Es gibt eine Nachrichtenseite im Netz, die im Berliner Regierungsviertel als das gilt, was man andernorts "heißen Scheiß" nennt. Alle lesen sie, Merkels Mitarbeiter, Minister und Ministerialbeamte. Auf dieser Seite stehen Nachrichten, die man sonst nirgends findet, echte Knaller: 700.000 Deutsche wandern aus, weil sie Angela Merkel und ihre Politik nicht mehr ertragen. Tausend Muslime setzen in Dortmund die älteste Kirche des Landes in Brand. Massen junger Männer aus Nordafrika bedrängen und begrabschen auch an Silvester 2016 deutsche Frauen in Köln. Und: Die EU plant, Schneemänner zu verbieten – die Gefühle schwarzer Mitbürger dürften durch die weiße Pracht nicht verletzt werden.

Diese Seite heißt disinformation review. Auf Deutsch: "Desinformations-Schau". Sie sammelt Fake-News und dekonstruiert sie. Im globalen Propagandakrieg ist sie eine kleine Verteidigungsstellung gegen die Armeen der Lüge.

Fake-News, gefälschte Wahrheiten – oder einfach: Lügen –, sind die wohl effektivste Waffe in dieser Auseinandersetzung. Es hat sie zwar immer schon gegeben, aber erst in der Anarchie des Internets entfalten sie ihre volle Wirkung. Erfunden in den Fälschungswerkstätten staatlicher und nichtstaatlicher Informationskrieger, zielen die Fake-News darauf ab, Wahlen zu beeinflussen, Länder und Organisationen zu destabilisieren – und damit letztlich die Demokratie. Im Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) in Brüssel treffen sich täglich Beamte, deren einzige Aufgabe darin besteht, Fake-News zu enttarnen. Es sind elf Europäer gegen die Lügen der Welt.

Im März 2015 beschlossen die Regierungschefs der EU-Länder, im EAD eine Abteilung für die Strategische Kommunikation (StratCom) aufzubauen. Ausdrücklich richtet sich StratCom gegen russische Fake-News-Produzenten. Der Krieg in der Ukraine wirkte wie ein Weckruf. Der EU wurde klar, dass der Kreml mit gezielten Desinformationskampagnen das Ansehen des Westens zu untergraben versucht.

Diese ziemlich dünn besetzte EU-Abwehrabteilung setzt auf Vernetzung. Rund 400 Journalisten, Universitätsangestellte, Beamte, NGO-Mitarbeiter und Einzelpersonen in 30 Ländern durchforsten das Internet nach Fake-News. Einige Experten mit viel Erfahrung stammen aus der Ukraine: die Organisation Stopfake. Die Ukrainer melden, wie die anderen auch, ihre Erkenntnisse nach Brüssel. Bei StratCom weiß man um die Gefahr, sich den Vorwurf einzuhandeln, selbst Propaganda zu betreiben. Also achten die Lügen-Experten auf äußerste Präzision. Es gehe, heißt es im EAD, um die "Richtigstellung" eindeutig gelenkter Informationen und falscher Tatsachenbehauptungen. In der disinformation review wird daher darauf hingewiesen, dass 700.000 Deutsche allein schon deshalb nicht ihre Heimat wegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik verlassen können (wie die russische RIA Nowosti behauptet), weil laut Statistischem Bundesamt lediglich bis zu 150.000 Deutsche jährlich auswandern. Der Behauptung, 1.000 Muslime hätten in Dortmund Deutschlands älteste Kirche niedergebrannt (Quelle: die rechtsextreme US-Website Breitbart, die sich auf einen Bericht der Ruhr Nachrichten beruft), stellt StratCom die Klarstellung der Ruhr Nachrichten entgegen. Tenor: Wir haben das nie berichtet. Ähnlich verhält es sich bei der EU und dem vermeintlich rassistischen Schneemann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

StratCom hat einen mächtigen Gegner. Die Nachrichten- und Propagandafabrik der russischen Regierung. Sie sitzt in einem 600 Meter langen Betonklotz am Subowski-Boulevard in Moskau und heißt Rossija sewodnja, "Russland heute". Die Propagandisten liefern alles, Fernseh- und Radioprogramme, Agenturmeldungen, Internetseiten, sie machen Umfragen und Satellitenprogramme. Dazu gehören RIA Nowosti und Sputnik News, ein Sender mit Radio- und Internetauftritt sowie Videos in dreißig Sprachen. Sputnik arbeitet in drei Dutzend Ländern. Parallel läuft der russische Auslandskanal RT als eigenständiger Sender.

Diese Sendungen haben nichts mehr mit Sowjet-Propaganda in Schwarz-Weiß zu tun. Sie sind oft schneller, hipper, moderner als westliche Nachrichtensendungen. "Nie wieder uncool", bemerkte einmal Putins Chefstratege Wladislaw Surkow, heute Ukraine-Beauftragter des Präsidenten. Die russischen Staatssender sollen die "russische Sicht" in die Welt tragen. Also des Kremls. Und das geschieht nicht selten mithilfe falscher oder frisierte Nachrichten. Ein Musterbeispiel bot vor einem Jahr die Verwirrung um das angeblich gekidnappte Mädchen Lisa in Berlin. Im Januar 2016 verbreiteten die russischen Nachrichtensender eifrig die Lüge, dass Flüchtlinge die Russlanddeutsche entführt und vergewaltigt hätten. Am Ende stellte sich heraus, dass Lisa bei ihrem Freund übernachtet hatte. Damals entwickelte sich ein Muster: Was russische Medien oder Reporter erfinden, wird auch in deutschen sozialen Netzen verbreitet.

Doch es geht auch umgekehrt. Russische Medien zitieren gern westliche Internetzeitungen, die in Deutschland Extremisten mit Vorurteilen beliefern. Politically Incorrect zählt dazu, Compact oder die obskure Bundesdeutsche Zeitung . Eine Warnmeldung machte besonders Karriere: "USA entladen Panzer in Deutschland für Krieg gegen Russland." Tatsächlich geht es um die gemäß Nato-Beschluss kürzlich stationierten US-Panzer in Polen. Solche Weisheiten vermelden dann russische Internetportale, von 3.600 Panzern ist die Rede. Und schon hat die falsche Nachricht mindestens zwei Quellen.

Der Erfolg der disinformation review steht und fällt mit ihrer Verbreitung. Mit den russischen Propagandaplattformen etwa kann sie bisher nicht mithalten. Das liegt auch daran, dass die review nicht im Minutentakt aktualisiert wird – und auch nicht im Stundentakt. Die Aufmachung wechselt nur alle paar Tage. Extremistische Portale hauen Einträge im Minutentakt heraus und verdrehen die Welt. Bis die Mitarbeiter von StratCom die Falschmeldung entdeckt, überprüft, widerlegt und ihre Recherche veröffentlicht haben, ist das gefälschte Original schon tausendmal geteilt. Eine fetzige falsche Nachricht ist allemal attraktiver als ihre behäbige Korrektur – noch dazu, wenn diese auf einer Seite präsentiert wird, die so modern daherkommt wie die Homepage der Wildecker Herzbuben.

Das größte Problem an der Anti-Lügen-Front ist aber eins, an dem selbst die elf Aufrechten von Brüssel verzweifeln könnten: Die Konsumenten von Falschmeldungen halten sich gern in einem virtuellen Biotop auf, das sich gegen verwirrende Wahrheiten von außen systematisch abschottet. Die Wirklichkeit wollen sie gar nicht kennen. In ihren Köpfen fahren jetzt 3.600 amerikanische Panzer in Polen herum – und nicht jene 87, die dort tatsächlich angekommen sind.