Claudia Nordweis und Carsten Pollak* sind moderne Eltern. Beide sind berufstätig, beide kümmern sich um die zweijährige Tochter. Das macht aus ihnen zwei wandelnde Terminkalender. Ständig stimmen sie miteinander ab, wer wann wo ist und welche Aufgabe übernimmt. Wann gehst du heute ins Büro? Wer holt Katharina von der Kita ab? Erledigst du den Einkauf? Soll ich kochen? Ihr Leben sei "extrem durchgetaktet", sagen die jungen Eltern.

Quelle: ZEIT ONLINE Leserbefragung Dezember 2016

Wie Nordweis und Pollak geht es mehr als sechs Millionen Paaren in Deutschland: Sie sind Eltern mit zwei Jobs. Das bedeutet eine tägliche Zerreißprobe zwischen Beruf und Familie. Viele bestehen sie nur deshalb, weil sie ihrerseits Hilfen beschäftigen: Putzkräfte, Lieferdienste, Babysitter und natürlich die Erzieherinnen in der Kita sind die unverzichtbaren Vereinbarkeitshelfer der modernen Familie. Um all diese Helfer bezahlen zu können, müssen die Eltern wiederum mehr im Job arbeiten – und haben dadurch noch vollere Terminplaner. Zwei Jobs bedeuten eben auch: ein Leben wie in einer Logistikzentrale. Wenn dann das Kind krank wird, droht der Systemkollaps.

Warum tun sich so viele Paare diesen Vereinbarkeitswahnsinn an? Ist der Wunsch nach einer gerechten Aufgabenverteilung in den Familien so groß? Oder treibt sie die nackte wirtschaftliche Notwendigkeit? Müssen heute zwei arbeiten, um eine Familie zu ernähren, wo früher ein Gehalt ausreichte? Um diese Fragen zu beantworten, haben die ZEIT und ZEIT ONLINE mit Experten gesprochen, Statistiken geprüft und mehr als 3.000 Leserinnen und Leser befragt. Darüber hinaus analysierten das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Bundesfinanzministerium im Auftrag der ZEIT die Lohn- und Steuerdaten der Bundesbürger. Das Ergebnis ist ein tiefer Einblick in den Alltag doppelt berufstätiger Eltern in Deutschland.

Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gibt sich heute niemand mehr zufrieden

Claudia Nordweis und Carsten Pollak teilen sich nicht nur die Familienarbeit zu Hause, sondern auch die Arbeitszeit im Job. Beide sind bei einem kleinen sozialwissenschaftlichen Institut in Hamburg angestellt und arbeiten jeweils 32 Stunden. Sie verdienen sogar genau gleich viel. Das Modell, dass sie beide in Teilzeit arbeiten, haben sie bewusst gewählt. Nordweis, 38 Jahre, sagt: "Wir leben den Traum einer gleichberechtigten Partnerschaft." Doch der hat seinen Preis: "Gefühlt müsste jeder Tag zehn Stunden mehr haben, um alles zu schaffen." Der Acht-Stunden-Kitaplatz für ihre Tochter entlastet Nordweis und ihren Partner zwar, während sie im Büro sind, zu Hause aber bleibt alles an ihnen hängen. Schon länger überlegen sie, eine Putzhilfe zu engagieren, doch eines fehlte ihnen dafür bisher immer: die Zeit, um sich darum zu kümmern.

Nicht viele Paare teilen sich die Arbeit so paritätisch wie Nordweis und ihr Partner. Doch dass beide Eltern arbeiten, ist heute ein weit verbreitetes Modell. Es unterscheidet sich von jenem, das lange gängig war: Früher ernährte der Mann als Alleinverdiener die Familie, während die Frau Haushalt und Kinder managte. Das ist nicht nur ein Klischee, das war in den sechziger und siebziger Jahren Realität. Selbst Mitte der neunziger Jahre waren die Aufgaben zwischen den Geschlechtern noch sehr traditionell verteilt: Bei 40 Prozent aller Paare in Deutschland mit minderjährigen Kindern ging damals nur der Mann zur Arbeit. Heute praktizieren bloß noch 29 Prozent der Familien dieses klassische Rollenmodell. Bei 55 Prozent sind inzwischen beide Eltern erwerbstätig, wie eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes zeigt. Der Grund für diesen enormen Wandel innerhalb von nur 20 Jahren: Frauen wollen heute unabhängig sein und ihr eigenes Geld verdienen – auch für den Fall einer Trennung. Sie haben oft sogar bessere Ausbildungen als die Männer und möchten sich genauso im Berufsleben entfalten. Die wenigsten wünschen sich die starren Rollen der Vergangenheit zurück.

So viel Zeit beansprucht der Beruf

Quelle: ZEIT ONLINE Leserbefragung Dezember 2016 ZEIT-Grafik

Viele Paare glauben aber, auch gar keine Wahl mehr zu haben. Ein Einkommen allein reicht nicht mehr aus. Heute müssen beide Eltern ran, damit es für das Nötigste reicht. Zu teuer ist das Leben geworden, zu mickrig waren die Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre. Moderne Eltern wie das Hamburger Paar Nordweis und Pollak strampeln sich also nicht bloß zur eigenen Selbstverwirklichung ab, sondern auch aufgrund eines ökonomischen Zwangs.

Doch gibt es diesen Zwang wirklich? Repräsentative Daten zeigen etwas anderes: Ob beide Eltern berufstätig sind, hat häufig weniger mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu tun als mit den eigenen Ansprüchen. Keine Wahl zu haben ist oft ein Klischee.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Das zeigt sich deutlich, wenn man sich Statistiken genauer anschaut, wobei man zwischen Deutschlands Osten und Westen unterscheiden muss. In der DDR war es üblich, dass Frauen voll berufstätig waren. Auch die Mutter von Claudia Nordweis, die aus Sachsen-Anhalt stammt, arbeitete selbstverständlich Vollzeit, ebenso wie der Vater. "Unter meinen Kindergartenfreunden gab es nur ein einziges Kind, bei dem die Mutter zu Hause blieb", erinnert sich Nordweis. Doppelverdiener sind im Osten also nichts Neues. Nach der Wiedervereinigung sank der Anteil der zweifach berufstätigen Eltern dort allerdings immer weiter: von 65 Prozent im Jahr 1996 auf 58 Prozent im Jahr 2013. Neu ist für Ostdeutschland nur, dass sich Eltern heute vieles leisten können, was zu Honeckers Zeiten nicht zu haben war: ein modernes Auto mit 100 PS etwa statt einen Trabant mit 26 PS (und bis zu zehn Jahren Wartezeit) oder Urlaub am Mittelmeer statt an der Ostsee. Für den Osten gilt daher: Schon früher mussten dort beide Elternteile arbeiten gehen, konnten sich aber weniger kaufen als heute.

Im Westen ist der Anteil der Familien mit Doppelverdienern zwar gestiegen – von 46 Prozent im Jahr 1996 auf 55 Prozent im Jahr 2013. Aber verdient die heutige Generation tatsächlich schlechter als die vorige, braucht also schon deshalb zwei Jobs?

Viele Eltern möchten Beruf und Familie anders organisieren

1985, also vor gut dreißig Jahren, betrug das mittlere Gehalt für eine Vollzeitstelle in der Bundesrepublik 3.116 D-Mark brutto im Monat, wie das IAB für die ZEIT berechnet hat. Diese Zahl gibt den Median an, also das Gehalt genau in der Mitte der Gesellschaft. Es teilt alle Vollzeitbeschäftigten in zwei Hälften: die einen haben mehr, die anderen haben weniger verdient. Wenn also ein gewöhnlicher Arbeitnehmer früher mit seinem Gehalt eine Familie von der Wohnung bis zum Schulbrot mit allem Nötigen versorgen konnte, dann musste dieses Gehalt dafür gereicht haben.

In Euro umgerechnet entsprechen diese 3.116 D‑Mark 1.593 Euro, brutto wohlgemerkt. Das klingt nach ziemlich wenig, wenn man es mit dem vergleicht, was heute im Mittel für Vollzeitarbeit herausspringt: 3.169 Euro. Das ist der aktuellste Wert für Westdeutschland aus der IAB-Statistik, er stammt aus dem Jahr 2014. Demnach ist das mittlere Gehalt in knapp drei Jahrzehnten um 99 Prozent gestiegen. Es hat sich also praktisch verdoppelt.

Gleichzeitig erhöhten sich zwar auch die Preise, aber nicht so stark. Nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes verteuerte sich die Lebenshaltung zwischen 1985 und 2014 um 65 Prozent. Das heißt: Die Löhne wuchsen deutlich stärker als die Preise. Von einem Gehalt kann sich eine Familie heute also mehr leisten als früher. Natürlich haben sich manche Waren mehr und andere weniger stark verteuert, insbesondere bei den Mieten sind viele Menschen überzeugt, die seien besonders stark gestiegen. Doch die Statistiker fügen alles, wofür die Menschen zur jeweiligen Zeit ihr Geld ausgeben, ob für ein Wurstbrot oder für einen Quadratmeter Wohnfläche, zu einem Abbild der Lebenshaltungskosten zusammen – und die sind eben nicht so gewachsen wie die Gehälter.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man auf die Nettoeinkommen blickt. Wirklich ausgeben können die Arbeitnehmer ja nur, was von ihrem Gehalt nach Steuern und Abgaben übrig bleibt. Doch obwohl auch bei den Steuern – wie bei den Preisen – jeder über höhere Lasten klagt, sind die Abgaben in Wahrheit gesunken. Das jedenfalls trifft auf einen verheirateten Alleinverdiener mit zwei Kindern zu, um den es geht, wenn man das Klischee vom Diktat des Doppelverdienens überprüfen möchte. Ihm wären nach Berechnung des Bundesfinanzministeriums von den 1.593 Euro brutto im Jahr 1985 noch 1.205 Euro netto geblieben, inklusive Kindergeld. Im Jahr 2014 hatte er hingegen 2.641 Euro übrig. Das ist nicht viel für eine vierköpfige Familie, aber es entspricht sogar 119 Prozent mehr als dem Betrag dreißig Jahre zuvor. Nach Abzug der Inflation von 65 Prozent bleibt also ein enormer realer Zuwachs. Wenn damals ein Gehalt für eine vierköpfige Familie genügt hat, dann müsste es heute erst recht genügen.

Diese Beispielrechnung gilt für das mittlere Einkommen. In den unteren Lohngruppen haben sich die Gehälter nach den Daten des IAB schwächer entwickelt als in den oberen. Für Männer mit einem Gehalt im untersten Zehntel der Lohnverteilung ergibt sich sogar ein reales Minus: Ihr Bruttogehalt stieg im untersuchten Zeitraum nur um 60 Prozent, während die Inflation um 65 Prozent wuchs. Es gibt also eine kleine Gruppe, die früher mit einem Gehalt real mehr Geld zur Verfügung hatte als heute.

Nur: Sie sind es gar nicht, die in großer Zahl das Modell wählen, in dem beide Eltern berufstätig sind. Das tun vor allem die Besserverdiener, die Akademiker. Je höher qualifiziert eine Frau in Deutschland ist, desto häufiger geht sie als Mutter arbeiten. Das belegt eine internationale Studie der University of Southern California: In 73 Prozent der Familien, in denen die Mutter einen Hochschulabschluss hat, sind beide Partner berufstätig. Hat die Mutter weder Abitur noch eine Berufsausbildung, sind es nur 49 Prozent. Finanzielle Not dürfte für viele Doppelverdiener also nicht das Motiv sein. "Zumindest bei den Akademikern überwiegt wohl das Interesse an ihrer Arbeit selbst", meint Irene Dingeldey, Privatdozentin an der Uni Bremen, die in einem Projekt die Gehaltsentwicklung bei Familien untersucht hat.

Wie aber ist dann das Klischee zu erklären, wonach ein Mittelschichtsgehalt heute nicht mehr für das reicht, was früher möglich war? Die Antwort: Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gibt sich heute niemand zufrieden. Ein Auto ohne Klimaanlage? Sich jahrelang jeden Urlaub verkneifen, um ein Reihenhaus draußen vor der Stadt abzuzahlen? Nur ein – schwarz-weißer – Bildschirm für die ganze Familie? Nein, die Ansprüche sind gewachsen, und die meisten Menschen vergleichen sich nicht mit ihren Großeltern oder dem Arbeitnehmer von früher und dessen Lebensstandard, wie ihn das Statistische Bundesamt akribisch ermittelt hat. Sie vergleichen sich mit Menschen aus ihrem heutigen Umfeld. Deren Lebensstandard ist der Maßstab für das, was man braucht, um eine Familie "zu ernähren". Keeping up with the Joneses nennen das die Amerikaner, was sich mit "Mithalten mit Familie Schmidt" ins Deutsche übersetzen lässt.

Wenn in der höheren Bildungsschicht in 73 Prozent der Familien beide Eltern arbeiten, dann setzen sie den Maßstab. Dann werden ihre Doppelverdiener-Einkommen zur Messlatte für das, was man sich leisten können muss: den Städtetrip zwischendurch, die Bio-Lebensmittel, die Wohnung in einem beliebten Stadtviertel, die Smartphones für die Kinder. Ein Alleinverdiener mit mittlerem Gehalt fällt da leicht ab. Seine Familie gehört nicht mehr zur Mitte der Gesellschaft, sondern zum Rand. "Der Maßstab für ein normales Leben ist ein anderer als früher", sagt Joachim Möller, Direktor des IAB. "Unter diesem Aspekt ist das Gefühl, dass man für eine Familie heute mehr als ein Einkommen braucht, richtig – der Druck ist real."

Vollzeitjob, Kinder und Haushalt – Mütter in der DDR schafften das auch schon

Viele Paare jonglieren deshalb mit zwei Jobs und holen sich Entlastung, indem sie einen großen Teil der Hausarbeit und der Kinderbetreuung "outsourcen". In der Umfrage unter den Lesern von ZEIT und ZEIT ONLINE zeigt sich, dass kaum eine Familie mehr ohne solche Hilfen auskommt. Die Zahlen sind nicht repräsentativ, so gehören die Befragten häufig zu den Besserverdienern. Aber auch in diesen Daten sind Muster erkennbar: Familien mit mehr Geld nutzen häufiger fremde Dienste. Und: Sie sind im Schnitt zufriedener als jene, die keine Hilfe in Anspruch nehmen. Zugleich gibt eine Mehrheit der Befragten an, dass sie sich eigentlich mehr Zeit wünscht, um sich selbst um ihre Kinder zu kümmern, statt andere dafür zu bezahlen. Viele Eltern möchten Beruf und Familie also anders organisieren, als sie es heute tun. Sie wollen arbeiten, aber auch mehr Zeit mit ihren Kindern und ihrem Partner verbringen.

Was Eltern sich wünschen

Quelle: ZEIT ONLINE Leserbefragung Dezember 2016 ZEIT-Grafik

Claudia Nordweis hat ihre Mutter gefragt, wie sie das früher alles geschafft hat. Ein Vollzeitjob, das Kind, den Haushalt, um den sich auch in der DDR meist die Frauen kümmerten. Zwar bekamen Mütter einen Tag im Monat für die Hausarbeit frei, aber der hat fürs Putzen, Waschen und Kochen niemals ausgereicht. Eine Putzhilfe, Lieferdienste oder eine Geschirrspülmaschine hatte ihre Mutter nicht zur Verfügung. Wie das ging? Ihre Mutter antwortete so: "Ich habe nur eine Erklärung: Ich muss das an der Zeit, die ich mit dir verbracht habe, gespart haben."

Damit ist sie wahrscheinlich kein Einzelfall. Eltern widmen ihren Kindern heute im Durchschnitt sogar mehr Zeit als früher – etwa doppelt so viel wie noch vor 50 Jahren. Das zeigt jedenfalls eine Studie der Soziologin Judith Treas von der University of California in Irvine, die die Entwicklung in Deutschland und einigen anderen Industrieländern untersucht hat. Wenn das stimmt, gibt es auch in der Kindererziehung einen klaren Trend: Die Ansprüche sind gewachsen.

* Die Nachnamen haben wir auf Wunsch verändert

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