Früher weinte Barack Obama allein an Rednerpulten. Doch je näher sein Abschied rückte, desto ansteckender wurden seine Tränen. In der Übergangszeit nach der Wahlniederlage der Demokraten weinten während ihrer Reden zunächst Hillary Clinton, dann Michelle Obama, jüngst natürlich Barack Obama selbst, und zum Schluss erwischte es sogar den altgedienten Recken und Vizepräsidenten Joe Biden, als er aus den Händen des großen Tränenbeschwörers Obama die Freiheitsmedaille der Vereinigten Staaten entgegennahm. Im gleichen Zusammenhang vergoss auch eine berühmte Zivilistin bittere Tränen, weniger solche der Rührung als solche der Verzweiflung: Meryl Streep zeichnete in ihrer Dankesrede für den Golden Globe Anfang Januar ein düsteres Bild der Vereinigten Staaten am Übergang zu einer Herrschaft der Intoleranz.

Während also das Ancien Régime und seine Anhänger im Angesicht der Niederlage und des Epochenwechsels wehklagten, griff der neue Herr des Landes zu einem noch aggressiveren Verfahren. Auf seiner ersten Pressekonferenz seit der Wahl zum Präsidenten brüllte Donald Trump vergangene Woche weltöffentlich Journalisten zusammen. Das tat er auf Twitter IN VERSALIEN sowieso schon jeden Tag. Gemäßigt hatte er sich seit seinem Sieg offenbar nicht, im Gegenteil, die nahende Würde des Amtes übte keinerlei domestizierenden Effekt auf ihren prospektiven Träger aus.

Die einen heulen, die anderen schreien. Was ist das nur für ein öffentlicher Diskurs? Ein absurder Überbietungswettbewerb der Emotionalität. Die Emotion beherrscht die Bühne. Sie wird vom Wahlvolk oft genug eingefordert, denn sie gilt als authentisch und menschlich. Weg mit den Staatsschauspielern! Das Überwältigtsein ist in dieser Ideologie der Intimität kein Makel mehr, sondern ein Ausweis höchster Glaubwürdigkeit – und beide, der Präsident und der designierte Präsident, haben es auf unterschiedliche Weise höchst erfolgreich angewendet. Jetzt liegen eben bei allen genau die Nerven blank, die man vorher aufwendig hervorpräpariert hat.

Tatsächlich handelt es sich bei diesem Verfahren um Populismus von allen Beteiligten. Die Emotionen der Spitzenpolitiker sollen den Graben der Entfremdung zuschütten, der sich in den westlichen Demokratien zwischen den Herrschern und den Beherrschten aufgetan hat. Seht her, ich bin ein Mensch, einer von euch, ich habe Gefühle und kann sie auch zeigen. Mein Weinen beglaubigt mein Menschsein. Emotionen sollen Vertrauen stiften, es ist eine Art Bonding, ein Bindungsversuch. Aber wollen wir nur noch den Durchgeschüttelten glauben? Ist jeder Gemäßigte gleich ein Technokrat?

Angela Merkel wird ihre Emotionslosigkeit oft vorgeworfen, weinen gesehen hat man sie nie. Auch ihr Vorgänger behielt diesbezüglich die Nerven, von feuchten Augen wird allenfalls im Zusammenhang mit Schröders Dienstende berichtet, als das Stabsmusikorps der Bundeswehr beim Großen Zapfenstreich "My Way" spielte. Diese relative Nüchternheit in politischen Dingen und bei Reden vor Menschenmengen ist historisch begründet, weshalb einem in Deutschland sozialisierten Zuschauer ein Wahlparteitag in Amerika stets wie eine Krönungsmesse denn wie eine demokratische Prozedur vorkommen wird.

Bezeichnenderweise sind die emotionalsten Momente, die deutsche Spitzenpolitiker nach dem Zweiten Weltkrieg zustande gebracht haben, solche des Schweigens. An die Bilder erinnert sich jeder: Willy Brandt fiel stumm in Warschau auf die Knie. Helmut Kohl hielt auf dem Schlachtfeld von Verdun stumm François Mitterrands Hand. Helmut Schmidt kondolierte der Witwe von Hanns Martin Schleyer wortlos und mit gesenktem Blick. Die Emotion, die allen drei Gesten zugrunde lag, war eine äußerst unangenehme, es war Scham. Tränen mussten sie nicht beglaubigen, man nahm den Staatsmännern ihre Betroffenheit auch so ab.

Helmut Schmidt hat sich zum öffentlichen Weinen von Politikern geäußert. "Jemand, der im Amt eines Regierungschefs ist, sollte nach Möglichkeit der öffentlichen Meinung seines Heimatlandes nicht mit Tränen im Knopfloch vorgeführt werden, wenn es vermeidbar ist", sagte er Jahre nach seiner Demission in einer Talkshow. Ein anderer Gast wendete ein, dass der Regierungschef doch vertrauter auf sein Volk wirke, wenn er mal Emotionen zeige. Darauf Schmidt kühl: "Ich glaube Ihnen das. Auf der anderen Seite ist seine Hauptaufgabe nicht, Ihnen vertraut vorzukommen."

Ein deutsches Staatsorgan weint nicht. Jedenfalls selten. Es sei denn, es ist Joachim Gauck, der aber jede Trennung zwischen Politischem und Privatem ohnehin komplett aufgehoben hat, indem er in so ziemlich jeder wichtigen Rede die biografische Karte spielt und seine Erschütterung oder seine Freude durch Tränen validiert. Man nimmt es ihm nicht übel, und Joachim Gauck ist eben auch nicht im operativen Geschäft tätig.

Von dieser Seite des Atlantiks nehmen sich Barack Obamas Tränen zwar aufrichtig aus. Er hat sie auch nach einem Attentat auf eine Grundschule in Connecticut im Jahr 2012 vergossen. Aber ist es wünschenswert, dass Thomas de Maizière und Angela Merkel nach den Vorkommnissen von München oder Berlin vor die Presse treten und ein Gleiches tun? Nein, denn an den sogenannten kühlen Managern mit dem schlechten Ruf ist nichts falsch. Lieber im Moment der größten Prüfung einen kalten Kopf als ein großes Herz beweisen. Beziehungsweise: Erst das eine, dann das andere. Wenn ein Spitzenpolitiker ähnlich verzweifelt ist wie sein Volk, und das auch noch öffentlich zeigt, ist keinem von beiden geholfen, im Gegenteil: Es strahlt Unsicherheit aus, wo Sicherheit und Souveränität guttäten. Will das Staatsorgan doch mal weinen, kann es das gern zu Hause tun. Als Privatmann.

Barack Obama - Der Sofabefehlshaber In den USA wurde schon ein paar Mal darüber diskutiert, was Barack Obama nach seiner Amtszeit machen wird. Ein paar Ideen gibt es bereits.