"Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der Mensch ist unglücklich" – so hat Fjodor Dostojewski einst in seinem Roman Die Dämonen die menschliche Existenz resümiert. Das mag zwar für einen Russen wahr sein, ist aber nicht besonders erbaulich. Die optimistischeren Amerikaner würden entgegnen, das Leben sei doch oft ziemlich lustig, und außerdem habe man immer noch die Familie, diesen Grundbaustein der Gesellschaft. Allerdings handelt es sich bei diesen wohlgelaunten US-Bürgern mehrheitlich um verklemmte white anglo-saxon protestants, denen das Lächeln eher verkrampft im Gesicht klebt. Für das Leiden und die schmerzlichen Gefühle in der amerikanischen Kultur sind daher traditionell Juden und Katholiken zuständig.

Es ist kein Zufall, dass Kenneth Lonergans als Oscar-Favorit geltender neuer Film Manchester by the Sea, der als Meisterwerk des stillen Leidens gefeiert wird, in einer irisch-katholischen Kleinstadt spielt – inklusive einer Szene, in der die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten deutlich herausgearbeitet werden. Lonergan, der erfahrene Independent-Regisseur und gefragte Scriptverbesserer, erzählt eine Geschichte über den Wert der Familie und reichert sie mit einer großzügigen Portion Humor an. Ort der Handlung ist das winterliche Massachussetts. Stoisch schaufelt der Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) in Boston den Schnee von der Straße, repariert die verstopften Toiletten der Mieter und wehrt Avancen von geneigten Mieterinnen ab. Auch abends in der Bar will er sich nicht so recht auf einen Flirt einlassen. Lieber sitzt er schweigsam allein am Tresen und provoziert hin und wieder Schlägereien. Eine dunkle Wolke hängt über diesem Mann.

In seiner Tristesse erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Bruders. Lee eilt zurück ins heimatliche Manchester-by-the-Sea, eine typische Arbeiter-und-Fischer-Kleinstadt Neuenglands, voller hübscher Holzhäuser und bodenständiger Holzfällerhemdenträger. Dort wird sich Lee einem anderen, viel größeren Trauma stellen müssen, neben dem sich der Tod seines Bruders bloß wie ein normaler, wenn auch trauriger Teil des Lebens ausnimmt. In vielen, oft nur splitterkurzen, präzise rhythmisierten Rückblenden, die Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen lassen, erzählt der Film Lees Geschichte und das, was ihn aus der Bahn geworfen hat.

Es ist die Alltäglichkeit, die Lonergan interessiert und die er in sorgsam komponierten Tableaus untersucht. Postkartenartig wirken die Häuser und Boote, akribisch kleinbürgerlich sind die Innenräume ausstaffiert, sodass das Setting manchmal fast wie eine Kulisse wirkt. Lonergan zeigt die Banalität des Lebens, die es selten auf die Leinwand schafft. Und oft sind es auch banale, kleine Missverständnisse, die den Humor dieses Films ausmachen. Oft lösen sie sich auf in scharfsinnigen Dialogen oder auch in beiläufig erzählten tragikomischen Ereignissen – etwa wenn es zwei Sanitätern partout nicht gelingen will, eine Trage in den Krankenwagen zu verfrachten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

In seinem Heimatstädtchen wird Lee auch seine Ex-Frau Randi treffen, gespielt von der grandiosen Michelle Williams. Diese Schauspielerin kann auf so stockende, so schmerzliche und zugleich hässliche Weise weinen, dass man merkt, wie dick die Steine sein müssen, mit denen Randi ihren Schmerz eingemauert hat. Lee kümmert sich um die Bürokratie des Todes, Formulare im Krankenhaus, Organisieren der Beerdigung, Besuche beim Anwalt.

Dort erfährt er, dass er das Sorgerecht für seinen Neffen Patrick (Lucas Hedges) übernehmen soll, einen Teenager, der sich im Eishockeytraining prügelt und große Teile des Films damit verbringt, gemeinsam mit zwei Freundinnen zu jonglieren. Lee und Patrick ziehen wie ein unfreiwilliges Comedyduo durch den Film. Den Umständen, die sie zusammengeführt haben, trotzen sie mit gewitzten Wortgefechten, während sie im Auto durch das verschneite Neuengland fahren oder viele Stunden auf Booten im Atlantik herumtuckern.

Das alles ist ausgezeichnet gespielt, doch irgendwann erschöpft sich die Kleinstadtwelt auch. Der Alltag der weißen, männlichen Arbeiterschicht gerät hier fast schon zum Fetisch, und die Figuren, vor allem Afflecks Lee, wirken so, als hätte man sie aus einem Katalog der Marke Carhartt herausgerissen, die Kleider für Dockarbeiter herstellt und für Hipster, die wie Dockarbeiter aussehen wollen. Der Kinderwagen von Michelle Williams ist ein Modell, das locker 1000 Dollar kostet, was sich in einem Fischerdorf niemand leisten kann und vor allem niemand leisten will. In manchen Szenen wurde der Dialog offensichtlich nur zum Ausstellen des lokalen Dialektes geschrieben, mit vielen Worten, in denen das verschluckte R auffällt ("shahk" statt shark). Es ist eine Sprache, die für amerikanische Ohren genau jene weiße Arbeiterschicht heraufbeschwört, die in jüngster Zeit oft als Vergessene der US-amerikanischen Politik und als Vergessene der amerikanischen Filmindustrie dargestellt wurde.

Trotz solcher etwas gewollt erscheinenden Stilisierungen bleibt Manchester by the Sea ein Panorama des Lebens und Sterbens in einer Kleinstadt. Das Gefühlsleben der Figuren und ihre Entwicklung erscheinen seltsam real. Es gibt kein Happy End, aber auch kein Unhappy End. Die Katharsis bleibt aus, doch ganz in ihrem Schmerz gefangen bleibt Casey Afflecks Figur auch nicht.

Letztlich und mit all seinen Stärken und Schwächen ist der Film so ambivalent wie das Leben, das er einzufangen versucht.

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