Nur kurz, gleich nach der Wahl, ging das Fenster der Vernunft bei Donald Trump auf – als er sich vor der verhassten Hillary Clinton verbeugte, Amerikas "robuste" Allianzen feierte und die Mexiko-Mauer auf "Teilstücke" schrumpfen lassen wollte. Irrtum. Trump meint, was er twittert, die Provokation ist Programm, nachzulesen im Interview mit Bild und Times. Die 3500 Wörter lassen sich auf fünf reduzieren: "Weg mit der liberalen Weltordnung!" – liberal wie in "frei" und "offen", Ordnung wie in "regelhaft" und "berechenbar". Trump legt seine Axt an jeden Pfeiler der Architektur, die sein Land vor siebzig Jahren entworfen, dann bewahrt hatte: Freihandel, Bündnisse, internationale Institutionen.

Die Nato? Sie ist und bleibt "obsolet". Freihandel? Wenn BMW oder Ford in Mexiko Autos für die USA bauen, zahlen sie 35 Prozent Strafsteuer. Selbst vor der Weltwirtschaftskrise blieb der US-Zoll bei 20 Prozent. Europa? Dessen Einigung war Amerika seit 1946 oberstes Gebot. Doch Trump ist es egal, ob die EU überlebt. Der Brexit sei bloß der Beginn des Zerfalls. Der Schutzschirm für Europa? Während Moskau Ukraine und Baltikum bedrängt, füßelt Trump mit Putin. Dem verheißt er das Ende der Sanktionen als Morgengabe für die strategische Ehe gegen den IS. Als Mitgift erhofft er sich Russlands Rückendeckung gegenüber China, ein frommer Wunsch.

Deutschland: Nach 1945 mauserte sich die Bundesrepublik vom Schützling zum "Festlanddegen" Amerikas, zum Getreuen auch in den schlimmsten Zeiten der Nachrüstung und des Irakkrieges; Gerhard Schröder polterte, aber gewährte Überflug- und Stützpunktrechte. Diese Freundschaft hat Angela Merkel nicht vor Trumps Messerstichen bewahrt.

Erst streicheln, dann zustoßen. Trump bezeugt "großen Respekt" für einen der "wichtigsten Regierungschefs", aber nur, um Merkel "katastrophale Fehler" in der Flüchtlingspolitik anzukreiden. Ob er sie wählen würde? Mal sehen. Noch ein Stich: Die EU sei doch bloß ein "Mittel zum Zweck" der deutschen Vorherrschaft. Thank you, Mr. Trump. Trump ist kein Elefant im Porzellanladen, denn trampelige Dickhäuter wissen nicht, was sie anrichten. Trump will gezielt die Regale demolieren. Die zwanghafte Twitterei ist kein Bluff. Er will Amerika und die Welt umkrempeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Woher der Größenwahn? Dieser hochintelligente Mensch ist schamlos, aber nicht verrückt. Von der Präsidentschaft hat er schon vor dreißig Jahren fantasiert, aber nun stimmt das Timing, hat er doch den Zeitgeist richtig gelesen. Sonst hätte ihn nicht das halbe Amerika, nicht bloß das "Trumpenproletariat" gewählt. Gleichzeitig sind Europas Populisten erstarkt.

Die "schrecklichen Vereinfacher" lesen vom gleichen Blatt. Der Feind sind die Flüchtlinge, all die "Illegalen" (Trump), die an "unserer Identität" nagen. Der Feind ist der Freihandel, der unsere Fabriken plattmacht, den Menschen die Würde der Arbeit raubt. Folglich müssen die Mauern hoch, die Menschen und Waren abwehren, Kapital und Arbeitsplätze zu Hause einschließen. Unternehmen, die abwandern, müssen bluten. Es droht ein Remake der zwanziger Jahre. Die erste Globalisierung endete 1914, die zweite begann um 1970. Weg mit ihr! Und Trumps europäische Brüder applaudieren.

Aber wie will er das schaffen? Die Globalisierung 2.0 hat die weltweite Verflechtung hundertfach verstärkt, den märchenhaften Reichtum geschaffen, der den großzügigen Sozialstaat alimentiert und die Verlierer abfedert. Protektionismus nützt favorisierten Industrien, lässt aber das Land verarmen – die Schwachen zuerst. Der Handel zwischen den "obsoleten" Bündnispartnern Nordamerika und Europa ist 1,3 Billionen Dollar wert. Nicht der Freihandel, sondern die digitale Produktion vernichtet die allermeisten Jobs. Dieser Feind lässt sich nicht deportieren.

Trump wird es merken, doch kann er in vier Jahren fürchterlichen Schaden anrichten. Die verachtete EU ist freilich nicht hilflos. Dieser Wirtschaftsgigant muss ihm die Konsequenzen vorhalten: Wie du mir, so ich dir. Das erfordert kaltes Blut und starke Nerven. Wer hätte gedacht, dass Europa den Part der USA übernehmen muss, um die liberale Weltordnung zu retten?

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