Den Islam und die Barmherzigkeit in einem Atemzug zu erwähnen klingt in den Ohren vieler Menschen angesichts der vielen Terrormeldungen im Namen des Islam absurd. Dabei betont gerade das heilige Buch der Muslime, der Koran, die Barmherzigkeit wie kein anderes heiliges Buch. Er macht sie sogar zur zentralen Kategorie der islamischen Verkündigung, indem er betont, dass Mohammed von Gott ausschließlich als Botschaft der Barmherzigkeit für alle Welten entsandt wurde (Koran 21:107). Im Koran wird Gott mit verschiedenen Eigenschaften beschrieben, jedoch ist die Barmherzigkeit (arabisch: Rahma) die am häufigsten vorkommende dieser Eigenschaften. Auch beginnen 113 der 114 koranischen Suren mit der Formel "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers" als Einladung an seine Rezipienten, ihn durch die Brille der Barmherzigkeit zu lesen und entsprechend zu versuchen, ihn zu verstehen.

Das Einzige, wozu sich Gott im Koran selbst verpflichtet hat, ist die Barmherzigkeit. In der 6. Sure, Vers 12, heißt es: "Er hat sich selbst der Barmherzigkeit verschrieben." Diese Aussage wiederholt sich in derselben Sure im Vers 54. Gott hat sich also in Freiheit gegenüber sich selbst und gegenüber dem Menschen zur Barmherzigkeit verpflichtet. Der Mensch kann darauf vertrauen, er kann sich im Leben und Sterben darauf verlassen, dass Gott barmherzig ist, weil Gott dem Menschen das versprochen hat.

Der Koran beschreibt die Barmherzigkeit Gottes als absolut, während seine Strafe relativ bleibt, denn er will ja auch vergeben: "Meine Strafe trifft, wen ich möchte, und meine Barmherzigkeit umfasst alle Dinge" (Koran 7:156), sie umfasst also auch seine Strafe. Die Strafe Gottes ist kein Gegenüber zu seiner Barmherzigkeit, sondern ein Teil dessen. Der Prophet Mohammed sagte dazu: "Als Gott die Schöpfung bestimmte, schrieb er auf seinen Thron: 'Meine Barmherzigkeit steht über meinem Zorn [in einer anderen Überlieferung: … ist schneller als mein Zorn].'" An keiner Stelle im Koran sagt Gott über sich, er sei der Bestrafende; vielmehr beauftragt er Mohammed: "Verkünde den Menschen, dass ich der unübertrefflich Verzeihende, der Barmherzige bin, und meine Strafe, sie ist schmerzhaft." (Koran 15:49-50) Er identifiziert sich mit der Vergebung und Barmherzigkeit und sagt damit: "Ich bin verzeihend. Ich bin barmherzig." Wenn es aber um Strafe geht, identifiziert er sich nicht mit ihr, sondern sagt: "Sie ist schmerzhaft." Die Aussage "Gott ist nicht nur barmherzig, sondern auch strafend", ist somit grundsätzlich falsch. Er ist nicht entweder das eine oder das andere, sondern er ist immer barmherzig gewesen und seiend. Wenn der Koran von dem barmherzigen Gott spricht, dann nicht lediglich im Sinne des vergebenden Gottes. Ein Gott, der sich selbst zur Barmherzigkeit bestimmt hat, ist dem Menschen gegenüber von Ewigkeit her bedingungslos zugewandt. Er ist ein Gott, der von seinem Wesen her auf Beziehung ausgerichtet ist, der an der Seite des Menschen steht und sich für den Menschen interessiert, sich für ihn und mit ihm freut und die Sorge des Menschen trägt und in seinem Leid mitleidet. Ich verweise hier exemplarisch auf Sure 93, die in der modernen Koranforschung als eine der ersten, wenn nicht gar als die erste Koransure bezeichnet wird: "Dein Herr hat dich weder vergessen, noch ist er unbekümmert … Er wird dir geben, dass du zufrieden sein wirst. Hat er dich nicht als Waise gefunden und dir Aufnahme gewährt? Dich auf dem Irrweg gefunden und rechtgeleitet? Und dich bedürftig gefunden und reich gemacht? Gegen die Waise sollst du deshalb nicht grob sein, und den Bettler sollst du nicht anfahren …" Also dieser Gott zeigt Emotionen gegenüber seinem Geschöpf und nimmt sich seiner bedingungslos und in allen menschlichen Nöten an.

Man kann in einem theologischen Diskurs sehr viel über die Barmherzigkeit im Islam sagen, dennoch vermisst man sehr oft nicht nur die Rede von der Barmherzigkeit im Alltag mancher Muslime, sondern und vor allem deren Umsetzung im Handeln dieser Gläubigen. Dies gilt allerdings nicht nur für Muslime alleine. Und daher hat der Papst nicht zu Unrecht 2016 zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt, denn die ganze Welt braucht heute das Konzept der Barmherzigkeit, verstanden als bedingungslose Zuwendung eines jeden Menschen seinem Nächsten gegenüber. Sie ist als Oberbegriff für das alles, was zur zwischenmenschlichen Verständigung und Annäherung in gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung beiträgt, zu verstehen. Barmherzigkeit lädt ein, den Nächsten in seinem Dasein zu würdigen, und zwar unabhängig von seinem Nutzen. Barmherzigkeit will die zwischenmenschliche Beziehung humanisieren, statt sie zu funktionalisieren.

Aber zurück zum islamischen Kontext. Selbstkritisch möchte ich hier anmerken, dass die islamische Tradition in vielen ihrer Positionen diesen barmherzigen Gott zugunsten eines weniger sympathischen Gottesverständnisses vernachlässigt hat. Und so finden wir einige Positionen innerhalb der islamischen Theologie, die Gewalt gegen Nichtmuslime als Mittel der Mission legitimieren, andere Positionen benachteiligen Andersgläubige sowie Frauen und Homosexuelle und drohen Letzteren sogar mit dem Tod. Wir finden auch Positionen, die die Freiheit des Menschen und sein Recht auf Selbstbestimmung einschränken, wie das Verbot der Konversion vom Islam zu einer anderen Religion und die entsprechende Bedrohung solcher Konvertiten mit einer Todesstrafe. All diese und weitere Positionen erschüttern die koranische Rede vom barmherzigen Gott, der die Menschen nur mit Mitteln der Liebe zu sich ruft.

Die Rede von Barmherzigkeit im Islam muss sich dringend in drei Dimensionen stärker entfalten: in einer theologischen, in einer zwischenmenschlichen und in einer politischen.

Erbarmen als Theologie

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

In einem innerislamischen theologischen Diskurs müssen die oben angesprochenen Fragen zu den Themen Gewalt, Stellenwert von Nichtmuslimen, Stellenwert der Frau und viele mehr ernsthaft und mit viel Mut und Willen zur Barmherzigkeit angegangen werden. Welche Antworten ergeben sich, wenn wir die Barmherzigkeit theologisch ernst nehmen und bis zum Ende reflektieren? Die erste und entscheidende Frage, die zu beantworten sein wird, lautet: Wie ist ein barmherziger Gott im Islam konsequent zu denken? Ist ein barmherziger Gott nur den Muslimen gnädig zugewandt? Interessiert sich so ein Gott lediglich für die Überschriften "Muslim", "Christ", "Gläubig", "Atheist", "Agnostiker"? Nimmt sich ein barmherziger Gott das Recht, Nichtmuslime mit ewiger Höllenqual zu bestrafen, nicht für das, was sie verbrochen haben, sondern für das, was sie sind: eben Nichtmuslime? Nur Muslime in einem seriösen theologischen Diskurs jenseits von emotionaler Argumentation und Auserwähltheitsansprüchen können diese und viele weitere Fragen beantworten.