Die Sprache ist technisch, bürokratisch, kalt. Verhüllen aber kann sie das Ungeheuerliche kaum: "Im Zuge der Endlösung" sollen die Juden in "Durchgangsghettos" verschleppt werden, "um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden". "In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist." Sätze aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942.

Fünfzehn hohe Beamte, Staatssekretäre und SS-Funktionäre nahmen an dem Treffen teil. Den Vorsitz führte der erst 37 Jahre alte Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA). Das Protokoll schrieb – nach der Sitzung – Adolf Eichmann, der im RSHA für die Deportation der europäischen Juden zuständig war. "Natürliche Verminderung", "ausfallen", "entsprechend behandelt werden": Kein arbeitsfähiger Mensch sollte überleben, von den Arbeitsunfähigen ist gar nicht erst die Rede. Am 20. Januar 1942 sei die "Endlösung der Judenfrage" beschlossen worden – so kann man es bisweilen noch immer lesen.

Unter Historikern ist indes schon vor vielen Jahren eine Debatte darüber entbrannt, welche Bedeutung das berüchtigte Treffen am Wannsee tatsächlich hatte. Bis heute ist der Streit nicht entschieden. Einigkeit herrscht nur darüber, dass der Beschluss zur Auslöschung der europäischen Juden nicht am 20. Januar 1942 gefallen ist. Der Holocaust ist damals seit Monaten im Gange; mehr als eine halbe Million jüdischer Zivilisten sind allein während des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion seit Sommer 1941 ermordet worden. Auch in Polen gehören Verschleppung und Mord längst zum Alltag. Wer also hat die maßgeblichen Entscheidungen gefällt und wann?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 12.1.2017.

Die unmittelbare Vorgeschichte der Konferenz beginnt am 31. Juli 1941. An diesem Tag trifft Reichsmarschall Hermann Göring den RSHA-Chef Reinhard Heydrich. Während eines Stopps auf dem Weg von seinem Anwesen in Carinhall in der Schorfheide nach Berlin legt Heydrich ihm ein Schreiben vor. Bereits Ende Januar 1939 hat Göring die "Reichszentrale für die jüdische Auswanderung" gebildet und Heydrich die Leitung übergeben. Nun holt dieser sich den Auftrag, "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa" – wohl für die Zeit nach dem siegreichen Ende des Krieges. Welcher Gestalt diese "Gesamtlösung" sein soll, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen. Klar ist nur, es wird Deportationen in Richtung Osten geben.

Heydrichs Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) wüten unterdessen schon seit Wochen auf sowjetischem Gebiet – teils hinter der vorrückenden Wehrmacht, teils mit ihr zusammen. Auch die SS-Brigaden unter dem Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler und deutsche Polizeibataillone, die zur zusätzlichen Sicherung der Territorien im Osten eingesetzt werden, beteiligen sich an den Verbrechen – vereinzelt schon im Juni und Juli 1941. Von August an ermorden diese Einheiten dann systematisch jüdische Männer, Frauen und Kinder in Massenerschießungen. Was Heydrich planen soll, eine "Gesamtlösung der Judenfrage" für die Zeit nach dem Krieg, nimmt im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion bereits Gestalt an.