Eine Umfrage und ihre Geschichte

Die Bänke sind leer. Demografie und Säkularisierung machen den Kirchen zu schaffen. Mit einigem Aufwand versuchen die Landeskirchen, Bistümer und auch die freikirchlichen Verbände den Veränderungen nachzukommen. Sie stoßen Reformen an, entwickeln Konzepte und veranstalten Kongresse – doch vor allem: Sie schließen Kirchen und streichen Stellen. Ihre Maßnahmen wirken mal verzweifelt, mal gewollt, oft kommen sie zu spät.

Einiges liegt im Argen, das ist allen klar, die sich mit der Kirche beschäftigen. Christ&Welt hat sich gefragt: Wo drückt die Gemeinden – abseits der großen Strukturdebatten, in die Kirchenvertreter sich so gerne einmischen – der Schuh? Womit haben die Menschen in den Gemeinden zu kämpfen? Was macht den Gläubigen vor Ort zu schaffen?

In der vergangenen Woche starteten wir eine Umfrage via E-Mail, Twitter und Facebook. Der Fragebogen, den wir entworfen hatten, verbreitete sich rasant: Binnen vier Tagen sind knapp 1.000 Gemeindemitglieder unserem Aufruf gefolgt. Die Befragten waren zwischen 16 und 75 Jahre alt, haupt- und ehrenamtlich aktiv und kamen aus ganz Deutschland. Eine repräsentative Umfrage ist das nicht, aber doch ein aussagekräftiges Stimmungsbild. Die rege Teilnahme zeigt: Es besteht Gesprächsbedarf. Leben die Befragten auf dem Land oder in der Stadt, welcher Konfession gehören sie an? Die Ergebnisse finden Sie auf der folgenden Seite. Außerdem: Vier der Teilnehmer kommen ausführlicher zu Wort und schildern, wie sie mit den Problemen im Alltag umgehen.

Das wichtigste Ergebnis unserer Umfrage: Es fehlt an Nachwuchs im Ehrenamt. Jeder Fünfte der 1.000 Befragten sieht darin das größte Problem seiner Gemeinde. 60 Prozent gaben an, dass die Freiwilligen in ihrer Gemeinde überlastet sind. Da der Großteil der Befragten selbst ehrenamtlich aktiv ist, drückt diese Zahl auch ihre persönliche Überlastung aus. Bei den Hauptamtlichen sieht es nicht besser aus: Die Hälfte sieht einen Mangel an bezahlten Kräften und eine Überlastung derer, die im Dienst der Kirchen stehen. Allerdings landet der Mangel an Hauptamtlichen bei der Frage nach den größten Problemen nur an siebter Stelle. Auch die Hauptamtlichen selbst sehen darin nicht das größte Problem. Lediglich neun gaben dies als größtes Problem an, obwohl sie sich alle für überlastet halten.

Das zweitgrößte Problem der befragten Gemeinden sind die Reformprozesse der Landeskirchen und Bistümer. In Gremien und Ausschüssen wurde in beiden großen Kirchen in den vergangenen Jahren einiges erdacht, was nun von den Gemeinden vor Ort umgesetzt werden soll. Die Maßnahmen unterscheiden sich regional und konfessionell, aufwendig und bürokratisch sind sie überall. Die knappe Zeit der Ehren- und Hauptamtlichen wird zusätzlich beansprucht, noch dazu mit Aufgaben, die sich den Menschen vor Ort oft nicht erschließen. Mal sollen sie Gemeindehäuser vermessen, mal wird eine offene Stelle nicht nachbesetzt, solange die Gemeinde die Reformen nicht umgesetzt hat. Knapp 18 Prozent gaben an, dass die Umsetzung der Reformprozesse aktuell ihre Gemeinde am ehesten herausfordert.

An dritter Stelle steht die Überalterung: 16,8 Prozent aller Teilnehmer gaben den Mangel an jungen Mitgliedern als größte Herausforderung ihrer Gemeinde an. Dieser Befund wird von Alt und Jung geteilt. Das Problem erwies sich dabei nicht als spezifisch für eine Konfession.

Auf Überlastung, Reformprozesse und Überalterung folgen Mitgliederschwund, Verwaltungsaufwand, Geld und Personal. Als nachgeordnete Probleme können Inklusion, Kirchenschließungen und die politische Radikalisierung der Gemeindeglieder angesehen werden. Auch die Politisierung der Kirchen in der Flüchtlingsdebatte sehen nur wenige Befragte als problematisch an. Bei allen Debatten um die AfD und ihre Rolle in der Kirche: In der Praxis werden andere Themen als drängender wahrgenommen.

Neben unseren zehn Antwortvorschlägen bestand in unserem Fragebogen auch die Möglichkeit, unter "Sonstiges" eigene Probleme zu benennen. Dieses Feld nutzten 160 Befragte, wobei ein Großteil der Einträge lediglich eine Präzisierung unserer Antwort-Vorschläge darstellt. Neben der Politisierung der Gemeindemitglieder beklagten etwa einige Befragte die mangelnde Abgrenzung ihrer Geistlichen nach rechts oder auch die zunehmende politische Einmischung der Bischöfe oder der EKD.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

In einer weiteren Frage wollten wir wissen: Woran mangelt es den Gemeinden am meisten? Ein Fünftel der Befragten hält ihre Gemeinde nicht für gesellschaftlich anschlussfähig, es fehle nicht nur an Nachwuchs, sondern auch an Visionen. Der Geldmangel folgt erst an sechster Stelle. Deutlich mehr Befragte vermissen den Mut zur Veränderung. Die Digitalisierung halten nur 1,9 Prozent für mangelhaft.

Einige interessante Details offenbart die Umfrage über die offensichtlichen Ergebnisse hinaus: So gibt die Landbevölkerung seltener ihre Kontaktdaten preis, und Protestanten lassen sich offenbar mit einer Umfrage eher erreichen als Katholiken. Dafür war auch eine anglikanische Gemeinde aus Manchester vertreten.

Abschließend hatten alle Befragten die Möglichkeit, unter "Was ich noch sagen wollte" einen letzten Kommentar abzugeben. So schrieb ein ehrenamtlicher Teilnehmer, 48, freikirchlich: "Habe beim Durchgehen der Fragen gemerkt, wie gut es meiner Gemeinde geht."

"Mir fehlen Pop und Schager"

Die Befragten im Überblick

Zwischen Gemeinde und Landeskirche

Seit September bin ich Pfarrer in Sebnitz, einer Kleinstadt in der Sächsischen Schweiz. Der Großteil der Gemeinde lebt ländlich, sieben Kirchtürme zählen dazu. Wir feiern sonntags immer einen Gottesdienst in der Stadtkirche und abwechselnd in einem der kleineren Orte. Vor 20 Jahren waren hier noch doppelt so viele Menschen Teil der Kirche. Der Mitgliederschwund ist unser größtes Problem.

Zum Kino fahren die Leute auch mal in die nächste Stadt, aber bei der Kirche ist ihnen die Nähe wichtig. Sie wollen ihren Gottesdienst feiern, wo sie konfirmiert und getraut wurden oder wo die Oma auf dem Friedhof liegt. Deshalb müssen wir darüber reden, was es heißt, Gottesdienst zu feiern, und inwiefern das Evangelium an einem Ort festgemacht werden sollte.

Für mich zählt nicht, wie viele Menschen in den Gottesdienst kommen. Ich wünsche mir vielmehr, dass meine Gemeinde ihren Glauben lebt. Ganz klassisch: das Evangelium verkündigt und von dem weitererzählt, was uns hält. Auch würde ich mir wünschen, wir würden vielfältiger, nähmen unterschiedliche Milieus in den Blick. Warum etwa feiern wir im Umkreis weniger Kilometer fünf Gottesdienste zur selben Zeit mit derselben Orgelmusik und Liturgie? Mir fehlen Pop und Schlager.

Wir unterhalten uns viel über die strukturellen Fragen, aber vermeiden die wirklich tiefen, geistlichen Fragen. Und ich muss zugeben: Auch mir selbst fehlt oft die Sprache. Zwei Pfarrer sind im letzten Jahr gegangen, eine Stelle ist vakant. Als Pfarrer stecke ich so sehr in Alltagsarbeit, dass ich nötige Veränderungen nicht anstoßen kann. Gleichzeitig macht unsere Landeskirche die Nachbesetzung der zweiten Pfarrstelle in unseren Gemeinden von Veränderungen abhängig. Das verstehe ich: Sie wollen niemanden hierhin holen ohne langfristige Perspektive. Sie denken: Was ist in zehn Jahren? Doch die Gemeinde denkt: Was ist jetzt? Und ich stehe dazwischen.

Lothar Gulbins (28) ist seit September Pfarrer im sächsischen Sebnitz.

Aufgezeichnet von Hannes Leitlein

Für eine Kirche ohne Wände

Wir jammern über Austritte und mangelnde Taufen. Gleichzeitig haben wir uns aber in ein gemütliches Schneckenhaus verzogen. Da werden Vorbehalte laut, anderen nichts "aufquatschen" zu wollen, ebenso wie dass der Glaube Privatsache sei. Bitte nirgends anecken und selbst seine Ruhe haben. Es ist aber wie mit einem Roman: Klar berichte ich Freunden darüber, wenn ich eine Perle entdeckt habe. Mich würde es verwundern, wenn ein Freund begeistert von einem Buch ist, das aber schön für sich behält. Warum soll das beim Glauben anders sein? Das ist nichts für das stille Kämmerlein.

Wir leben Gemeinschaft und lieben sie. Glaube ist keine Privatsache, denn wir sind verpflichtet, davon zu berichten (Matthäus 28,19). Dafür muss ich mich jedoch mit meinem Glauben auseinandergesetzt haben. Das kann ein unbequemer Weg sein, da ich manches hinterfragen muss. Und ich muss vom Glauben erfüllt sein und ihn leben. Wer jedoch aus ihm Kraft schöpft und ihn teilt, der gibt nichts weg, sondern gewinnt viel hinzu. Menschen bei ihrer Glaubensfindung zu begleiten zählt zu den kostbarsten Momenten, die man erleben kann. Gefühlt müssten die Kirchen ohne Wände sein, damit wir das in der Messe Erfahrene leicht hinaustragen können. Oft verschließen wir aber die Türen, damit wir keinen stören und nicht gestört werden.

Viele verbinden Christsein mit Werten. Dabei sind wir keine Werte-, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Ein Glauben an Vergebung, Liebe und Freude. Lasst uns weniger Zeit in Diskussionen über fraglos notwendige Strukturreformen und Finanzen verbringen und mehr mit anderen über unseren Glauben sprechen. Das ist auch keine Vorbehaltsaufgabe von Hauptamtlichen, sondern eines jeden Einzelnen.

Kai Kobschätzki (39) ist ehrenamtlicher Jugendleiter in der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Berlin.

Zu Recht hohe Erwartungen

Wir brauchen die Generation nach uns

Meine Gemeinde altert – und ich bin ein Teil davon. Ich bin 54 Jahre alt und gehöre damit zur Generation der Babyboomer. Manchmal befürchte ich, dass wir uns überall breitmachen und den anderen den Raum wegnehmen. Neulich hat eine junge Pfarrerin zu mir gesagt: "In der Kirche habe ich es ständig mit Menschen in deinem Alter zu tun – egal, ob Pfarrer oder Kirchengemeinderäte." Das stimmt. In meiner Gemeinde ist die Generation der 30- bis 50-Jährigen kaum vertreten. Dabei wäre es toll, wenn sie sich einbringen würde, mit ihren eigenen Bedürfnissen nach Spiritualität und kirchlichem Leben. Aber meine Generation weiß zu wenig über diese jüngere Generation. Und sie formuliert uns gegenüber nicht, was sie sich wünschen würde. Dabei würde es uns bereichern, wenn diese Generation in unserer Gemeinde Atmosphären und Veranstaltungen entwickeln würde, die ihr entsprechen. Wir brauchen diese Generation nach uns, um weiterexistieren zu können. Dafür müssen wir auch bereit sein, alte Strukturen aufzugeben. Wenn die Kirche es nicht schafft, sich zu verändern für diese Generation, dann gefährdet sie ihre Zukunft. Und es gibt noch eine Sache, die mir wichtig ist: Wir sollten junge christliche Flüchtlinge als Chance für uns wahrnehmen. Wir sollten offen sein für ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihre Spiritualität. Wenn wir erwarten, dass sie sich lautlos in den Gemeinden einfügen, werden sie irgendwann wegbleiben. Dabei könnten wir so sehr von ihnen und anderen jungen Menschen profitieren.

Monika Moll (54) ist Mitglied in der Stadtkirchengemeinde im württembergischen Nürtingen.

Aufgezeichnet von Merle Schmalenbach

Zu Recht hohe Erwartungen

In der Kulturkirche St. Gertrud meiner Gemeinde in Köln hatten wir neulich eine Lichtinstallation zweier junger Künstler. Das war ungewöhnlich, hat aber viele Menschen angezogen. Das ist oft so, zum Beispiel bei unseren Literaturveranstaltungen. Dann kommen Menschen, die sonst nie eine Kirche betreten würden, aber auf der Suche nach Transzendenzerfahrungen sind. Mir ist es egal, ob sie durch die Veranstaltungen zu Gottesdienstbesuchern werden oder nicht. Wenn sie sich nach einer Lesung einen Gedanken mitnehmen, der ihr Leben reicher macht, dann ist schon viel erreicht. Die Kirche sollte aufhören, sich nur um sich selbst zu drehen. Sie sollte sich dazu bekennen, ein Dienstleister zu sein. Was ist so schlimm daran?

Denn die Menschen haben zu Recht hohe Erwartungen daran, was die Kirche professionell leisten kann. Sie muss sich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzen, seien es Armut, Gentrifizierung oder die AfD. Sie könnte als Vermittler auftreten und Menschen an einen Tisch bringen, die niemals miteinander reden würden. Gerade jetzt in einer Gesellschaft mit Spaltungstendenzen wäre das wichtig. Die Kirche braucht eine gesellschaftliche Relevanz. Sonst hat sie keine Zukunft. Im vergangenen Jahr haben wir in der Kulturkirche St. Gertrud mit 33 Veranstaltungen 8.000 Menschen erreicht. Das beweist, wie groß das Potenzial für neue pastorale Ideen ist. Dazu müsste die Kirche aber Geld investieren und mutiger sein. Sogar neue Stellenprofile wären denkbar: Ein Kulturtheologe könnte an der Schnittstelle zwischen Kunst und Seelsorge nach Verbindungen suchen. Doch wenn man mit konkreten Vorschlägen zur Kirchenleitung geht, dann mangelt es an Fantasie und Kraft, etwas zu wagen. Kirchenleitung muss aber den Menschen vor Ort den Rücken frei halten.

Peter Otten (47) ist hauptamtlich in der katholischen St.-Agnes-Gemeinde in Köln tätig.

Aufgezeichnet von Merle Schmalenbach