Fasnachtszeit in Chur, im Januar 1639. Keinen drängt es nach Hause. Da beschließt die Runde um Jörg Jenatsch, in der Kneipe Zum Staubigen Hüetli noch einen "trunk süssen Veltlyner weins zu thun". Gegen Mitternacht, so wird es Jahrhunderte später in den Davoser Blättern zu lesen sein, betritt ein Maskierter "von groszer statur" die Schankstube. Er begrüßt Jenatsch. Dann fällt plötzlich ein Schuss. Der Getroffene weicht zurück, wehrt sich mit einem "Kerzenstock". Unterdessen aber sind weitere Meuchler eingetreten. Einer schwingt eine Axt. Und als der Bündner "mit gespaltenem Schädel schon tot in seinem Blut" liegt, da tritt noch einer herzu, er dreht den "entseelten Körper um" und schlägt noch einmal zu – mit einem "Fausthammer".

Der Mord an Freiheitskämpfer Jenatsch ist ein dramatischer Höhepunkt der Bündner Geschichte. Das spektakuläre, in unterschiedlichen Versionen erzählte Ende passte zum illustren Leben dieser Politfigur aus dem 17. Jahrhundert: Jenatsch war Pfarrer und Mörder, er profitierte vom Krieg und agierte als diplomatischer Strippenzieher. Er begann als fanatischer Gegner der Katholiken und wurde, als Konvertit, zum General der Drei Bünde befördert, der mit spanischer Unterstützung die Franzosen zum Abzug zwang. Vor seinem Tod verschaffte sich der Aufsteiger noch Reichtum, Adelstitel und viele neue Feinde im alteingesessenen Churer Establishment. Nach seinem Tod dauerte es bloß zwölf Stunden, bis er unter dem Boden verschwunden war, unter der Orgel in der Kathedrale von Chur.

Fast vier Jahrhunderte später schafft es der Grobian aus dem Dreißigjährigen Krieg noch einmal, dem eigenen, ungelösten Kriminalfall ein Kapitel hinzuzufügen. Im Sommer 1959 exhumierte ein Anthropologe ein Skelett, untersuchte es und setzte es nach zwei Jahren wieder bei – ohne dass er die Gebeine sicher dem Bündner Helden hatte zuordnen können. Im Jahr 2012 machten sich erneut Wissenschaftler im Boden unter der Kathedrale auf die Suche. Sie wollten den Beweis erbringen, dass es sich bei den dortigen Überresten um Jenatschs Knochen handelt.

"Wir wissen nicht genau, wie es in der Mordnacht zu- und hergegangen ist", sagt der Arzt und Anthropologe Martin Häusler von der Universität Zürich. Er war maßgeblich an den neuen Untersuchungen beteiligt. Als er den frisch geborgenen Schädel in Händen hielt, überraschte ihn, wie perfekt die auf den ersten Blick erkennbaren Spuren zu den historischen Zeugenaussagen passten: "Vom linken Ohr bis zur Stirn: ein Schnitt wie von einer Axt, sieben Zentimeter lang."

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Diesen tödlichen Hieb, so denken viele, hatte Lucrezia ihrem Ex-Geliebten Jenatsch verpasst – mit derselben Axt, mit der dieser ihren Vater Pompejus Planta einst ermordet hatte. Aber die ungemein dramatische Auflösung des Falls entsprang im 19. Jahrhundert der Fantasie des Schriftstellers Conrad Ferdinand Meyer. Mit seinem Roman Jürg Jenatsch ersparte er dem Mann das Vergessen. Er sorgte dafür, dass die Bündner zu einem Helden kamen und die Schweizer Gymnasiasten bis heute zu einer großartigen Lektüre. In seiner dichterischen Freiheit füllte Meyer die Lücken in Jenatschs Biografie nach Lust und Laune: "Ich bin sicher, das war nur ein Schelm, und ich habe aus ihm eine Persönlichkeit gemacht." Er klärte sogar den Mord auf – jenen an der Romanfigur.

Die wahren Mörder des wahren Jenatsch dagegen kennt bis heute keiner; die Kapitalverbrecher, sie stammen wohl aus der Churer Oberschicht, hatten sich alle verkleidet, einer als Bär. Eine erste DNA-Analyse erhärtete 2012 einen Verdacht: dass man zumindest dem Opfer auf die Schliche gekommen sein könnte. Der Abgleich des Erbguts aus dem linken Oberschenkelknochen mit dem Genmaterial von drei heutigen Verwandten Jenatschs – sie sind 14 Generationen jünger – ergab immerhin eine 96-Prozent-Wahrscheinlichkeit, dass es sich um die Knochen des Freiheitskämpfers handelt. Über die Disziplinen hinweg arbeiteten die Wissenschaftler weiter an der Wahrheitsfindung. Ihre Resultate publizierten sie nun im Fachmagazin PLoS One .