Für den Bachelor an eine Fachhochschule, für den Master an eine Uni – das klappt oft nicht.

Als es passiert, fällt er aus allen Wolken. Da steht er nun mit seinem Einserabschluss in Bauingenieurwesen, ein dualer Bachelor von der Berliner Hochschule für Wissenschaft und Recht (HWR) in einer Zeit, da alle das duale Studium preisen. Aber als er sich für einen Wirtschaftsingenieur-Master an der RWTH Aachen bewirbt, steht in der Antwort der Uni: abgelehnt; er sei "nicht für den Studiengang geeignet".

Es war eines der großen Versprechen der Bologna-Studienreform, als im vergangenen Jahrzehnt europaweit fast alle Hochschulabschlüsse in Bachelor und Master umgewandelt wurden: Künftig spiele es keine Rolle mehr, wo jemand seinen Bachelor gemacht hat, ob nun an einer Fachhochschule oder Universität. Solange er Leistung bringe, stehen ihm für den Master alle Türen offen.

Mit FH-Bachelor an die Uni? Müsste doch gehen. Hat zu gehen, denkt Christian Schäfer, damals 26, und versucht es nach der ersten Ablehnung erneut. Diesmal in seinem alten Fach, Bauingenieurwesen, an der Technischen Universität Berlin. Schäfer, der in Wirklichkeit anders heißt, legt dem Fachbereich, an dem er studieren möchte, seine Belege Monate im Voraus zur Prüfung vor. Es scheint glattzugehen: Der zuständige Professor antwortet per Mail, Schäfer erfülle "die aktuell gültigen Zulassungsvoraussetzungen". Ein halbes Jahr später erhält Schäfer ein offizielles Ablehnungsschreiben. Als er nachfragt, heißt es, die Eignung werde nun von einem anderen Professor überprüft. Der wiederum teilt Schäfer mit, er lese sich die Inhalte aller Module durch, die ein Bewerber zuvor studiert habe. Es reiche nicht, "die Namen der Module zu nehmen und die Punkte zusammenzuzählen". Anders formuliert: Nur weil deine FH behauptet, dass du etwas gemacht hast, muss ich das ja nicht glauben.

Die RWTH Aachen und die TU Berlin beteuern auf Nachfrage: Wir behandeln alle Bewerber gleich, egal ob sie von einer Uni oder einer FH kommen.

Hat Schäfer also nur Pech gehabt? Ist er ein Einzelfall?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Die fehlende Durchlässigkeit sei ein echtes Ärgernis, sagt Nicolai Müller-Bromley, Präsident des Hochschullehrerbundes, einem Verband von FH-Professoren. "Das betrifft den Zugang von Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschulen zu Masterstudiengängen an Universitäten, aber auch ihren Zugang zur Promotion in Anschluss an den Masterabschluss." Wie groß das Problem wirklich ist, weiß allerdings niemand. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung kann dazu keine Daten liefern, Fälle individueller Diskriminierung bei der Studienplatzvergabe seien empirisch schwer erfassbar. Zumal viele der Betroffenen – siehe oben – selbst nicht genau sagen können, woran es gelegen hat.

"Ich höre immer wieder von solchen Fällen", sagt Andreas Zaby, Präsident von Schäfers ehemaliger Hochschule HWR. "Aber das ist immer anekdotisch." Aus Schäfers Absolventensemester haben mindestens zwei weitere Studenten dieselbe Erfahrung gemacht und wurden von mehreren Universitäten abgelehnt. Systematisch sei, wie einige Universitäten ihre Masterstudiengänge für externe Bewerber abschotteten, sagt Zaby. "Da müssen bestimmte Einzelfächer im Bachelor belegt worden sein, die es so eigentlich nur an derselben Uni gibt." Hinzu komme, dass FH-Absolventen wegen des höheren Praxisanteils im Studium häufig weniger wissenschaftliche Methodengrundlagen haben – die nähmen Unis allerdings besonders wichtig. Die HWR hat darauf reagiert: Wer einen Uni-Master anstrebt, kann jetzt zusätzliche Methodenkurse belegen. Was jedoch "gar nicht geht", sagt Zaby, sei die Form von Rosinenpickerei, die der Uni-Professor in Schäfers Fall betrieben habe. "Das ist Willkür, wenn ein einzelner Prof Entscheidungen treffen kann, ob ihm die individuellen Inhalte der Kurse anderer Hochschulen gefallen."

Die Unis sagen, sie hätten reagiert und die Anerkennung systematisiert. Die RWTH erklärt, mittlerweile habe man für die meisten Bewerbungen sogenannte Äquivalenzlisten, die genau aufzählen, welche Module von den Absolventen welcher Hochschulen und Fächer nachgeholt werden müssten.

Indes: Das Problem mit Diskriminierung sei, dass sie meist schwer nachzuweisen sei, sagt die Wiesbadener Rechtsanwältin Sibylle Schwarz, die sich auf die Beratung von "Studenten in Problemlagen" spezialisiert hat. Besonders beim Übergang zum Master sei das so, denn anders als beim Bachelor hätten die Unis hier viel Ermessensspielraum. Das Grundrecht auf freie Berufswahl, wie es das Grundgesetz vorsieht, gelte eigentlich nur für den Bachelor, der wissenschaftliche Master gilt eher als Sahnehäubchen. Als Rechtsanwältin muss Schwarz für den Einzelfall belegen, dass sich eine Hochschule außerhalb der Spielregeln bewegt. Und Studenten zusätzlich in Bedrängnis bringt, wenn die Entscheidungen erst zwei Wochen vor Beginn des Studiums verschickt werden.

Am Ende geht es weniger um eine juristische als eine politische Bewertung. Eigentlich war der Übergang von Bachelor zum Master als eine Art Rangierbahnhof gedacht – mit Gleisen in alle Richtungen, national, international, fächer- und institutionenübergreifend. Was die Hochschulen in Deutschland daraus gemacht haben: eine Weiche, die fast immer nur geradeaus zeigt. Wer zwischendurch rauswill, hat ein Problem. Und wer reinwill, ebenso.

Christian Schäfer hat nach der zweiten Ablehnung überlegt zu klagen und es dann doch gelassen. Heute arbeitet er im Ausland und sagt, es gehe ihm auch ohne Uni-Master beruflich sehr gut. "Aber es kann nicht sein, dass man der neuen Studentengeneration immer erzählt, alles sei möglich – und dann so was."