Dieser Tage kann man jedes harmlose Gespräch mit einem Wort in Düsternis stoßen. Es reicht aber auch, die Begriffe nuclear arms und checks and balances zu erwähnen. Gern versichert man sich ja jetzt des Umstandes, dass das Präsidentenamt in seiner Macht beschränkt sei: Die checks and balances, heißt es, hinderten den mächtigsten Mann der Welt daran, zu tun, was er wolle, so regle es die amerikanische Verfassung. Und das stimmt auch, wenn es um Gesetzesvorlagen geht, es stimmt aber leider nicht hinsichtlich der Anordnung eines Atomschlags. Sollte also der unreife und rachsüchtige Mann, der jetzt ins Weiße Haus einzieht, einen Angriff mit Nuklearwaffen anordnen, so liegt der Menschheit einzige Hoffnung darin, dass die ausführenden Soldaten den Befehl verweigern.

An diesem Punkt wird normalerweise das Thema gewechselt. Man redet ja nicht gern darüber, wie nahe wir der Katastrophe womöglich sind. Tatsächlich hört man in Amerika jetzt oft die Sätze "Nachrichten lese ich nicht mehr" oder – etwa hinsichtlich Trumps bisher einziger Pressekonferenz nach der Wahl – "Das konnte ich mir nicht ansehen". Die Sorge ist zu groß, zu schwer wiegt das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem seit der Wahlnacht Gestalt annehmenden Schrecken.

In dieser Nacht des 8. November saßen wir in New York vor dem Fernseher wie der Rest des Landes; wir hatten vor, Hillary Clintons Siegesfeier zu besuchen, aber wir wollten lieber doch erst hingehen, wenn es die ersten guten Nachrichten geben würde. Um acht Uhr gab es noch keine. Eine befreundete Psychologin kam kurz zu Besuch und sagte leise: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas wirklich geben könnte. Eine Wahl zwischen Gut und Böse." Auch um zehn gab es noch keine guten Neuigkeiten, ständig brachte CNN mit grell optimistischer Musik unterlegte key race alerts – die Dramaturgie der Berichterstattung war ganz und gar darauf ausgerichtet, Hillary beim Gewinnen zuzusehen, aber praktisch alle alerts waren Erfolgsmeldungen für Donald Trump. Kurz vor Mitternacht konnte man mitansehen, wie der große Comedian Stephen Colbert, angetreten, um auf dem Sender Showtime launig Donald Trumps Niederlage zu kommentieren, mit bleichem Gesicht sagte: "I can’t put a happy face on that – and that’s my job." Zufällig hatte Amazon in dieser Nacht Werbezeit gekauft, um die zweite Staffel der Serie The Man in the High Castle zu bewerben, was dazu führte, dass man zwischen den Interviews, die ein immer entsetzterer Colbert mit immer mehr schreckensstarren Gästen führte, aufwendig produzierte Kurzfilme von einer die Hand zum Hitlergruß hebenden Freiheitsstatue sah. In den frühen Morgenstunden gestand Hillary Clinton ihre Niederlage ein, und wir gingen betäubt vor Schreck schlafen. Vor unseren Augen war der Weg frei geworden für den Untergang der amerikanischen Demokratie.

Am nächsten Morgen, an dem passenderweise auch noch besonders nebliges, tristes Wetter herrschte, sah man Menschen auf der Straße im Gehen weinen – ein Schauspiel, wie ich es noch nie erlebt habe. Aber in Manhattan hatte Hillary ja auch 87 Prozent errungen, und viele hier klammerten sich nun am Auftritt Angela Merkels fest, die den neuen Präsidenten in einer knappen Presseerklärung daran erinnerte, dass eine Zusammenarbeit nur auf der Basis von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde möglich sei. "She is the last one standing!" hörte man von da an ebenso oft wie die Frage: "Was glauben Sie, wird sie die Wahl gewinnen?"

Sollte die Demokratie dann doch nicht an Donald Trump zugrunde gehen, so wird es bestimmt nicht daran liegen, dass er sich als vernünftiger Mensch erweist. Nur jemand, der sich nicht mit diesem Mann beschäftigt hat oder der so fest zur Selbstberuhigung entschlossen ist, dass er keine Fakten zur Kenntnis nehmen will, könnte das für möglich halten. Natürlich hat Amerika schon inkompetente Präsidenten gehabt, auch korrupte Präsidenten, sogar pathologische Lügner. Aber etwas wie Trump gab es noch nie. Die humanistische Grundannahme, auf der unter anderem das Romanschreiben beruht, setzt voraus, dass Menschen an Menschlichkeit gewinnen, wenn man sich mit ihnen befasst: Je mehr man über eine Person weiß, desto besser versteht man sie, und alles zu verstehen würde schließlich bedeuten, alles verzeihen zu können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Donald Trump aber hat die bemerkenswerte Eigenschaft, dass er unmenschlicher wird, je mehr man über ihn weiß. Sieht man ihn von Weitem, scheint es da noch ein komplexes Wesen zu geben, das Pläne schmiedet, sich verstellt, Taktiken anwendet und ein verborgenes Seelenleben beherbergt. Nähert man sich ihm aber, indem man etwa Reportagen und Bücher über ihn liest (wie zum Beispiel die Erinnerungen seines Ghostwriters Tony Schwartz, der ihn monatelang auf Schritt und Tritt begleitet hat und es sich jetzt zur Lebensmission gemacht hat, vor ihm zu warnen, oder wie David Cay Johnstons umfangreiche investigative Recherche Die Akte Trump) und indem man Leute befragt, die ihm begegnet sind, so löst sich all das auf wie eine optische Täuschung, und es ist einem, als habe man es mit einer Person zu tun, die ebendas nicht ist: eine Person. Keine einzige Anekdote findet sich über einen Donald Trump, der sich weise oder freundlich verhalten hätte, man stößt auf keine Geschichte über eine Begebenheit, in der er Geist oder Mitleid oder Anzeichen einer Innerlichkeit jenseits der brutalen Regungen von Wut, Eigenlob oder Prahlerei gezeigt hätte. Würde man ein weltweites Casting für die flachste Bösewicht-Figur durchführen, so hätte Donald Trump schon vor seinem Wahlkampf die besten Chancen gehabt zu gewinnen.

Dass das Böse keine Tiefe braucht, fiel vor Hannah Arendt schon Voltaire auf, als er am Höhepunkt der europäischen Aufklärung zu der Erkenntnis fand, dass ein Mensch keine ernst zu nehmende Erscheinung sein müsse, um grausige Untaten begehen zu können: harlequins anthropophages nannte er die frömmlerischen Henker der Inquisition, "menschenfressende Harlekine" – moderner ausgedrückt: Horrorclowns.

Trump-Wähler wollten die Welt nicht ins Unglück stoßen

Am Vormittag des 8. November war der menschenfressende Harlekin noch beim Besuch seines Wahllokals ausgebuht und ausgelacht worden. Man kann es sich auf YouTube ansehen – höhnisches Gelächter von allen Seiten und ein Mann, der mit scharfer Stimme ruft: "Gonna lose!" So sicher war man sich in New York, so sicher war auch mein Nachbar, ein Professor für Wirtschaftswissenschaft, der mich am selben Nachmittag im Lift gefragt hatte, wie es mir so gehe. Als ich sagte, dass ich doch sehr beunruhigt sei, wusste er nicht, was ich meinte. Na, wegen der Wahl, sagte ich. Da lachte er auf. Das sei ja absurd, da müsse man nun wirklich nicht nervös sein. Trump sei Vergangenheit!

Eine Woche später spielte mein siebenjähriger Sohn in einem Lokal in Montauk Tischfußball mit zwei sympathischen jungen Männern in Holzfällerhemden. Sie waren ungemein herzlich zu ihm, offen und freundlich, und danach kamen sie zu unserem Tisch herüber, um sich vorzustellen. Wir schüttelten einander die Hände, und als wir auf die Straße traten, sagte mein Sohn: "Die haben für Trump gestimmt."

"Das haben sie erzählt?"

"Und ich habe gesagt: Aber der ist gemein zu Frauen, darauf haben sie gesagt: Hillarys Mann war viel schlimmer."

Und sie waren wirklich sympathisch, die beiden, es waren keine bösartigen Menschen, sie wollten die Welt nicht ins Unglück stoßen und waren nur, wie Abermillionen andere, dem Wahn verfallen, Hillary Clinton für die korruptere Alternative zu halten. Man muss vielleicht bis zu den großen Wellen kollektiver Selbsttäuschung zurückblicken – der deutschen Begeisterung für die Nazis, der allgemeinen Zustimmung für den Krieg von 1914 oder den in der frühen Neuzeit immer wieder hochschwappenden Wellen der Hexenangst –, um ein vergleichbares Beispiel für millionenfache Selbstverblendung zu finden: Fast die Hälfte der Amerikaner ist heute überzeugt, dass Hillary Clinton, die vor Kurzem noch bessere Zustimmungsraten hatte als Barack Obama, mindestens so korrupt und gefährlich sei wie der mehrfach überführte Betrüger, Lügner und Hasardeur Donald Trump. Letztlich steht man hilflos vor diesem Phänomen, das allenfalls Tiefenpsychologen erklären könnten. Wenn etwa eine gutbürgerliche Frau, Mutter eines Mitschülers meines Sohnes, vier Tage nach der Wahl ausruft: "Yes, he is terrible, but better him than the bitch!", oder wenn ein Latino, Wachmann in der New York Public Library, wo ich zurzeit jeden Tag arbeite, mir im Brustton der Überzeugung sagt: "These two are just the same!"

Das Gleiche sagte auch ein Taxifahrer aus Nigeria, der uns eine Woche nach der Wahl mit ausladenden Gesten erklärte, dass er nicht zur Wahl gegangen sei, weil ein Verbrecher so gut sei wie der andere.

"Aber Trump ist ein Rassist!"

"Ja, ist er!"

"Aber Hillary nicht!"

Und da kam er wieder, der Satz: "No, they are just the same!" Wie ein Mantra wiederholte er es, jener Einwanderer, der vor der Wahl stand zwischen einer liberalen Politikerin und einem Mann, der keine Einwanderer ins Land lassen will, "just the same, just the same!", und kurz darauf erzählte er mit fast lüsterner Begeisterung, wie unglaublich reich dieser Trump sei. Von Trumps mehrfachem Bankrott wollte er nie etwas gehört haben; aber natürlich, rief er dann, sofort auf die Gegenlinie einschwenkend, das sei schon möglich, es seien schließlich alle Verbrecher, alle gleich schlimm, aber dieser eine Mann, der sei besonders schlimm, jedoch sei er aber auch so unglaublich reich! Dabei klopfte er vor Aufregung aufs Lenkrad, und als ich ihn fragte, ob er vielleicht doch Trump gewählt habe, wollte er nicht mehr antworten. Und ich denke an den achtjährigen Mitschüler meines Sohnes, der mir auf dem Union-Square-Weihnachtsmarkt unvermittelt sagte: "Meine Großeltern haben für Trump gestimmt! Ich kann nichts dafür. Sie sind über achtzig." Und als ich das einer Lehrerin an der Schule der beiden erzählte, antwortete sie bitter lachend: "Na, weiß Gott. Ich habe seit der Wahl nicht mit meinen Verwandten in Kansas gesprochen, aus Angst, was ich da zu hören kriege."

Amerika ist gespalten. Aber nicht, wie es so oft heißt, in Rechts und Links; die Spaltung Amerikas verläuft zwischen den Orientierten und den Verwirrten. Sie verläuft zwischen allen, die noch einen politischen Prozess wollen, und den verhetzten Anhängern der radikalisierten Republikanischen Partei.

Die USA sind gegründet auf zwei miteinander nicht zu vereinbarenden Utopien, einer paternalistischen und einer romantisch-anarchistischen. Jene entstammt dem aufgeklärten Absolutismus des 18. Jahrhunderts und lässt einen wohlmeinenden Monarchen auf Zeit über ein Staatsgefüge gleichgestellter Bürger präsidieren. Diese aber malt sich eine Wildnis voll starker Männer aus, allesamt bewaffnet und imstande, ihre Differenzen miteinander auszutragen, ohne feige nach der Obrigkeit zu rufen – sie ist der antimoderne Auswanderertraum eines herrschaftslosen Raumes unter dem Auge Gottes, in dem die Schwachen verdientermaßen untergehen, weil die Guten auch die Starken sind und kein Staat sich ins Leben der Menschen mischt. Das Problem ist, dass diese antimoderne Seite der Gründungsutopie seit dem Jahr 2010, als der Oberste Gerichtshof im "Citizens-United-Urteil" entschied, dass Geldspenden eine Form freier Meinungsäußerung seien, von ein paar jeder staatlichen Regulierung abholden Milliardären an sich gerissen wurde und dass seither ungeheure Geldmengen in die Wahlkämpfe aller Republikaner fließen, die Kompromisse und traditionelle Politik ablehnen.

Die Republikaner sind heute eine nationalanarchistische Partei mit religiöser Schlagseite

Und doch glauben fast alle liberalen Amerikaner noch an die Existenz vernünftiger Republikaner – wahrscheinlich deshalb, weil das Gegenteil zu beunruhigend wäre: Sie sind nun einmal von klein auf daran gewöhnt, die Partei Lincolns und Reagans als fundamental anständige Gruppierung zu sehen. Die Wahrheit ist, dass die Republikaner heute eine nationalanarchistische Partei mit wirr religiöser Schlagseite sind, dem Prozess der Staatlichkeit selbst feindlich gesinnt. Die sogenannte Grand Old Party lehnt inzwischen nicht nur die Politik ihrer Widersacher ab, sondern Politik überhaupt, das Geschäft der Staatswohlfahrt und des ausgehandelten Kompromisses. Deshalb war es nur konsistent, als sie gegen Obama eine Politik der generellen Blockade aller politischen Entscheidungen einschlug, und konsistent sind in diesem Sinn auch ihre Positionen: Man senkt Steuern, weil man in Wahrheit keine Steuern will, weil man ja Staatlichkeit selbst nicht möchte, man wünscht sich bewaffnete Bürger, weil man eigentlich glaubt, dass der Bürger sich selbst schützen sollte, sodass es im Idealfall keiner Polizei bedürfte, und da nun mal der Klimaschutz das offensichtlichste Beispiel dafür ist, dass in manchen Belangen staatliche Eingriffe unverzichtbar sind, besteht man gegen alles bessere Wissen darauf, dass das Klima nicht geschützt werden müsse.

"Es darf nicht passieren, deshalb wird es nicht passieren"

In einem Mehrparteiensystem wäre solch ein Ruck ins Extrem nicht unbedingt eine Katastrophe; andere Regierungen wären möglich, andere Koalitionen könnten gebildet werden. Wenn aber in einem Zweiparteiensystem eine der beiden staatstragenden Fraktionen das Spektrum der Politik ganz verlässt, gibt es keine Alternative, auf die das Gemeinwesen zurückfallen könnte. Der politische Prozess endet, und die Erstarrung führt früher oder später zu einem failed state. Manchmal treibt dieses Schauspiel fast komisch absurde Blüten: Im Jahr 2012 verhinderten die Republikaner eine Initiative, das Styroporgeschirr in der Kantine des Repräsentantenhauses durch Geschirr aus Pappe zu ersetzen. Von Styropor zu essen ist krebserregend, aber die doch immerhin selbst täglich betroffenen Politiker entschieden, dass sie lieber Styropor benützen und Pappe verhindern würden. Ein Argument dafür gab es nicht. Dass Pappe vernünftig gewesen wäre, war Grund genug.

Wer heute noch Republikaner ist, hat den Widerstand gegen die Unvernunft vor geraumer Zeit aufgegeben und wird auch Präsident Trump nicht in den Weg treten. Es ist oft gesagt worden, dass die Demokraten heute die Partei des Establishments sind; das ist sicher nicht falsch, doch die Republikaner blockieren längst nicht mehr diese oder jene dem Establishment genehme Lösung, sondern das Grundprinzip der politischen Lösung selbst. Natürlich ist die Partei bislang nicht mit der NSDAP zu vergleichen, aber jene Gleichung, die man flüsternd in den dreißiger Jahren über NSDAP-Mitglieder aufstellte, gilt inzwischen auch für sie: Wer intelligent ist und Republikaner, der ist nicht anständig; wer anständig ist und Republikaner, der ist nicht intelligent; wer aber intelligent ist und anständig, kann nicht Republikaner sein.

Was ist nun das Best-Case-Szenario? Das wären wohl vier Jahre Korruption, ein amerikanischer Fujimori, eine Perón-Regierung mit Trumps schöner Tochter in der Rolle der Evita, eine überschaubare Periode der Inkompetenz, Selbstbereicherung und Lächerlichkeit, in der immerhin das Geschäft der politischen Kabarettisten floriert und nach deren Ende das Präsidentenamt beschmutzt daliegt, um von einem Besseren aufgehoben zu werden.

Und das Worst-Case-Szenario? Das Ende der Rechtsstaatlichkeit. Jene Verfassung, an die Amerikaner aller politischen Richtungen mit fast religiöser Inbrunst glauben, ist letztlich nur eine Absichtserklärung und der Umstand, dass alle vier Jahre Wahlen stattfinden, kein Naturgesetz, sondern ein von Menschen eingeführter Brauch. Und da ist noch das andere Szenario, schlimmer als Worst Case, aber plötzlich ebenfalls nicht undenkbar – die Nuklearwaffen. Ein Mann mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, dessen größte Sehnsucht es ist, stärker zu sein als jeder andere, hält mit einem Mal das stärkste Waffenarsenal in der Hand. Die Frage ist nicht: Ist denkbar, dass er es in irgendeinem Konflikt einsetzt? Die Frage ist vielmehr: Kann er überhaupt aushalten, es nicht einzusetzen?

Am Vorabend der Katastrophe, als der letzte Tag, an dem es noch schien, als könne alles gut werden, zu Ende ging, fand die alljährliche Fundraising-Gala der New York Public Library statt: Schauspieler, Künstler, Intellektuelle, Schriftsteller auf der einen Seite, auf der anderen die reichen Unterstützer jener alten Institution. Vor dem Abendessen sang Jessye Norman, nach dem Hauptgang wurde Harry Belafonte die Ehrenmedaille der Bibliothek verliehen. Der gewaltige Lesesaal mit seinen kirchenartigen Fenstern sah aus wie ein Tempel weltlicher Gelehrsamkeit.

Wer sich der strengen Etikette widersetzte und sein Mobiltelefon hervorholte, konnte die Nachrichten von Hillarys Abschlusskundgebung in Philadelphia verfolgen: Die Obamas wurden ebenso bejubelt wie Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi. Die Stimmung war fast entspannt und voller Vorfreude auf die erste Präsidentin, niemand rechnete wirklich mit einer Niederlage. Meine Frau, die hingefahren war, berichtete, dass besonders viele Mädchen und Frauen im Zeichen des historischen Moments gekommen waren. "Ich bin mit meiner Tochter hier", sagte ein Mann, der mit einem wohl zehnjährigen Mädchen neben ihr stand, "ich wollte, dass sie das miterlebt!"

In der Public Library hingegen spürte man, wo man auch hinhörte, die Nervosität. Ein bekannter Historiker sagte seufzend: "Wenn Trump gewinnt, sind wir ab morgen das Monster, für das die Linke uns immer schon gehalten hat." Eine mächtige republikanische Politikerin der Reagan-Jahre erzählte, dass sie einen leeren Wahlzettel abgeben werde – sie könne nicht für die Bestie stimmen, aber für eine Demokratin natürlich auch nicht. Elektrische Kerzen, mild flackernd und von echten nicht zu unterscheiden, illuminierten Smokings und teure Abendkleider – so viel Macht, so viel Selbstgewissheit; so unzerstörbar wirkte diese Koalition von Macht und Geist, dass man sich schon die Geschichte des letzten Jahrhunderts vergegenwärtigen musste, um daran glauben zu können, dass all dies sehr schnell zerschlagen werden könnte. Und mittendrin Salman Rushdie, der nachweislich schon viel Unvernunft am Werk gesehen hat und den keiner der Neigung zu Illusionen bezichtigen kann, souverän und blitzend vor Intelligenz, der trotzig einen Satz sagte, den ich mir seither oft wiederholt habe: "Es darf nicht passieren, deshalb wird es nicht passieren."