Das Schlimmste, was an diesem Wochenende passieren kann, ist ein Stromausfall. Weil es dann kein Spielfeld gäbe. Nicht mal Spieler. Weil es dann gar kein Spiel gäbe.

Der Strom ist der wichtigste Muskel, ist Herz, Lunge, Blut, alles gleichzeitig, er hält den Organismus am Laufen, er macht aus Prozessoren, Grafikkarten und SSD-Festplatten einen Körper. Er treibt Computermäuse an und Tastaturen, Monitore und Kopfhörer.

Bei Nikola Kovač funktioniert der Kopfhörer gerade nicht. Achtelfinale, " Ready for match start?", fragt eine Stimme, Kovač will spielen, kann aber seine Mitspieler nicht hören. Im Fußball würde jetzt ein Sanitäter aufs Feld laufen, in der Oracle Arena kommt ein Techniker herbeigeeilt. Dann endlich kann es losgehen, " Thank you for your patience! "

Oracle Arena, Oakland, Kalifornien. Bis zu 20.000 Zuschauer passen hier hinein, und wenn die Golden State Warriors in ihrem Heimatstadion Basketball spielen, ist die Halle ausverkauft. An diesem Wochenende ist die Halle auch sehr gut besucht, die Leute sind gekommen, um Menschen wie Nikola Kovač beim Computerspielen zuzusehen. Ja, das stimmt schon so: beim Computerspielen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Nikola Kovač spielt für Mousesports, eines der beiden deutschen Teams in diesem Turnier. Das andere heißt SK Gaming. Mousesports und SK Gaming sind Sportmannschaften wie die Golden State Warriors, das Spiel heißt aber nicht Basketball, sondern Counter Strike: Global Offensive, kurz CS:GO. CS:GO ist ein Taktik-Shooter, es geht darum, dass eine Mannschaft in einer virtuellen Welt eine Bombe versteckt, die die andere Mannschaft entschärfen muss. Oder dass Geiseln befreit werden müssen. Die Spieler sitzen nebeneinander auf einer Bühne, fünf gegen fünf, sie sitzen auf Stühlen, die unten Rollen haben und oben aussehen wie Rennfahrersitze. Jeder Spieler hat einen Bildschirm vor sich, jeder trägt dicke Kopfhörer, die den Jubel, die Schreie, das Klatschen der Fans verstummen lassen. Mit einer Hand führen die Spieler die Computermaus, mit der anderen steuern sie die Tastatur. Mousesports und SK Gaming sind E-Sport-Mannschaften, E-Sport steht für elektronischer Sport, und er ist ein weltweites Massenphänomen. Zahlen des Spielemarktforschungsinstituts Newzoo zufolge wächst die Zahl der Zuschauer schnell. 2016 gab es demnach 131 Millionen E-Sport-Fans, die sehr viel schauten, und fast genauso viele, die gelegentlich einschalteten. Übernächstes Jahr, so die Prognosen, werden es 180 Millionen Vielgucker und 165 Millionen Gelegenheitszuschauer sein.

E-Sport gibt es, seit es Computerspiele gibt. Anfang der siebziger Jahre fand an der University of California zum ersten Mal ein E-Sport-Turnier statt, der Gewinner bekam ein Jahresabo vom Rolling Stone-Magazin geschenkt. 2005 wurden bei Wettkämpfen weltweit gerade mal 3,4 Millionen Euro Preisgeld ausgeschüttet, zehn Jahre später waren es schon 57,9 Millionen Euro. Der Handel mit Medienrechten, Ticketverkäufe, Merchandising und Onlinewerbung brachten 2015 etwa 308 Millionen Euro ein, 2019 wird es Newzoo zufolge mehr als dreimal so viel sein.

So wie es nicht den einen Sport gibt, gibt es auch nicht den einen elektronischen Sport. Sport ist in Arten wie Basketball, Tennis oder Fußball unterteilt, genauso ist es beim E-Sport: Man kann CS:GO zocken, aber auch Dota 2, Starcraft, League of Legends (LoL), Fifa. Von Sport kann man sprechen, weil das Computerspielen kompetitiv ist. Ein Profispieler klickt pro Minute bis zu 350-mal auf Maus oder Tastatur, "Schachspieler bewegen sich weniger", sagt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Der Umsatz wächst

Geld wird vor allem mit Medienrechten, Merchandising, Tickets und Werbung verdient

Quelle: Newzoo 2016 Global Esports Market Report © ZEIT-Grafik

Vor fünf Jahren hat Froböse damit begonnen, E-Sport auf seine Sportlichkeit hin zu studieren. Froböse ist nicht besonders computeraffin, er hat mal Tetris gespielt und Pac-Man, aber als er zum ersten Mal ein E-Sport-Spiel sah, merkte er, welches Potenzial darin steckt. "Das war emotional, wie bei einem Champions-League-Spiel." Misst man bei E-Sportlern während eines Wettkampfs Herzfrequenz und Blutdruck und nimmt Speichelproben, stellt man fest, dass die Werte denen von Rennfahrern während eines Rennens entsprechen. Noch gibt es kaum Untersuchungen zu E-Sport, weswegen Froböse Anfragen aus aller Welt bekommt, wie er sagt. Längst investieren sogar klassische Fußballvereine wie Schalke 04, der VfL Wolfsburg, FC Valencia und Manchester City in eigene E-Sport-Teams.

In der Oracle Arena hört man über die Lautsprecher Schüsse, Rauchgranaten, die explodieren, Messer, die gezückt werden, Scheiben, die zerbersten. Auf den Bildschirmen sieht man den Lauf einer Glock 18 oder den einer AK 47, Blut, das an Wände spritzt, Menschen, die sterben. Man kann das schlimm finden und grausam, dann ist man wahrscheinlich älter als 45. Diejenigen, die jünger sind, wissen, dass CS:GO eines der meistgespielten Spiele der Welt ist.