Was es mit der Political Correctness auf sich hat, erfuhren die deutschen Leserinnen und Leser vor einem Vierteljahrhundert aus der Süddeutschen Zeitung. Am 2. November 1991 erschien dort unter dem Titel Multi-kultureller Joghurt der wohl erste deutschsprachige Artikel zum Thema. Von entsetzlichen Vorgängen an amerikanischen Hochschulen war in dem flammenden Bericht die Rede. Radikale Studenten diffamierten liberale Professoren mit Rassismus-, Sexismus- und anderen Ismus-Vorwürfen. Die gesamte westliche Kultur sei dieser "PC-Brigade" zum Feindbild geworden. Ein neuer "Sprach-Terror" breite sich aus.

Spiegel und ZEIT folgten mit ähnlichen Artikeln. Plastisch schilderten auch sie, was passiert, wenn das gut Gemeinte in sein Gegenteil umschlage und im Namen von Minderheitenrechten eine Art stalinistisches Regime errichtet werde, das in "Schauprozessen" jede nicht genehme Äußerung unter Verdacht stelle.

25 Jahre später übt sich die liberale deutsche Öffentlichkeit in Selbstkritik. "Wir haben es übertrieben mit der politischen Korrektheit", beichten Journalisten von taz bis ZEIT und Politiker von grün bis schwarz. So habe man sich mitschuldig gemacht am Aufstieg der AfD, die ein Ventil biete für den Überdruck, der sich unter dem Deckel dogmatischer Sprechvorgaben angestaut habe.

Was, fragt man sich, ist nur geschehen in diesen 25 Jahren? Wie konnte sich das Correctness-Virus so rasend verbreiten, obwohl doch von Anfang an vor ihm gewarnt wurde?

Glaubt man Dieter E. Zimmer, in den siebziger Jahren Feuilletonchef dieser Zeitung, kamen die Warnungen schon damals zu spät. Die Ausbreitung des Korrektheitsdenkens habe begonnen, lange bevor man das Wort Political Correctness zum ersten Mal gehört habe. In seinem ausladenden Essay PC oder: Da hört die Gemütlichkeit auf vom 22. Oktober 1993 gesteht er zwar ein, dass es in Deutschland keine so rabiate neue Studentenbewegung gebe wie in den USA, vergleichbare Tendenzen aber seien schon seit geraumer Zeit überall zu spüren. Darf man, fragt Zimmer, hierzulande wirklich frei, ganz und gar frei seine Meinung sagen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Seine Antwort: Nein. Bei jedem Thema, sei es im Umgang mit dem Nationalsozialismus, bei der Frage, was männlich und was weiblich ist, oder in der Diskussion über die Ursachen für das Elend der "Dritten Welt", herrsche tugendterroristischer Anpassungsdruck, der jeden originellen Gedanken im Keim ersticke. Deutschland, lautet Zimmers Fazit, stehe unter der Knute selbst ernannter Tugendwächter. Die Hexenjagd sei längst eröffnet. Es habe bisher nur niemand auszusprechen gewagt.

Importiert wurde aus den USA also nicht die Idee der Korrektheit selbst, sondern ein Begriff, um sie zu kritisieren. Und dieser Kritikbegriff machte dann auch eine steile Karriere. Laut Pressedatenbank taucht er 1993 in den überregionalen Tageszeitungen und Wochen-Publikationen insgesamt 207-mal auf, 1994 sind es 410 Fundstellen, 1997 bereits 530, Tendenz steigend. Und fast durchgehend ist das Wortpaar negativ besetzt. Verwunderlich ist das kaum. Political Correctness – das klingt im mildesten Fall nach Spießertum, im weniger milden nach feiger Anpassung und im schlimmsten nach Tyrannei.

Wo man hinblickt, dient der Begriff seit Mitte der neunziger Jahre zur Distinktion und Selbstadelung. Vereinzelt sogar auf der Linken. So bespöttelten etwa Autoren der taz die Lichterketten gegen rechte Gewalt als "politisch korrekt". Zum Kampf gegen den Neonazi-Terror von Mölln bis Rostock-Lichtenhagen trügen sie wenig bei, umso mehr dafür zum Wohlbefinden der Lichterträger und zur Selbstinszenierung der Initiatoren.

In den Feuilletons entwickelte sich die Formel, dass ein Autor sein Thema "jenseits der Zwänge des politisch Korrekten" angehe, zum Standardlob für jeden, der sogenannte "unbequeme Wahrheiten" ausspricht. An Universitäten wie auf Betriebsfeiern können sich Redner sicher sein, dass ihnen ein Scherz, eingeleitet mit den Worten "Das ist jetzt natürlich politisch nicht korrekt", die Sympathien des Publikums sichert. Im Fernsehen lebt sogar ein ganzes Genre vom kalkulierten Verstoß gegen vermeintliche PC-Regeln: die neuen Comedy-Formate, die das klassische Kabarett verdrängten. Zur Galionsfigur der ironisch imprägnierten Äquidistanz zu allem und jedem avancierte der erste deutsche Late-Night-Talker Harald Schmidt, der nicht nur den Grimme-Preis erhielt, sondern 1998 auch den Medienpreis für Sprachkultur, vergeben von der Gesellschaft für deutsche Sprache. In der Begründung wurden Schmidts "respektlose Art" und seine "politische Widerborstigkeit" gelobt. "Weder sprachlich noch geistig" lasse er sich "von Political Correctness gängeln".

Ganz besonders herzlich willkommen war der Begriff den alten Konservativen und neuen Rechten. Bereits Mitte der neunziger Jahre konnte man bei der rechtsrandigen Wochenpostille Junge Freiheit Buttons mit dem an die Anti-Atom-Proteste angelehnten Spruch "Political Correctness – Nein Danke!" bestellen. Die angeblich vom Geist der Achtundsechziger dominierte politische Kultur der Republik, der gesamte Komplex aus "deutschem Selbsthass", "linker Gleichmacherei" und sonstigem "Gutmenschentum" – das alles ließ sich jetzt auf ein paar knallige Silben bringen.

Nichts als ein Taschenspielertrick

Zum Fanal wurde die Debatte um Martin Walsers Friedenspreisrede in der Paulskirche 1998, in der er "vor Kühnheit zitternd" die "Dauerpräsentation unserer Schande" beklagte. Diese Formulierung und sein Wort von der "Moralkeule Auschwitz" fanden umgehend den Weg ins Arsenal der PC-Feinde. Die Nennungen des Wortes Political Correctness in der überregionalen Presse erreichten in den folgenden Jahren ihr erstes Hoch: Zwischen 1998 und 2002 stieg ihre Zahl von 562 auf 853.

Dass das Wort von Anfang an so begierig aufgegriffen wurde, hat sicher damit zu tun, dass nach 1989/90 die Frage nach einer "nationalen Identität" neu auf den Tisch kam. Konservative und Rechte witterten die Chance, die von Helmut Kohl 1982 versprochene "geistig-moralische Wende" doch noch einzuleiten. Und dank der schicken neuen Vokabel ließ sich als mutiger Tabubruch verkaufen, was wenige Jahre zuvor noch abgestanden und muffig gewirkt hatte: das überkommene Vaterlands-Pathos, das Fünfziger-Jahre-Lamento über die Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus und das Sprechen über die vermeintlich tabuisierten Schicksale der Vertriebenen. Diese alten rechten Themen fanden rasch ihren Weg in die "neue Mitte": Von der "Berliner Republik" war bald allenthalben die Rede, vom "Erwachsenwerden der Nation", von deutscher "Normalität".

Der neoliberale Take-off jener Jahre dürfte den Anti-PC-Konsens ebenfalls mächtig befördert haben. In einem Klima des ökonomischen anything goes musste alles, was auch nur im Entferntesten nach politischen Grundsätzen klingt, unzeitgemäß wirken. Jetzt, wo das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) glücklich erreicht war, galt es, sich locker zu machen. Die deregulierten Märkte verlangten auch eine gewisse Deregulierung moralischer Normen. Korrekt hatten die Gewinne zu sein, politische Korrektheit hingegen, das hörte sich nach kleinem Karo an, ja irgendwie nach Planwirtschaft. Und hatte man die nicht gerade auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt?

Bizarr ist nur, dass sich kaum Anzeichen für eine real existierende Correctness finden. Aufrufe zur politischen Korrektheit oder auch nur eine positive Verwendung des Begriffs muss man mühsam suchen. Zu den Ausnahmen zählen vereinzelte Konferenzberichte, in denen Politikwissenschaftler wie Claus Leggewie oder der USA-Kenner Hans Ulrich Gumbrecht als Verteidiger der neuen Korrektheit auftreten.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Germanist Marc Fabian Erdl ist dem Phänomen bereits 2004 in seinem Buch Die Legende von der Politischen Korrektheit nachgegangen. Ergebnis: Die Musikzeitschrift Spex ist in den neunziger Jahren so ziemlich die einzige deutsche Publikation, die unter ihrem Chefredakteur Diedrich Diederichsen das politisch Korrekte für cool befunden hat. Die PC, daran gibt es keinen Zweifel, hatte in Deutschland von Anfang an viele Gegner und so gut wie keine Anhänger.

Anders als in den USA, möchte man meinen. Doch wie Erdls Recherchen zeigen, tritt politically correct auch dort überwiegend als "Stigmawort", als Kampfbegriff der Konservativen, als abwertende Bezeichnung auf. Selbst antirassistische und Genderstudies-affine Studentengruppen benutzten die Wendung oft nur ironisch gebrochen. Die Genese des Begriffs sei mithin kaum mehr nachzuvollziehen. Fest steht: Es gibt kein "Korrektes Manifest", es existiert kein Parteiprogramm der Political Correctness, keine Allgemeine Erklärung der Korrektheitsrechte unterdrückter Minoritäten, kein Urtext, an dem sich die Ideologie der PC studieren ließe.

Eine kritische, in Teilen radikale Studentenschaft hat es natürlich gegeben. Ihr Furor speiste sich aus der Enttäuschung über das blutige Ende der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und die Vertiefung der Schwarz-Weiß-Gegensätze infolge der Deindustrialisierung seit den siebziger Jahren. Zeitgleich verlangten auch andere Minderheiten Anerkennung – Nachfahren asiatischer Einwanderer und Latinos, die in den achtziger Jahren an die Universitäten strömten und ihre Geschichte in den Lehrinhalten repräsentiert sehen wollten. Gleiches gilt für Frauen aller Hautfarben und Herkünfte.

Selbst wenn man konzediert, dass es dabei zu Übertreibungen, Abstrusitäten und übler Nachrede gekommen ist, fällt auf, dass viele Artikel über das Phänomen die Hintergründe des Protests ausklammern und ihn zu einer bloßen Karikatur verzerren – zu einem Aufstand der Hyperkorrektheit, angeführt von entfesselten, unter dem Eindruck ihrer Derrida-Lektüre herrisch gewordenen Sklavenurenkeln. Geradezu übermächtig erscheinen die Aufbegehrenden, das akademische Establishment hingegen steht als ohnmächtiges Opfer da.

Hier zeigt sich, was der Begriff eigentlich ist: nichts als ein Taschenspielertrick. Er unterstellt Liberalen Dogmatismus, "entlarvt" emanzipatorische Anstrengungen als diktatorische Zwangsmaßnahmen, diffamiert Kritik an bestehenden Machtverhältnissen als Zensurforderung, erklärt marginalisierte Minderheiten zu Unterdrückern der Mehrheit und desavouiert das Korrekte als das wahrhaft Falsche.

Der Political-Correctness-Vorwurf ist eine Moralkeule besonderer Art. Wer ihn erhebt, steht automatisch auf der richtigen Seite: Er ist der wahre Liberale, der Warner vor totalitärem Unrecht, ein Tabubrecher wider die Zensur und das Beschweigen von Missständen, ein Vorkämpfer der Unterdrückten. Im Extremfall reklamiert er für sich die Würde des Opfers.

Ein etwas erweitertes Höflichkeitsgebot

Auf diese Weise konnten Konservative und Rechte nach 1989 das "Achtundsechziger-Deutschland" mit seinen eigenen Mitteln angreifen. Sie konnten im Stil eines emanzipatorischen Freiheitskampfes gegen die Emanzipation von Minderheiten und Frauen argumentieren und gegen ein kritisches Verhältnis zur Nation. Political-Correctness-Kritik von rechts hüllt Gegenaufklärung ins Gewand der Aufklärung.

Dass die Bundesrepublik sich seit den sechziger Jahren liberalisiert und auch nach 1989 weiter in Richtung einer offenen, pluralistischen Gesellschaft entwickelt hat, steht deshalb nicht infrage. Solche Fortschritte mit dem Etikett politisch korrekt zu versehen aber unterstellt, dass bereits übertrieben wurde, was erst in Ansätzen verwirklicht ist, es unterstellt, dass die Liberalisierung im Zuge ihrer "Machtergreifung" selbst illiberal geworden und die herrschende Mehrheit von gestern die unterjochte Minderheit von heute sei.

Zur Erinnerung: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Dieser Satz – Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3 – enthält im Wesentlichen, was die meisten PC-Kritiker ablehnen. Das Grundgesetz beweist deshalb aber nicht die Existenz einer wie auch immer gearteten Political Correctness. Es formuliert ein uneingelöstes Ideal.

Für die PC als eine Art moralischer Korrektschreibreform gibt es hierzulande ebenso wenige triftige Belege: Die genderneutrale Sprache etwa, ein Lieblingsthema aller Political-Correctness-Hasser, ist kaum irgendwo verwirklicht. Keine überregionale Tageszeitung hält sich an einen der vielen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelten Vorschläge. Erinnert sich noch jemand an das große Binnen-I? Es ruhe in Frieden. Und den Unterstrich zwischen Männlein und Weiblein, der einen Freiraum schaffen soll für die Transgender-Gemeinde, finden geneigte Leser_innen höchstens in Beilagen der taz.

Das Übermaß an Fundstellen in Presse, Buchpublikationen und Internetforen, in denen politically correct negativ verwendet wird, lässt daher nur einen Schluss zu: Wir reden nicht seit 25 Jahren über PC, weil es zu viel Korrektheit gibt. Der Eindruck, es gebe ein Regime der Political Correctness, rührt vielmehr daher, dass unablässig darüber gesprochen und geschrieben wird.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Nennungen in den überregionalen Zeitungen und Zeitschriften mit rund 1.000 auf einen Höchststand geklettert. Bereits 2004 ging die islamfeindliche Seite Politically Incorrect (PI-News) online, heute verzeichnet sie mehrere Zehntausend Besucher täglich. Die seit 25 Jahren vorgetragene These, man dürfe nicht sagen, was man denke, hat sich längst selbst dementiert: Allzu restriktiv kann eine Gesellschaft nicht sein, in der solche Kritik zum guten Ton gehört.

Was vom PC-Gespenst bleibt, ist ein etwas erweitertes Höflichkeitsgebot. Dass die Deutschen darunter zu leiden haben, dass sie Menschen mit dunklerer Hautfarbe nicht "Neger" und Chinesen nicht "Schlitzaugen" nennen sollten, ist jedoch kaum anzunehmen. In der Kritik von rechts steht daher auch nicht die eine oder andere Umgangsregel, sondern die offene Gesellschaft, die solche Regeln in gewissen Rahmen erfordert (und die es sonst jedem freistellt, statt der Pippi Langstrumpf-Neuausgabe mit dem Südseekönig die geliebte Negerkönig-Version zu lesen). Das Ziel rechter PC-Kritik war es stets, Gruppen, die sich in ihrem Kampf um Anerkennung auf die Grundrechte beziehen, zurück auf ihre vermeintlich angestammten Plätze zu verweisen: dahin, wo sie herkommen – an den Herd (Frauen), in ihre Heimatländer (Migranten und Flüchtlinge), ins Abseits (Schwule, Lesben und andere "Perverse").

Zu behaupten, ein Zuviel an emanzipativen Bestrebungen bringe notwendigerweise deren Gegenteil hervor, ist daher nicht nur grotesk (solcher Logik zufolge gäbe es Kriege nur, weil es die Pazifisten mit ihrem Pazifismus übertrieben), es ist auch gefährlich. Zwar ist nicht jede PC-Kritik automatisch rechts, das Spektrum reicht bis weit ins liberale Lager hinein, oft wird der Begriff in ganz unpolitischer Weise verwendet. Von Anfang an aber war die abwertende Rede von der Political Correctness das Trojanische Pferd, in dem die Rechte ihr Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft schmuggeln konnte.

Die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung ad fontes zu untersuchen ist eine Aufgabe für Historiker kommender Generationen. Schon jetzt spricht viel dafür, den umzankten Begriff ersatzlos zu streichen und stattdessen klar zu benennen, wogegen man antritt und wofür man streitet. Auf die Gefahr der Kritik hin, versteht sich. Eines nämlich gibt es in einer Demokratie nicht: ein Recht darauf, dass die eigene Meinung unwidersprochen bleibt.