Kurz bevor er seine Macht abgibt, reist der amerikanische Präsident Barack Obama an den Ort, an dem diese Art von Macht entstand – in die griechische Hauptstadt Athen. Dort, wo vor 2.500 Jahren die Volksherrschaft erfunden wurde, will er eine große Rede halten, eine, die nachwirken soll.

Obama betritt die Bühne eines Kulturzentrums, der Gang wie immer federnd. Er schaut nach rechts, lächelt nach links, winkt hinauf zu den Rängen, dann findet sein Blick den Teleprompter – und wird ernst.

Obama sagt, er sei nach Athen gekommen, weil hier eine Idee in die Welt kam – demokratia. Er benutzt das griechische Wort, verhaspelt sich, dennoch brandet Applaus auf. Obama zitiert Perikles, den großen Staatsmann der Antike, er sagt, die Athener hätten damals eine Flamme entzündet, eine Flamme, die nie erloschen sei, bis heute nicht.

Es ist noch nicht lange her, da löste es Gähnen aus, wenn ein Politiker über die Demokratie sprach. Das klang nach Weihnachtsfeier, nach Neujahrsgruß. Jetzt wirken Obamas Worte wie ein Appell: Die Flamme darf nicht ausgehen! Sie muss weiterbrennen!

Natürlich kommen einem, wenn man Obamas Rede hört, die Bilder in den Kopf, die nur wenige Tage vorher entstanden: Der scheidende Präsident, der seinen Nachfolger Donald Trump im Weißen Haus begrüßt. Einen Mann, der angekündigt hatte, er werde das Wahlergebnis nur akzeptieren, wenn er gewinne. Der gesagt hatte, Hillary Clinton säße längst im Gefängnis, wenn er schon Präsident wäre. Der gegen Muslime gehetzt hatte und gegen die Presse. Einen Antidemokraten, der dennoch demokratisch legitimiert wurde – ein Paradox, das viele als großen Schritt zur Selbstzerstörung der Demokratie sehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Es geht in der Welt in diesen Monaten um eine der ältesten Fragen der Menschheit: die nach der Herrschaft. Wer hat die Macht im Stamm, im Dorf, in der Stadt, im Land? Ist es ein König, ein Diktator, ein einzelner Mensch also, der qua Geburt oder qua Gewalt über andere herrscht? Oder ist es der Demos, das Volk, das aus seiner Mitte Vertreter bestimmt, die zeitlich begrenzt regieren?

Das 20. Jahrhundert schien diese ewige Frage beantwortet zu haben. Die Demokratie bezwang den Faschismus, sie riss die Berliner Mauer ein, die Zahl demokratisch verfasster Staaten auf der Welt wuchs und wuchs, von zwölf nach dem Zweiten Weltkrieg auf mittlerweile mehr als hundert.

Die Flamme loderte so hell wie nie zuvor.

Politikwissenschaftler haben eine Regel formuliert: Hat eine Demokratie zwei friedliche Regierungswechsel überstanden und haben ihre Bürger einen gewissen Wohlstand erreicht, dann ist dieser Staat stabil. Nie in der Geschichte ist eine solche Demokratie zerbrochen.

Aber vielleicht ist das nicht das Ende der Geschichte.