Tiere töten, um zu forschendarf man das? Die Frage ist nicht neu, doch derzeit diskutieren Tierschützer und Forscher sie unter neuen Vorzeichen. Nach der Ausstrahlung von versteckt aufgenommenen Bildern und darauf folgenden Protesten gab ein Tübinger Neurowissenschaftler im Mai 2015 bekannt, künftig nicht mehr mit Affen zu experimentieren. Spät, aber deutlich meldet sich jetzt die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit einem Grundsatzpapier zu Wort. Der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, einer der einflussreichsten Wissenschaftler seines Fachs, koordinierte die vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft berufene internationale Kommission.

DIE ZEIT: Herr Singer, in Vorbereitung auf das Gespräch gab ich bei der Google-Bildersuche "Tierversuch" ein. Man sieht dort: Affen mit Schädelimplantaten, Kaninchen mit Kanüle im Auge, Katzen, die am Kopf operiert werden. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Bilder betrachten?

Wolf Singer: Das berührt mich sehr unangenehm, vor allem weil ich weiß, wie solche Bilder zustande kommen: Sie sind aus dem Zusammenhang gerissen und meist manipuliert. Um sie beurteilen zu können, ist es etwa wichtig, zu wissen, ob die Tiere narkotisiert sind oder ob sie lediglich Implantate tragen, die keine Schmerzen bereiten, weil das Gehirn schmerzunempfindlich ist. Nehmen Sie das Foto, das eine Ratte mit einem dauerhaft eingesetzten Implantat zeigt: Das Tier läuft in einer Arena herum und sucht nach Futter, während seine Gehirnaktivität gemessen wird. Solch ein Anblick ist natürlich befremdlich, aber nicht weniger als die Bilder aus Operationssälen in Kliniken.

ZEIT: Zwischen einem operierten Menschen und einem Versuchstier gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Mensch hat dem Eingriff zugestimmt, das Tier nicht.

Singer: In der Tat, Tiere können keinen Einspruch erheben. Deswegen müssen wir Menschen stellvertretend darüber befinden, was ethisch vertretbar ist, und dabei versuchen, die Perspektive der Tiere einzunehmen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

ZEIT: Aber es bleibt beim Eindruck: Direkt messen lässt sich nicht, was die Tiere fühlen.

Singer: Das ist richtig. Wir bewegen uns in einer Grauzone und müssen deshalb jeden einzelnen Fall diskutieren und abwägen. Das macht ethische Entscheidungen so schwierig.

ZEIT: Wie hoch sind denn die Hürden für einen Wissenschaftler, um mit einem nicht menschlichen Primaten als Versuchstier arbeiten zu dürfen?

Singer: Ich muss in einem detaillierten Antrag von 50 bis 60 Seiten den wissenschaftlichen Wert meines Versuchsvorhabens genau begründen. Darin wäge ich den erwarteten Erkenntnisgewinn gegen den möglichen Schaden ab, den ich dem Tier zufüge, und erläutere, warum ich die Untersuchungen nur an einer bestimmten Tierart durchführen kann. Ich muss erklären, wie viele Experimente ich benötige und inwiefern die erwarteten Ergebnisse dazu beitragen können, das Leid von Mensch und Tier zu verringern. Dieser Antrag wird dann von einer Tierschutzkommission streng geprüft.

ZEIT: In diesen Gremien sitzen auch Laien. Forschung ist häufig aber sehr spezialisiert. Wie soll das gehen: erklären, wozu ein bestimmtes Experiment notwendig ist?

Singer: Es ist tatsächlich kaum möglich, Fachfremden – und das gilt auch für Kollegen aus anderen Feldern – das Wissen zu vermitteln, das erforderlich ist, um die spezifische Bedeutung eines Projektes beurteilen zu können. Die meisten Disziplinen erfordern eine jahrelange Spezialausbildung. Dennoch müssen wir versuchen, so verständlich wie möglich darzulegen, welcher Erkenntnisfortschritt erwartet wird. Dabei muss ich als Experte ein gewisses Maß an Vertrauen einfordern. Für die Einschätzung, wie wichtig eine Fragestellung ist, wird viel Vorwissen benötigt. Es muss also dem Urteil von Experten vertraut werden, und um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, müssen die Experten redlich und die Wissenschaft transparent sein. Ohne Transparenz kein Vertrauen. Die Abwägung zwischen Leid und Erkenntnis ist grundsätzlich schwierig, da sehr unterschiedliche Güter miteinander verglichen werden müssen. In der Grundlagenforschung ist jedoch genau dies erforderlich. Ein weiteres Problem ist, dass Ergebnisse von Forschungsvorhaben nur schwer voraussagbar sind.

ZEIT: Sie wissen nicht, was Sie herausfinden wollen, und töten dafür Tiere: Für Außenstehende ist das nicht einfach zu verstehen.

Singer: Ich weiß sehr wohl, was ich herausfinden will, aber ich kann nicht versprechen, dass es mir gelingen wird. Für die Grundlagenforschung gilt: Je besser die Wissenschaft, desto weniger lässt sich das Ergebnis voraussagen.

ZEIT: Das klingt nach einer bequemen Begründung, um alles machen zu können, ohne sich erklären zu müssen.