Ja, wir müssen uns bekennen!

In diesem Jahr wird es in Deutschland so viel um Religion gehen wie nur selten in den vergangenen Jahrzehnten: 500 Jahre Reformation, überall Luther, der Reformationstag plötzlich bundesweiter Feiertag – und gleichzeitig hält religiöser Fanatismus die Welt in Atem.

Auch über den Religionsunterricht wird in diesem Jahr gestritten: Die katholischen Bischöfe wollen sich dem gemeinsamen Unterricht von Katholiken und Protestanten öffnen; 163 Universitätstheologen hielten dagegen, der Unterricht solle "kooperativ" sein, aber konfessionell getrennt. Derweil reißt die Debatte um den Islamunterricht an deutschen Schulen nicht ab.

In diesem Jahr der Religion ist es Zeit, dass "Reli" seine teils fremd-, teils selbstverschuldete Verzwergung überwindet: raus aus den Randstunden um 7 Uhr morgens oder am Nachmittag, weg mit dem Stigma eines Larifari-Fachs, in dem man über Drogen, Sex und Okkultismus palavert. "Reli" war vielleicht noch nie so wichtig wie heute – aus drei Gründen.

Erstens lernen Schüler die Welt zu verstehen: Anders als viele erwarteten, wurde die Welt zuletzt nicht säkularer. Im Gegenteil: Religion ist so wichtig geworden, dass die Oxforder Politikwissenschaftlerin Monica Toft schon "Gottes Jahrhundert" ausrief. Da geht es nicht nur um Terror und Konflikt; in Deutschland hat sich etwa der Habitus des öffentlichen Diskurses spiritualisiert: Man schaue sich nur den Hashtag #prayforberlin an, unter dem selbst die SPD nach dem Anschlag am Breitscheidplatz twitterte. Dass Religion auch ein Schlüssel ist zu Geschichte und Kultur, versteht sich von selbst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Zweitens hilft "Reli" den Schülern, sich selbst zu erkennen. Irgendwann stellt sich jeder Schüler die großen Fragen, die Fanta 4 in diesen Refrain packten: "Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Gibt’s da ’nen Tunnel? Ist da ein Licht? Ich weiß es nicht." Ein Ethiklehrer muss diese Fragen rein religionswissenschaftlich beantworten: Die einen glauben das, die anderen das. Doch reicht reine Wissensvermittlung bei so existenziellen Fragen aus? Braucht es nicht gerade hier ein Bekenntnis? Ein "Reli"-Lehrer ist katholisch, evangelisch, muslimisch oder jüdisch. "Ich glaube an die Auferstehung von den Toten", wird der Christ etwa sagen. Daran können sich Schüler festhalten oder reiben, in jedem Fall aber wachsen. Daher ist es so wichtig, dass Unterricht bekenntnisorientiert ist, sei es muslimisch oder christlich. Wer sich selbst kennt, kann sich selbst erkennen – und dann aufgeklärt und tolerant auf andere Religionen zugehen.

Drittens erfüllt sich durch "Reli" der ganze Bildungsauftrag der Schule. Es ist zu wenig, wenn Schulen nur Wissen vermitteln oder aufs Berufsleben vorbereiten. Ihr Auftrag ist auch: Herzensbildung. Kann man sich eine herzensbildende Schule vorstellen, die religiös unmusikalisch ist? Eine Schule, in der Schüler Integralrechnung, subjonctif und die Merkmale von H₂SO₄ und Homöoteleuta pauken, aber keinen Platz haben für Glauben, Zweifeln und Verzeihen, Irren und Ratlosigkeit?

Doch was ist mit den Widersprüchen, die "Reli"-Kritiker aufführen? Wieso lässt ausgerechnet ein neutraler Staat Religionen in seine Schulen? "Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" – dieser viel zitierte Satz des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde bedeutet: Ohne einen ethischen Konsens kann ein Staat nicht überleben; zu diesem Konsens tragen Religionen viel bei. Der Befund wurde zu Recht als "Böckenförde-Paradox" bezeichnet. Die Widersprüchlichkeit, die auch Stefan Schmitt moniert, hat eine einfache Ursache: die Geschichte eines Landes, in der Religion seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle spielt. Die Wirklichkeit ist kein beliebig konstruierbares Physik-Experiment. In diese Geschichte, an die sich Deutschland 2017 besonders erinnert, gehört "Reli" – als selbstbewusstes, wichtiges Schulfach.