Ja

So weit ist es schon gekommen: Kulturbeflissene Kirchentouristen ärgern sich lauthals im Dom, dass während der Gottesdienste keine Führungen stattfinden. Baustilkunde schlägt Bibelkunde, der Kunstführer verdrängt das Gesangbuch. Da ist es schon fast Usus, zu denken: Wie schön wären unsere Kirchen, wenn sie nur nichts mit diesem vermaledeiten Glauben am Hut hätten, mit dem man in den Gotteshäusern gelegentlich behelligt wird. Wenn wir antike Tempel besuchen, buddhistische Klöster oder ägyptische Pyramiden, verneigt man sich schließlich auch nicht vor Zeus oder Osiris.

In Meßkirch entsteht nach Plänen aus dem 9. Jahrhundert nun eine Klosteranlage, mit der damaligen Handwerkstechnik. Das bedeutet 60 Jahre Bauzeit.

Das Perfide dabei: Religiöse Handlungen sollen auf dem Grundstück später nicht erlaubt sein. Ein spiritueller Ort, der das Christentum nur noch als Hülle nutzt, ist aber nichts als Budenzauber.

Traurig ist, dass sich selbst Geistliche inzwischen mit dieser Verfremdung abzufinden scheinen, wenn ihre Wirkungsstätten zu ästhetischen Kulissen verkümmern. Wer schert sich noch um ein Gottesbild, solange der kulturelle Rahmen stimmt? Wenn schon kein Heilsgedanke mehr die Menschen lockt, dann soll es wenigstens das Kulturdenkmal sein.

Doch dieses Argument: "Hauptsache, wir kriegen die Leute irgendwie in die Kirche, und wenn sie dann mal da sind, kann man ihnen vielleicht auch Jesus nahebringen", ist Ausdruck von tiefster Resignation.

Es ist der Totalausverkauf des wahren Domschatzes, der nicht in den Vitrinen, sondern in den Herzen der Gläubigen zu finden ist. Da bleibt höchstens Raum für irgendein vages spirituelles Erlebnisgefühl, das aber so gut wie gar nicht mehr an das Christentum gebunden ist.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Genauso haben heute die wenigsten derjenigen, die sich den Jakobsweg bis nach Santiago di Compostela erwandern, den Pilger Jakobus im Sinn, sondern die Reisebeschreibung von Hape Kerkeling.

Oder die Musik: Atheisten goutieren mit kulinarischem Hochgefühl Oratorien, Requien, Motetten und gregorianische Gesänge, bekommen das Kunststück hin, die Botschaft geistlicher Werke entweder ganz auszublenden oder als kulturelle Überlieferung gnädig durchgehen zu lassen. Das Jauchzet-und-jubilieret-Gefühl greift man gerne ab, die Leidensreligion aber will man nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Absurd! Es gibt nun mal keine majestätischen Berge ohne dazugehörige tiefe Täler.

Das ist genauso, als besuchte man eine Oper, verließe aber jedes Mal vor dem Schlussakt den Saal, weil man kein Theaterblut sehen kann und sich die Katastrophe nicht zumuten möchte. Nur hat man dann auch die Architektur des Werkes nicht verstanden! So als hörte man von Beethovens Fünfter nur das berühmte "Tatatata" und glaubte, damit die ganze Schicksalssinfonie zu kennen.

Was bleibt, ist der schon tragisch zu nennende Zustand, dass es den Kirchen nicht mehr gelingt, durch liturgische Inhalte die Menschen zu binden. Es sind ganz offensichtlich nur noch die Gefäße, die Hülle, das Design, die die Menschen in die Kirche locken.

Dazu kommt das Problem, dass Sakralgebäude wirtschaftlich ohne staatliche Hilfen nicht zu unterhalten sind. Im Gegenzug müssen diese öffentlichen Gelder dann eine breitere öffentliche Nutzung der Gebäude ermöglichen als nur für Fromme. Dadurch verschwimmt aber das Profil einer Kirche.

Es war doch schon immer so, heißt es gemeinhin, dass die Menschen sich an der Pracht der Kirchen geweidet haben. War Kirche nicht immer auch Event, Schauspiel, Inszenierung, um die Menschen zu fesseln? Bot sich nicht stets Raum für die gleichzeitige Aufnahme christlicher Ethik und Ästhetik? Ja und Nein. Zumindest glaubten die Kirchenbesucher, die sich dem Glanz hingaben, darin den Abglanz Gottes gespiegelt zu sehen.

Erst Immanuel Kant und Voltaire konstruierten jene Spaltung in Form und Inhalt des Christentums. Inzwischen wurde die Schraube weitergedreht: Es ist nur mehr die Ästhetik, die wir loben und preisen, ohne Bezug zu Gott durch den Glauben, in dessen Kontext Kirchenkunst geschaffen wurde. Dabei lässt uns nur eine Kenntnis des Glaubensinhaltes kirchliche Architektur und Kunst wirklich verstehen.

Die sicherlich nicht unredlichen Versuche des Schriftstellers Alain de Botton mit seinem Buch Religion für Atheisten: Vom Nutzen der Religion für das Leben oder Navid Kermanis Bestseller Ungläubiges Staunen. Über das Christentum lenken ihren Blick auf das rein Ästhetische. Der Genuss der Anschauung wird zum Wesentlichen. Doch mit einem rein hedonistischen Blick lässt sich Religion nicht fassen.

Andreas Öhler