Als vor ein paar Jahren dieses Zettelchen aus einer Tüte Meersalz fiel, auf dem ein gewisser Maurice versicherte, er habe dieses Salz eigenhändig an der französischen Atlantikküste für mich geerntet, musste ich herzhaft lachen. Maurice, so hieß bestimmt der Sohn des Firmeninhabers, der sich überlegt hatte, wie man einem anonymen Produkt wie einer Tüte Meersalz ein menschliches Gesicht geben könnte. Damals habe ich mich noch gefragt, wozu eine Tüte Salz ein menschliches Gesicht braucht. Damals war es aber auch noch ziemlich neu, dass die Produkte zu einem sprechen. Inzwischen kommt das ja ständig vor.

Aus einem Schuhkarton segelt ein Kassiber aus feinem Büttenpapier, auf dem zu lesen ist, dass diese Schuhe das Werk eines kleinen spanischen Traditionsbetriebes sind, in dem Schuhe noch wie vor 100 Jahren von Hand geflochten werden. Ein Schal behauptet im Etikett, mit Liebe in Dänemark gestrickt worden zu sein. Der Schokolade liegt ein kleines Booklet bei, dem zu entnehmen ist, dass sie in einem Berliner Hinterhof nach alter Väter Sitte von Hand gerührt wurde.

Und man könnte jetzt auf die Idee kommen, hier solle eine schöne Geschichte einen eher unschönen Preis rechtfertigen. Das ist in meinem Fall aber gar nicht nötig. Mir hat man schon als Kind beigebracht, dass gute Sachen teuer sind, weshalb ich nicht davon ausgehe, dass Schuhe aus einem Traditionsbetrieb billig sein müssen. Als williges Marketingopfer glaube ich auch sofort, dass ein mit Herz und Hand in Dänemark gestrickter Schal haltbarer ist als Massenware aus Fernost. Doch spielt das in diesen Geschichten nur eine untergeordnete Rolle. Wenn überhaupt.

Als halbwegs aufgeklärte Konsumentin weiß ich, wie es zugeht in der globalen Warenproduktion. Ich kenne die Bilder von den einstürzenden Nähmaschinenhallen in Bangladesch, ich weiß um die jämmerlichen Löhne, die dort gezahlt werden, die miserablen Arbeitsbedingungen. Ich habe von den Selbstmorden in chinesischen Handyfabriken gehört und schon vor vielen Jahren bei Naomi Klein gelesen, dass selbst gut beleumundete Traditionsunternehmen ihre Gewinnmarge vergrößern, indem sie Arbeit dort verrichten lassen, wo sie fast nichts kostet. Deshalb habe ich mich oft schlecht gefühlt, aber auch vollkommen machtlos. Denn was soll man tun? Aufs Land ziehen und auf Selbstversorgung umstellen?

Es gibt eine bessere Welt, und ich kann sie mir kaufen.

Das ist Gott sei Dank nicht mehr nötig. Denn jetzt gibt es Maurice, den Salzbauern, die Frauen – ich nehme an, es sind Frauen –, die in einer spanischen Hafenstadt schöne Schuhe flechten, und ihre Kollegen in den vielen kleinen pittoresken Hinterhofwerkstätten. Sie alle sagen mir: Der Kapitalismus mag noch schlechter sein, als die Sozialisten immer behauptet haben, aber wir haben damit nichts zu tun! Indem du die Früchte unserer Arbeit erstehst, schaffst du Arbeitsplätze und bewahrst eine Kultur vor dem Aussterben. Das ist die schöne Pointe: Es gibt eine bessere Welt, und ich kann sie mir kaufen.

In seinem preisgekrönten Buch Ausgegeizt. Wertvoll ist besser beschreibt der ehemalige Oberförster Uli Burchardt, worauf man dabei achten muss: Die Dinge, die wir anschaffen, sollen wertvoll, anständig, lange haltbar sein und aus einem regional verwurzelten Handwerksbetrieb, neudeutsch einer Manufaktur, stammen. "Belohnen wir die, die es gut machen, die fair in Europa produzieren!" lautet sein Schlachtruf. Es gehe um die Zukunft unserer Kinder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Herr Burchardt, der irgendwo am Bodensee lebt, hätte vermutlich seine helle Freude an meinem Berliner Innenstadtviertel. Hier reiht sich inzwischen ein Laden für handgestrickte Pullover aus der Wolle glücklicher Merinoschafe an ein Geschäft für handgemachte Hundeleckerlis, an portugiesische Feinkost, französisches Leinen und Delikatessen aus dem Oderbruch. Außerdem in Laufweite: der Showroom eines lokalen Labels, das nach alten Schnittmustern traditionelle Arbeitskleidung nacharbeiten lässt, eine Töpferei, die sündteure Unikate aus hauchdünner weißer Keramik herstellt, eine Hutmacherin sowie die galerieartigen Präsentationsräume diverser Möbel-, Mode- und Papierwerkstätten aus dem Kiez.

Auf dem Weg zur S-Bahn noch schnell einen Kaffee kaufen? Unmöglich, denn der Kaffeemann, der seine Bohnen natürlich selbst röstet, hat kürzlich eine neue Technik ausprobiert, von der er nun wortreich erzählen muss, während er jeden Handgriff des Brühverfahrens auskostet. Langsam lässt er das frisch gemahlene Kaffeepulver, 60 Prozent Robusta, ins Sieb rieseln, genießt das Aroma, bevor er das Pulver mit einem Stempel sanft zusammendrückt und den Siebträger in die Maschine spannt. Schließlich drückt er den gefederten Hebel mit viel Gefühl nach unten, bis mein Kaffee eine beachtliche Crema aufweist.

Die belohnen, die es gut machen? Beim Kaffeemann kostet mich das eine Viertelstunde, die ich gelegentlich nutze, um eine ausgedehnte Gedenkminute einzulegen für meinen alten Bäcker, die Zoohandlung, den Passbildfotografen, die nerdige Videothek und all die anderen Mittelständler, die es auf ihre Art auch gut gemacht haben, irgendwann aber die horrenden Gewerbemieten nicht mehr zahlen konnten.

Damit will ich nicht sagen, der Kaffeemann habe den alten Jeansladen vertrieben. Das hat der Vermieter alleine hingekriegt. Ich möchte der schicken Boutique, die "authentische" Alltagsgegenstände "made in Europe" verkauft, auch nicht vorwerfen, dass ihr Geschäftsmodell inzwischen besser in die Gegend passt als der alte Rocker-Bäcker, der seine Kunden ab morgens um sechs mit ohrenbetäubendem Death Metal beschallte. Das ist der Lauf der Zeit, gentrification kills diversity, nicht nur in meinem Viertel.

Um Drecksarbeit lässt sich nicht gut Gewese machen

In allen westlichen Städten, die groß genug sind, um urbane Monokulturen herauszubilden, gibt es diese Ecken, in denen sich das schöne Leben verdächtig gut anfühlt. Häufig leben dort Leute, die viel Selbstbewusstsein daraus schöpfen, alles richtig zu machen. Sie fahren keine dicken Autos, sie kaufen keine Aktien von zweifelhaften Unternehmen. Sie essen bio, spenden für Amnesty und haben nicht erst seit Fukushima einen Ökostromvertrag. Haben sie die Wahl zwischen dem Eis eines zweifelhaften Milchmultis und dem einer lokalen Manufaktur, denken sie nicht lange nach, selbst wenn die lokale Manufaktur stolze 1,80 Euro für die Kugel verlangt. Auch ich nicht.

Denn natürlich ist es besser, eine kleine Eispatisserie zu unterstützen als einen Lebensmittelkonzern, der große Teile des Regenwaldes auf dem Gewissen hat. Es spricht auch nichts dagegen, das schicke Craft-Beer aus dem übernächsten Hinterhof der dünnen Plörre einer global agierenden Brauerei vorzuziehen. Und sei’s nur, weil es besser schmeckt. Weil die Etiketten so lustig aussehen. Oder weil man es sich leisten kann. Doch rettet man so die Menschheit?

Selbst wenn ich genug Geld hätte, um all das zu kaufen, was mein Viertel für mich bereithält, brauchte ich immer noch eine Waschmaschine, einen Kühlschrank, Druckerpatronen, Turnschuhe, Akkus und Kinderklamotten, die möglicherweise mit Liebe in Schweden entworfen, aber garantiert nicht dort gefertigt wurden. Auch das Telefon, ohne das ich kein ernst zu nehmendes Mitglied dieser Gesellschaft bin, stammt nachweislich nicht aus der europäischen Provinz, sondern aus den berüchtigten Selbstmörderhallen in Longshua, Shenzhen. Dass dort auch ziemlich viel Handarbeit geleistet wird, übersieht man gerne. Um Drecksarbeit lässt sich nicht gut Gewese machen.

Was die Propheten der handgemachten Nachhaltigkeit meistens unterschlagen: In den kleinen regionalen Manufakturen entstehen fast nur Luxusprodukte, ohne die man prima leben könnte. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, einen Unterschied zu markieren.

Die Vorstellung, dass die Zukunft in der Vergangenheit liegt, hat sich schon in den zehner Jahren als großer Irrtum erwiesen.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinen Studien nachgewiesen, wie viel Wert das Bürgertum auf seinen guten Geschmack legt, wie viel Energie Menschen aufwenden, um sich über kleine Zeichen, kulturelle Vorlieben und Konsumentscheidungen ihrer Zugehörigkeit zum Justemilieu zu versichern. Doch die alte Gleichung teuer gleich edel geht eben nicht mehr auf, seit sich herumgesprochen hat, dass die großen internationalen Labels in den gleichen Sweatshops produzieren wie die Klamottendiscounter. Wer etwas auf sich hält, kauft deshalb schöne Dinge, die ihm zusätzlich noch das wonnige Gefühl geben, auf der richtigen Seite zu stehen. Man könnte auch sagen: Regionale Handarbeit ist das Gucciprada für achtsame Konsumenten. Sie hüllen sich in die Aura des Wertvollen, Handgemachten, Heimatverbundenen wie in eine wärmende Decke, die ein bisschen nach Kindheit riecht und nach guter alter Zeit.

Aber ist die gute alte Zeit nicht ein Thema der Populisten?

Man wird schwer einen AfDler finden, der etwas dagegen hat, die zu belohnen, die es gut machen und fair in der Heimat produzieren. Auch die Identitären klopfen gerne allen auf die Schulter, die sich tapfer aus den globalen Verstrickungen heraushalten. Ihr Vordenker Götz Kubitschek, Chef des ultrarechten Antaios-Verlags, ist ein großer Freund der Handarbeit. Auf seinem anhaltinischen Rittergut macht er alles selbst: Er melkt seine Ziegen, backt sein Brot, erntet sein Gemüse. Kiwis aus Neuseeland? Avocados aus Israel? Niemals!

Den Neuen Rechten ist der Welthandel schon deshalb suspekt, weil sie alles und alle hassen, die nicht "von hier" sind. Sie wünschen sich die Welt genauso bullerbühaft, wie manches Innenstadtviertel längst ist: überschaubar, weiß und der regionalen Handwerkstradition eng verbunden.

Vertrauen in Algorithmen

Sollte der achtsame Konsument sich jetzt fragen, wie er aus dieser unguten Koalition wieder rauskommt, fällt die Antwort leicht. Wir müssen uns nur eingestehen, was der Kult ums handgemachte "made in Europe" schon immer war: eine Retromode, die irgendwann vorbeigeht. In Wahrheit hat doch kein Mensch je geglaubt, dass die Verhältnisse ins Lot kommen, wenn die Leute auf der Gewinnerseite der Globalisierung unterm handgestrickten Merinopullover ein handgewebtes Leibchen von der Schwäbischen Alb tragen. Es wollte auch niemand ernsthaft zurück nach Bullerbü. Die bourgeoise Boheme, von der hier die Rede ist, fröstelt’s ja schon, wenn sie an die fünfziger und sechziger Jahre denkt, an Einverdienerfamilien in Einfamilienhäusern, samstags Rasen mähen, sonntags Kaffeekränzchen. Aber die Kinder halten bitte den Mund.

Die Sehnsucht geht in eine andere Richtung. Auch der Handwerksaficionado kann nicht ohne seine Technik, auch er schenkt dem Internet und seinen Algorithmen mehr Vertrauen als jedem handgeschriebenen Beipackzettel. Auch Leute, die gerne alles richtig machen, haben nichts dagegen, wenn der Kühlschrank sich künftig allein um seine Befüllung kümmert und der Topf bei Knopfdruck ein fertiges Bio-Menü ausspuckt. Tief in unserem Herzen wissen alle, dass die Zukunft in der Automatisierung liegt.

Doch wenn wir von amerikanischen Forschern lesen, die herausgefunden haben, dass theoretisch schon 79 Prozent der manuellen Produktion von Robotern erledigt werden könnten, kriegen wir es mit der Angst zu tun. Denn was ist das für eine Welt, der die Handarbeit abhandenkommt? Wirklich eine schlechtere? Ich jedenfalls fände es entschieden besser, wenn meine Kinder später mal Maschinen programmierten, die die Handys zusammenlöten und Sweatshops überflüssig machen, anstatt irgendwo Schokolade zu rühren. Für den Fall, dass sie trotzdem lieber in einer Manufaktur anfangen, möchte ich ihnen eins mit auf den Weg geben: Die Vorstellung, dass die Zukunft in der Vergangenheit liegt, hat sich schon in den zehner Jahren als großer Irrtum erwiesen.