Sie kreischen, als sie mich entdecken, rennen auf mich zu, um mich zu umarmen. "Can we please take a picture with you?", fragen die Schülerinnen, die mit ihrer Klasse auf Besichtigungstour durch Neu-Delhi sind. "Just one selfie!" Hinter uns ragt das India Gate in den Himmel. 1921 gebaut, soll der Torbogen and die indischen Soldaten erinnern, die im Ersten Weltkrieg für Großbritannien gestorben sind. Aber eine weiße Frau mit Bauchtasche und Birkenstock-Sandalen scheint für die Jugendlichen die größere Attraktion zu sein.

Solche Szenen habe ich während der drei Monate, die ich in Indien gearbeitet habe, über hundertmal erlebt. Egal, ob in Mumbai, im Punjab, in Haryana oder hier in Neu-Delhi – Mütter drückten mir fürs Bild ihre Babys in den Arm, Großväter stellten sich neben mich, kleine Mädchen und sehr viele pubertierende Jungs. Dass europäische Touristen in Asien schnell selbst zum Fotomotiv werden, das hört man oft. Doch warum das so ist, verstand ich nicht. Ich startete eine Art Feldversuch. Ich begann die Bilder, die die Menschen von mir machten, zu sammeln und stellte jedem, der mich fotografieren wollte, zwei Fragen: Warum ein Foto? Und warum ich?

Häufig bekam ich zu hören: Weil du so schön bist.

Ich bin halbwegs symmetrisch. Vor allem aber bin ich sehr weiß. Meine Hautfarbe, die ich in meiner Jugend durch Selbstbräuner und Sonnenstudiobesuche versuchte zu übertünchen, gilt in Indien als Schönheitsideal. In indischen Supermärkten füllen Aufhellungscremes ganze Regale. Wohlhabende Inderinnen können sich ihre Sonnenbräune regelmäßig durch "De-Tanning"-Behandlungen im Spa wieder abschrubben lassen. Für die in London lehrende Kultur- und Medienwissenschaftlerin Shakuntala Banaji ist der indische Kult um helle Haut Ausdruck von Rassismus. Weiße würden glorifiziert und Schwarze verprügelt. Historiker erklären das so: Die Inder haben über Jahrhunderte gelernt, zu hellhäutigeren Menschen aufzuschauen. Viele der Herrscher des Subkontinents, die Perser, die Mogulen, die britischen Kolonialherren, waren blasser. Doch ist es so einfach?

Die Mädchen vor dem India Gate schauten mich verständnislos an, als ich sie fragte, ob sie sich mit mir fotografieren lassen wollen, weil ich so weiß bin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

"Neeiiiin!", riefen sie dann.

Weil ich helle Haare habe? "Nein!"

Weil ich so wahnsinnig schön bin? Die Mädchen lachten.

"Du bist Ausländerin. Du siehst einfach anders aus als wir."

Es scheint also nicht nur um Hellhäutigkeit, es scheint auch um Exotik zu gehen. Tatsächlich wurde ich nur dort fotografiert, wo wenig Weiße herumliefen. Am Mandrem Beach in Goa, wo russische und israelische Touristen ihre sehnigen Yogakörper bräunten, fotografierte niemand. Genauso wenig wie in der Metro in Neu-Delhi, da hatten die Leute anderes zu tun.

In einem kleinen Dorf in Mewat, einem Distrikt von Haryana, hingegen versuchten mehr als zehn Jungs sich mit mir auf ein Selfie zu quetschen. Das Foto sei eine Erinnerung, sagten sie. In ihr Dorf kämen fast nie Touristen. Es gefiel mir, wie offensiv neugierig die Leute waren und wie leicht ich mit ihnen in Kontakt kam.

Indische Bekannte erzählten mir, dass Privatsphäre hier keinen großen Stellenwert hat. Wo oft mehrere Generationen auf engem Raum zusammenleben und man in den Städten niemals einen leeren Bus oder U-Bahn-Waggon sieht, findet keiner etwas dabei, wenn der Sitznachbar im Gedrängel eine SMS mitliest oder sich ungefragt an einem Gespräch beteiligt. Warum soll man eine Fremde da nicht um ein gemeinsames Bild bitten?

Weil ich kein Hindi, kein Marathi oder Tamil spreche und die Fotografierer oft nur gebrochenes Englisch konnten, ergab sich nur selten eine längere Unterhaltung. Oft blieb es bei einem freundlichen Small Talk nach dem Motto: Herzlich willkommen, schön, dass du da bist.

Für den 26 Jahre alten Anchit Kumar Kauchik, der mich auf der Proteststraße Jantar Mantar in Neu-Delhi ansprach, ging es um mehr. Er wollte das gemeinsame Foto seiner Familie zeigen, damit sie sehen, dass Touristen aus aller Welt Tausende Kilometer reisen, um Indien kennenzulernen. Er sagte: "Ich bin stolz auf mein Land. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns."