1985, also vor gut dreißig Jahren, betrug das mittlere Gehalt für eine Vollzeitstelle in der Bundesrepublik 3.116 D-Mark brutto im Monat, wie das IAB für die ZEIT berechnet hat. Diese Zahl gibt den Median an, also das Gehalt genau in der Mitte der Gesellschaft. Es teilt alle Vollzeitbeschäftigten in zwei Hälften: die einen haben mehr, die anderen haben weniger verdient. Wenn also ein gewöhnlicher Arbeitnehmer früher mit seinem Gehalt eine Familie von der Wohnung bis zum Schulbrot mit allem Nötigen versorgen konnte, dann musste dieses Gehalt dafür gereicht haben.

In Euro umgerechnet entsprechen diese 3.116 D‑Mark 1.593 Euro, brutto wohlgemerkt. Das klingt nach ziemlich wenig, wenn man es mit dem vergleicht, was heute im Mittel für Vollzeitarbeit herausspringt: 3.169 Euro. Das ist der aktuellste Wert für Westdeutschland aus der IAB-Statistik, er stammt aus dem Jahr 2014. Demnach ist das mittlere Gehalt in knapp drei Jahrzehnten um 99 Prozent gestiegen. Es hat sich also praktisch verdoppelt.

Gleichzeitig erhöhten sich zwar auch die Preise, aber nicht so stark. Nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes verteuerte sich die Lebenshaltung zwischen 1985 und 2014 um 65 Prozent. Das heißt: Die Löhne wuchsen deutlich stärker als die Preise. Von einem Gehalt kann sich eine Familie heute also mehr leisten als früher. Natürlich haben sich manche Waren mehr und andere weniger stark verteuert, insbesondere bei den Mieten sind viele Menschen überzeugt, die seien besonders stark gestiegen. Doch die Statistiker fügen alles, wofür die Menschen zur jeweiligen Zeit ihr Geld ausgeben, ob für ein Wurstbrot oder für einen Quadratmeter Wohnfläche, zu einem Abbild der Lebenshaltungskosten zusammen – und die sind eben nicht so gewachsen wie die Gehälter.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man auf die Nettoeinkommen blickt. Wirklich ausgeben können die Arbeitnehmer ja nur, was von ihrem Gehalt nach Steuern und Abgaben übrig bleibt. Doch obwohl auch bei den Steuern – wie bei den Preisen – jeder über höhere Lasten klagt, sind die Abgaben in Wahrheit gesunken. Das jedenfalls trifft auf einen verheirateten Alleinverdiener mit zwei Kindern zu, um den es geht, wenn man das Klischee vom Diktat des Doppelverdienens überprüfen möchte. Ihm wären nach Berechnung des Bundesfinanzministeriums von den 1.593 Euro brutto im Jahr 1985 noch 1.205 Euro netto geblieben, inklusive Kindergeld. Im Jahr 2014 hatte er hingegen 2.641 Euro übrig. Das ist nicht viel für eine vierköpfige Familie, aber es entspricht sogar 119 Prozent mehr als dem Betrag dreißig Jahre zuvor. Nach Abzug der Inflation von 65 Prozent bleibt also ein enormer realer Zuwachs. Wenn damals ein Gehalt für eine vierköpfige Familie genügt hat, dann müsste es heute erst recht genügen.

Diese Beispielrechnung gilt für das mittlere Einkommen. In den unteren Lohngruppen haben sich die Gehälter nach den Daten des IAB schwächer entwickelt als in den oberen. Für Männer mit einem Gehalt im untersten Zehntel der Lohnverteilung ergibt sich sogar ein reales Minus: Ihr Bruttogehalt stieg im untersuchten Zeitraum nur um 60 Prozent, während die Inflation um 65 Prozent wuchs. Es gibt also eine kleine Gruppe, die früher mit einem Gehalt real mehr Geld zur Verfügung hatte als heute.

Nur: Sie sind es gar nicht, die in großer Zahl das Modell wählen, in dem beide Eltern berufstätig sind. Das tun vor allem die Besserverdiener, die Akademiker. Je höher qualifiziert eine Frau in Deutschland ist, desto häufiger geht sie als Mutter arbeiten. Das belegt eine internationale Studie der University of Southern California: In 73 Prozent der Familien, in denen die Mutter einen Hochschulabschluss hat, sind beide Partner berufstätig. Hat die Mutter weder Abitur noch eine Berufsausbildung, sind es nur 49 Prozent. Finanzielle Not dürfte für viele Doppelverdiener also nicht das Motiv sein. "Zumindest bei den Akademikern überwiegt wohl das Interesse an ihrer Arbeit selbst", meint Irene Dingeldey, Privatdozentin an der Uni Bremen, die in einem Projekt die Gehaltsentwicklung bei Familien untersucht hat.

Wie aber ist dann das Klischee zu erklären, wonach ein Mittelschichtsgehalt heute nicht mehr für das reicht, was früher möglich war? Die Antwort: Mit dem Wohlstandsniveau der achtziger Jahre gibt sich heute niemand zufrieden. Ein Auto ohne Klimaanlage? Sich jahrelang jeden Urlaub verkneifen, um ein Reihenhaus draußen vor der Stadt abzuzahlen? Nur ein – schwarz-weißer – Bildschirm für die ganze Familie? Nein, die Ansprüche sind gewachsen, und die meisten Menschen vergleichen sich nicht mit ihren Großeltern oder dem Arbeitnehmer von früher und dessen Lebensstandard, wie ihn das Statistische Bundesamt akribisch ermittelt hat. Sie vergleichen sich mit Menschen aus ihrem heutigen Umfeld. Deren Lebensstandard ist der Maßstab für das, was man braucht, um eine Familie "zu ernähren". Keeping up with the Joneses nennen das die Amerikaner, was sich mit "Mithalten mit Familie Schmidt" ins Deutsche übersetzen lässt.

Wenn in der höheren Bildungsschicht in 73 Prozent der Familien beide Eltern arbeiten, dann setzen sie den Maßstab. Dann werden ihre Doppelverdiener-Einkommen zur Messlatte für das, was man sich leisten können muss: den Städtetrip zwischendurch, die Bio-Lebensmittel, die Wohnung in einem beliebten Stadtviertel, die Smartphones für die Kinder. Ein Alleinverdiener mit mittlerem Gehalt fällt da leicht ab. Seine Familie gehört nicht mehr zur Mitte der Gesellschaft, sondern zum Rand. "Der Maßstab für ein normales Leben ist ein anderer als früher", sagt Joachim Möller, Direktor des IAB. "Unter diesem Aspekt ist das Gefühl, dass man für eine Familie heute mehr als ein Einkommen braucht, richtig – der Druck ist real."

Vollzeitjob, Kinder und Haushalt – Mütter in der DDR schafften das auch schon

Viele Paare jonglieren deshalb mit zwei Jobs und holen sich Entlastung, indem sie einen großen Teil der Hausarbeit und der Kinderbetreuung "outsourcen". In der Umfrage unter den Lesern von ZEIT und ZEIT ONLINE zeigt sich, dass kaum eine Familie mehr ohne solche Hilfen auskommt. Die Zahlen sind nicht repräsentativ, so gehören die Befragten häufig zu den Besserverdienern. Aber auch in diesen Daten sind Muster erkennbar: Familien mit mehr Geld nutzen häufiger fremde Dienste. Und: Sie sind im Schnitt zufriedener als jene, die keine Hilfe in Anspruch nehmen. Zugleich gibt eine Mehrheit der Befragten an, dass sie sich eigentlich mehr Zeit wünscht, um sich selbst um ihre Kinder zu kümmern, statt andere dafür zu bezahlen. Viele Eltern möchten Beruf und Familie also anders organisieren, als sie es heute tun. Sie wollen arbeiten, aber auch mehr Zeit mit ihren Kindern und ihrem Partner verbringen.

Was Eltern sich wünschen

Quelle: ZEIT ONLINE Leserbefragung Dezember 2016 ZEIT-Grafik

Claudia Nordweis hat ihre Mutter gefragt, wie sie das früher alles geschafft hat. Ein Vollzeitjob, das Kind, den Haushalt, um den sich auch in der DDR meist die Frauen kümmerten. Zwar bekamen Mütter einen Tag im Monat für die Hausarbeit frei, aber der hat fürs Putzen, Waschen und Kochen niemals ausgereicht. Eine Putzhilfe, Lieferdienste oder eine Geschirrspülmaschine hatte ihre Mutter nicht zur Verfügung. Wie das ging? Ihre Mutter antwortete so: "Ich habe nur eine Erklärung: Ich muss das an der Zeit, die ich mit dir verbracht habe, gespart haben."

Damit ist sie wahrscheinlich kein Einzelfall. Eltern widmen ihren Kindern heute im Durchschnitt sogar mehr Zeit als früher – etwa doppelt so viel wie noch vor 50 Jahren. Das zeigt jedenfalls eine Studie der Soziologin Judith Treas von der University of California in Irvine, die die Entwicklung in Deutschland und einigen anderen Industrieländern untersucht hat. Wenn das stimmt, gibt es auch in der Kindererziehung einen klaren Trend: Die Ansprüche sind gewachsen.

* Die Nachnamen haben wir auf Wunsch verändert

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