Innovationen ist Japan. Die Folgen der Expeditionen aus Fernost? Werden gerade erst erforscht.

Zentralbanker betonen gerne, dass sie mit ihren Maßnahmen bloß kurzfristige Impulse für die Märkte geben: Lassen sie etwa mehr Geld drucken, steigt die Inflation, und der Zins sinkt. Einfluss auf Einkommensungleichheit gebe es keinen. So heißt es. Ohnehin haben die meisten Zentralbanken nur den Auftrag, für ein stabiles Preisniveau zu sorgen. Für alle anderen Probleme, wie die Verteilung der Einkommen, sind Regierungen verantwortlich.

Nur stellt sich nach Jahren geldpolitischer Experimente die Frage: Sind diverse Zentralbanken gerade dabei, ihre Mandate zu überschreiten? Jüngste Forschungsergebnisse sprechen jedenfalls dafür. So können sich die neuen Instrumente der lockeren Geldpolitik sehr wohl auf die Einkommensungleichheit auswirken. Auch Technokraten ohne demokratisches Mandat, Notenbanker also, entscheiden demnach darüber, wer reicher wird und wer nicht.

Ein Papier der Ökonomen Ayako Saiki und Jon Frost von der Niederländischen Zentralbank bestätigt das. 2014 schrieben sie im Journal Applied Economics über Japan: "Wo traditionelle Geldpolitik für ineffektiv erklärt wird und unkonventionelle Mittel angewandt werden, steigen Wertpapierpreise überproportional im Vergleich zu Fundamentalwerten wie Löhne und Beschäftigung. Höhere Wertpapierpreise begünstigen vor allem Haushalte mit hohen Einkommen, da diese einen größeren Anteil ihrer Ersparnisse in Wertpapieren halten, sodass ihre Kapitaleinkommen stärker steigen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

So nahm im von Saiki und Frost untersuchten Zeitraum zwischen 2008 und 2013 nicht nur der Unterschied zwischen den höchsten und niedrigsten Einkommen in Japan zu. Auch Aktionäre profitierten besonders stark. Über die von Frühjahr 2013 an noch deutlich gelockerte Geldpolitik Japans schreiben die Forscher, dass sich der Effekt hier weiter verstärken dürfte. Schließlich legte der Tokioter Aktienindex Nikkei 225 seitdem um 40 Prozent zu, das Lohnniveau im Ganzen aber ist nicht gestiegen.

Sophia Latsos, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig, beobachtet noch einen weiteren Mechanismus, der den Unterschied zwischen Arm und Reich vergrößert. Am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio forscht sie derzeit zum Fall Japan. "Da die Zentralbank dem Finanzsektor das Geld schon seit Jahren praktisch ohne Aufpreis verleiht, werden viele eigentlich unproduktive Unternehmen am Leben erhalten", sagt sie. "Der Bankensektor unterscheidet bei der Verlängerung von Krediten nicht mehr zwischen wettbewerbsfähigen und eigentlich bankrotten Betrieben. Da die Geldpolitik auch die Gewinne der Banken drückt, halten sich diese mit der Kreditvergabe an Klein- und Mittelunternehmen zurück."