Das Leben geht weiter, selbst dasjenige einer Sechzehnjährigen, die sehenden Auges den falschen Mann heiratet. Und weil das Leben weitergeht, müssen wir auch weiterlesen, nun also den zweiten Band von Elena Ferrantes großer Geschichte zweier neapolitanischer Freundinnen, von der wir wissen wollen, wie sie weitergeht, denn ein faszinierenderes Freundinnenpaar ist uns in der Literatur der letzten Jahrzehnte nicht begegnet. Warum aber sind dieses Paar und seine Geschichte so fesselnd? Weil sie so alltäglich sind.

Damit wir aber nie vergessen, dass das Leben manchen Ärger mit sich bringt, springt uns gleich vom Titelblatt der ganz große Ekel an, denn dort wird der zweite Band von Ferrantes vierbändiger Lebenserzählung – dem ersten war dies Schicksal noch erspart geblieben – als "neapolitanische Saga" angepriesen. Wieso denn Saga? Nur weil die Geschichte lang ist, rund sechzig Jahre umspannt und das Schicksal von Personen aus mehreren Familien einbezieht? Je, den Düwel ook, dann wollen wir künftig auch die Buddenbrooks eine lübische Saga nennen und den Josephs-Roman eine ägyptische. Da sich heute aber jede Fantasyserie und jeder Weltraumquark gern Saga nennen möchte, täuscht diese Bezeichnung über den Charakter dieses wunderbaren Romans, der sich in seinen ersten beiden Bänden topografisch fast ganz auf Neapel und Ischia beschränkt, auf schnöde Weise hinweg. Denn was er erzählt, ist ein Seelengeschehen: die Geschichte einer einzigartigen Freundschaft, die ihr Leben daraus gewinnt, dass sie ganz im Alltäglichen verankert wird. Die Abenteuer, von denen er erzählt, sind Abenteuer des Alltags.

Vielleicht erklärt auch dies erst den Erfolg von Elena Ferrantes Roman: dass er es dem Leser ermöglicht, die Konflikte des Lebens als Alltagskonflikte zu begreifen, wie sie jedem widerfahren können. Denn machen wir uns nichts vor: Der rione, in dem Lina und Lenù aufwachsen und erwachsen werden, ist auch nur eine neapolitanische Lindenstraße, wo der Leser anhand einiger auf überschaubarem Raum angesiedelter Familien lernen kann, was es mit dem Leben auf sich hat. Wie konventionell und doch: wie notwendig! Denn während um uns her die imaginären Welten in den Medien, in der Literatur und nun selbst in der Politik wuchern, wird der menschliche Alltag zum unbekanntesten Raum. Deshalb der Hunger der Leser auf die heroisierende Episierung des Alltäglichen bei Karl Ove Knausgård (die männliche Variante) und auf Elena Ferrantes weibliche Parallelbiografie in überschaubarsten Verhältnissen. Diese Bücher sind lang, weil sich das Leben nun einmal hinzieht und auch Durststrecken aufweist, und sie sind dennoch kurzweilig, denn etwas Besseres und Interessanteres als unser Leben haben wir nicht.

Literaturgeschichtlich zeichnen sich hier Parallelen zur Entwicklung des Erzählens im 19. Jahrhundert ab: Während die damaligen Romanfabriken unter dem Regime der "Unverantwortlichkeit der Einbildungskraft" (Gottfried Keller) das Lesepublikum immer stärker ins Fantastische, Sensationelle, Außerordentliche entführten, vollzog sich parallel dazu der Aufstieg des realistischen Romans mit seiner Entdeckung der Problematik der alltäglichen Wirklichkeit (analysiert auf bis heute unübertroffene Weise von Erich Auerbach in seinem 1946 erschienenen Buch Mimesis); insofern sind der Graf von Monte Christo und Madame Bovary Komplementärfiguren. Mit ihrem Bekenntnis zum existenziellen Ernst des Alltags stellt sich Elena Ferrante in die Tradition der großen realistischen Romane des 19. Jahrhunderts, und wenn uns eben Emma Bovary in den Sinn kam, dann geschah dies keineswegs zufällig. Denn der zweite Band von Ferrantes Romanprojekt erzählt wie Flauberts Roman die Geschichte einer sehr jungen Frau, die, um der ökonomischen und moralischen Misere ihrer Herkunft zu entrinnen, den falschen Mann heiratet. Es bedeutet freilich eine Steigerung ihrer Tragik, dass ihr dies von der ersten Seite an auf katastrophale Weise klar ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Dies heißt keineswegs, dass Elena Ferrante die Traditionen des realistischen Erzählens aus dem 19. ins 21. Jahrhundert ungebrochen fortsetzen würde; dazu ist diese Erzählerin viel zu klug. Gewiss erzählt Elena Greco, genannt Lenuccia oder Lenù, die Geschichte ihrer Freundschaft mit Raffaella Cerullo, genannt Lina oder Lila, als habe es nie eine Krise des Erzählens gegeben: "Was ich nun erzähle, habe ich zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Leuten erfahren." Ein Satz von derart dröhnender Naivität setzt eine gehörige Portion erzählerischer Ironie voraus. Denn dieser Roman erzählt gemeinsam mit dem Vorgängerband Meine geniale Freundin ja auch die Geschichte einer Autorschaft (wieder eine Parallele zu Knausgård): Am Ende der Geschichte eines neuen Namens veröffentlicht Elena, deren Erzählerin, die mit Elena Ferrante, dem Pseudonym der Verfasserin dieses Romans, den Vornamen teilt, ihren ersten Roman. Im Verlauf der beiden Bände aber werden durch das komplexe Ineinander der Biografien von Lila und Lenù alle traditionellen Autorschaftskonzepte so raffiniert außer Kraft gesetzt, dass völlig offen bleibt, ob nicht in Wahrheit Lila die Autorin von Lenùs Roman und die Urheberin von Lenùs Stil ist, womit Lenùs Urheberschaft an der Erzählung ihrer Freundschaft mit Lila außer Kraft gesetzt wäre.

Anders als Emma Bovary, die sich durch die Lektüre sentimentaler Romane aus der Wirklichkeit herausträumt, verschlingen Lila und Lenù Samuel Beckett und James Joyce, und was sie da lesen, kommt ihnen bekannt vor. Als Lila kurz nach der Geburt ihres Sohnes, dessen Vater nicht ihr Mann ist, gefragt wird, warum sie Ulysses liest, antwortet sie knapp, weil Joyce’ Roman zeige, "wie seicht das heutige Leben ist": "Es geht darum, dass wir den Kopf voller Blödsinn haben. Dass wir aus Fleisch, Blut und Knochen sind. Dass ein Mensch so viel wert ist wie der andere. Dass wir nur essen, trinken und ficken wollen." Und weil sie das Gespräch mit dem Satz "Ich bin wie jeder" beendet, hat sie damit zugleich formuliert, worum es in Elena Ferrantes Roman geht: darum, was es heißt, im heutigen Leben ein Mensch zu sein.