Kurz bevor er seine Macht abgibt, reist der amerikanische Präsident Barack Obama an den Ort, an dem diese Art von Macht entstand – in die griechische Hauptstadt Athen. Dort, wo vor 2.500 Jahren die Volksherrschaft erfunden wurde, will er eine große Rede halten, eine, die nachwirken soll.

Obama betritt die Bühne eines Kulturzentrums, der Gang wie immer federnd. Er schaut nach rechts, lächelt nach links, winkt hinauf zu den Rängen, dann findet sein Blick den Teleprompter – und wird ernst.

Obama sagt, er sei nach Athen gekommen, weil hier eine Idee in die Welt kam – demokratia. Er benutzt das griechische Wort, verhaspelt sich, dennoch brandet Applaus auf. Obama zitiert Perikles, den großen Staatsmann der Antike, er sagt, die Athener hätten damals eine Flamme entzündet, eine Flamme, die nie erloschen sei, bis heute nicht.

Es ist noch nicht lange her, da löste es Gähnen aus, wenn ein Politiker über die Demokratie sprach. Das klang nach Weihnachtsfeier, nach Neujahrsgruß. Jetzt wirken Obamas Worte wie ein Appell: Die Flamme darf nicht ausgehen! Sie muss weiterbrennen!

Natürlich kommen einem, wenn man Obamas Rede hört, die Bilder in den Kopf, die nur wenige Tage vorher entstanden: Der scheidende Präsident, der seinen Nachfolger Donald Trump im Weißen Haus begrüßt. Einen Mann, der angekündigt hatte, er werde das Wahlergebnis nur akzeptieren, wenn er gewinne. Der gesagt hatte, Hillary Clinton säße längst im Gefängnis, wenn er schon Präsident wäre. Der gegen Muslime gehetzt hatte und gegen die Presse. Einen Antidemokraten, der dennoch demokratisch legitimiert wurde – ein Paradox, das viele als großen Schritt zur Selbstzerstörung der Demokratie sehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Es geht in der Welt in diesen Monaten um eine der ältesten Fragen der Menschheit: die nach der Herrschaft. Wer hat die Macht im Stamm, im Dorf, in der Stadt, im Land? Ist es ein König, ein Diktator, ein einzelner Mensch also, der qua Geburt oder qua Gewalt über andere herrscht? Oder ist es der Demos, das Volk, das aus seiner Mitte Vertreter bestimmt, die zeitlich begrenzt regieren?

Das 20. Jahrhundert schien diese ewige Frage beantwortet zu haben. Die Demokratie bezwang den Faschismus, sie riss die Berliner Mauer ein, die Zahl demokratisch verfasster Staaten auf der Welt wuchs und wuchs, von zwölf nach dem Zweiten Weltkrieg auf mittlerweile mehr als hundert.

Die Flamme loderte so hell wie nie zuvor.

Politikwissenschaftler haben eine Regel formuliert: Hat eine Demokratie zwei friedliche Regierungswechsel überstanden und haben ihre Bürger einen gewissen Wohlstand erreicht, dann ist dieser Staat stabil. Nie in der Geschichte ist eine solche Demokratie zerbrochen.

Aber vielleicht ist das nicht das Ende der Geschichte.

Die "einfachen Leute"

Die Herrschaftsfrage ist wieder offen. In den USA zieht Trump in dieser Woche ins Weiße Haus ein, in Russland regiert Wladimir Putin, in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan, in Polen und Ungarn, zwei EU-Mitgliedsstaaten, schneidern sich rechtsnationale Regierungen Autokratien zurecht. Und in nahezu allen westlichen Industriestaaten attackieren Protestbewegungen die Säulen, auf denen ihre Gesellschaften gebaut sind, die Religionsfreiheit ("Einwanderungsstopp für Muslime!"), die Pressefreiheit ("Lügenpresse!"), die Parlamente ("Schwatzbuden!"), kurz: die liberale Demokratie, wie sie in den westlichen Verfassungen, auch der deutschen, festgeschrieben ist. Nach einer Befragung der Universität Leipzig wünschen sich 22 Prozent der Deutschen eine Einheitspartei, elf Prozent sogar einen Führer, der das Land mit starker Hand regiert.

In den Niederlanden könnte im März der Rechtspopulist Geert Wilders die Parlamentswahlen gewinnen. In Frankreich hat Marine Le Pen vom Front National ernsthafte Chancen, Präsidentin zu werden. Und in Deutschland wird die AfD im Herbst aller Wahrscheinlichkeit nach in den Bundestag einziehen.

Auf den Straßen und in den Internetforen herrscht Revolutionsstimmung. Und in der liberalen Elite ist regelrechte Panik ausgebrochen. Nicht nur in Universitäten, Redaktionen und Verlagen, sondern auch an Orten, an denen man dies kaum erwartet, zum Beispiel in einem Bürohaus im Hamburger Schanzenviertel, in dem an einem eisigen Wintersamstag auf einmal ein vielsagender Satz im Raum steht.

Am Eingang zu dem Gebäude hängt ein Schild: "Hier gilt die fdGo", die freiheitliche demokratische Grundordnung. Normalerweise treffen sich hier Gründer von Start-ups zu Besprechungen, suchen Webdesigner nach schönen Formen. Zwischendurch trinken sie Sojamilch. Politik spielt eher keine Rolle. Jedenfalls bisher.

Jetzt, an diesem Wintersamstag, diskutieren 80 Menschen voller Inbrunst darüber, was falsch läuft in der Demokratie. "Save Democracy Camp", so nennt sich die Veranstaltung. Das Ziel ist – laut Titel – die Rettung der Demokratie, aber schnell wird klar, worum es eigentlich geht: Missionierung.

Eine Gruppe denkt über Pro-Demokratie-Slogans für T-Shirts und Servietten nach. Eine andere überlegt, "Save Democracy"-Busse nach Ostdeutschland zu schicken, um die Menschen dort von der Demokratie zu überzeugen. Ein junger Mann schlägt vor, den Begriff des Blockwarts positiv zu besetzen. So ein moderner Aufpasser könnte dafür sorgen, dass rechte Schmierereien schnell überpinselt werden.

Und dann wirft jemand plötzlich diese Frage in die Runde: "Wie können wir verhindern, dass diese Leute wählen gehen?"

Diese Leute. Natürlich sind die Menschen, die in Amerika Trump an die Macht brachten, die in Großbritannien für den Brexit stimmten, in Frankreich den Front National wählen und in Deutschland die AfD, sehr unterschiedlich. Es gibt Professoren unter ihnen, Ärzte und Anwälte; in Frankreich ist der Front National längst im Bürgertum angekommen.

Die ursprüngliche, entscheidende Wählergruppe der Rechtspopulisten aber entstammt der Unterschicht, früher sprach man von den "einfachen Leuten". Sie wohnen nicht im Hamburger Schanzenviertel, sie wohnen auch nicht im New Yorker Stadtteil Brooklyn oder im Quartier Marais in Paris. Trotzdem glaubt man sie dort zu kennen. Man meint zu wissen, dass sie sich billig kleiden, billig ernähren und ihren Kindern billig klingende Vornamen geben.

In der modernen Welt gibt es viele Minderheiten, hin und wieder werden ihre Namen verändert. Aus "Negern" wurden "Schwarze" und "African Americans". Aus "Krüppeln" wurden "Menschen mit Behinderung" und "anders Begabte", aus "Eskimos" wurden "Inuit".

Aus den "einfachen Leuten" wurden "Asis", "Proleten" und "White Trash".

Ein Repräsentationsproblem

Viele Menschen, die heute Anhänger der Rechtspopulisten sind, haben sich schon vor Jahren von der Demokratie abgewandt. Der Anteil der Nichtwähler stieg und stieg. Die Demokratie hat es nur nicht so richtig gemerkt, jede Wahl hatte ja trotzdem einen Sieger. Einen Präsidenten, der seinen zahlreichen Unterstützern dankte. Einen Premierminister, der sich als Mann des Volkes fühlte. Eine Bundeskanzlerin, die sich in dem Glauben bestätigt sah, die Stimmung im Land zu erspüren.

Die Demokratie erschien derart selbstverständlich, dass die meisten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten nicht mehr über sie nachdachten, jedenfalls nicht grundsätzlich. In Wahrheit aber war die scheinbar so kräftige Flamme der Demokratie in den Arbeiter- und Plattenbauvierteln, den stillgelegten Fabriken und leeren Dörfern schon lange erloschen. Es war, als seien die Menschen weggezogen, in ein anderes Land. Jetzt sind sie wieder da. Und wählen Trump, den Front National, die AfD.

Eigentlich ist das gar nicht so überraschend.

Früher saßen im Deutschen Bundestag zahlreiche Abgeordnete, die bloß die Volksschule besucht hatten. Sie waren Werkzeugmacher, Handwerker, einfache Leute. Heute sind die meisten Abgeordneten studierte Juristen. Auch viele Politologen sind dabei, außerdem Lehrer, Ökonomen, Bankkaufleute, Ärzte. Es sind Akademiker, deren Eltern schon Akademiker waren.

Einer der wenigen Sozialforscher, die sich in den vergangenen Jahren nicht vom vermeintlich hellen Licht der Demokratie blenden ließen, ist der Brite Colin Crouch, Autor des Buchs Postdemokratie. Oberflächlich gesehen, so Crouchs Gedanke, wiesen die westlichen Industrienationen alle Kennzeichen funktionierender Demokratien auf: Wahlen, Parlamente, Regierungswechsel. In Wahrheit aber seien sie degeneriert. Die unteren Schichten spielten im politischen Alltag keine Rolle mehr. Die Parteien unterschieden sich immer weniger in ihren Positionen. Und die Regierungen könnten sich kaum noch durchsetzen gegen die globalisierten Finanzmärkte und internationalen Großkonzerne.

Crouchs Buch erschien 2004. Wenige Jahre später brach die Finanzkrise los, die Euro-Krise, und fast alle Parteien in fast allen westlichen Industrieländern waren sich einig: Die Banken müssen gerettet werden, notfalls mit Steuergeld.

Es waren dieselben Länder, in denen die Gewinne der Unternehmen seit Jahren stiegen und die Einkommen der Arbeiter sanken, in denen neue Jobs meist schlechte Jobs waren.

Ist es also tatsächlich eine Überraschung, dass die rechtspopulistischen Parteien in diesen Ländern zu neuen Arbeiterparteien werden konnten? Dass, zum Beispiel, an einem Wintertag in Deutschland ein Mann mit wildem Schnauzer in Leipzig eine riesige Deutschland-Fahne schwenkt, den Rednern des dortigen Pegida-Ablegers zujubelt und sagt: "Ich habe rechts gewählt und links gewählt. Es hat keinen Unterschied gemacht. Deswegen bin ich hier."

Die Grundprinzipien der Demokratie, die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit, der Parlamentarismus, sie sollen dazu dienen, das Gemeinwohl zu stärken. Wieso aber sollten Menschen die Pressefreiheit hochhalten, wenn sie das Gefühl haben, dass sich die Presse für ihre Meinung gar nicht interessiert?

Weshalb sollten Menschen die Religionsfreiheit befürworten, wenn sie den Eindruck haben, dass muslimischen Zuwanderern mehr Beachtung zukommt als ihnen?

Warum sollten sie den Parlamenten Respekt entgegenbringen, wenn es ihnen so vorkommt, als werde dort nicht über ihre Probleme geredet?

Man kann die Haltung dieser antisystemischen Bewegungen für selbstbezogen halten, sogar für primitiv. Aber Tatsache bleibt: Die westlichen Demokratien haben ein Repräsentationsproblem.

Beispiel Spätsommer 2015. In Deutschland sind die Grenzen für Flüchtlinge offen. Alle im Bundestag vertretenen Parteien begrüßen die Entscheidung der Kanzlerin, lediglich Politiker der CSU nörgeln bereits ein wenig herum.

Gleichzeitig stimmen in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, Deutschland könne eine so große Zahl an Flüchtlingen nicht verkraften. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung, sind das 25 Millionen Wahlberechtigte. 25 Millionen Menschen, die im Parlament keine Stimme haben.

Es geht hier nicht darum, wie man die Skepsis gegenüber Flüchtlingen beurteilt. Die Grenzen zu öffnen mag richtig gewesen sein, aus ethischen, moralischen, humanitären Gründen. Für die repräsentative Demokratie aber ist es gefährlich, wenn Millionen Menschen niemanden haben, der sie repräsentiert. Hätte es diese Vertreter im Parlament gegeben, hätten sie die Position der Flüchtlingsgegner in den demokratischen Prozess tragen können. Diese hätten dann keinen Grund gehabt, an der Demokratie zu zweifeln. Aber so war es nicht. In der wichtigsten Frage unserer Zeit fühlten sich Millionen Menschen politisch alleingelassen – also liefen sie Pegida zu und der AfD, deren politische Führer einen gruseln lassen, die aber Millionen Menschen das Gefühl geben, gehört zu werden.

In der Demokratie geht es nicht nur darum, ob eine Regierung die richtige Entscheidung trifft. Sie muss auch die Menschen überzeugen, dass die Entscheidung richtig war. Sonst kann sie noch so sehr recht haben, sie begeht trotzdem einen Fehler. Knapp anderthalb Jahre nach der Grenzöffnung ist Deutschland gespalten und das politische System in der wohl schwersten Krise in der Geschichte der Bundesrepublik.

Wahl durch Los

Drei Szenarios sind nun denkbar. Das erste ist das amerikanische. Demnach bleibt die Union bei der Politik Angela Merkels und treibt der AfD dadurch zusätzliche Wähler zu. Die AfD eilt von Erfolg zu Erfolg, bleibt so radikal, wie sie ist, und kommt schließlich an die Macht. Unmöglich? Das dachte man auch, bevor Trump Präsident wurde.

Im zweiten Szenario rückt die Union nach rechts (Grenzen dicht, mehr Geld für die bisher Ungehörten) und macht der AfD die Wähler abspenstig. Darum geht es im Streit zwischen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Die AfD würde verschwinden oder schrumpfen.

Das dritte Szenario ist das "grüne". Die Rechtspopulisten bleiben erfolgreich, verlieren aber an Radikalität. So wie die Grünen nach ihrer Gründung in den achtziger Jahren. Die AfD wird schließlich Teil des jetzt noch von ihr gehassten Mainstreams. Womöglich wird sie mit der Union koalieren.

Beim zweiten und dritten Szenario würde das linksliberale Denken in Deutschland zurückgedrängt, aber die Demokratie würde sich wieder stabilisieren. Die Frage ist nur: für wie lange?

Denn das Repräsentationsproblem, das in Wahrheit ein Klassenproblem ist, auch in Frankreich, in den USA, in Großbritannien, es würde ja bleiben. Ein neues Streitthema, ein neuer politischer Großkonflikt könnte dazu führen, dass weite Teile des Volkes wieder an der Demokratie zu zweifeln beginnen.

David Van Reybrouck glaubt, diese Zweifel beseitigen zu können. Er ist ein schlanker Mann mit ergrauendem Haar, ein studierter Historiker und Archäologe, der acht Sprachen spricht. Van Reybrouck, 45, ist viel in der Welt unterwegs, er hat einen Bestseller über die Geschichte des Kongo geschrieben, sein Heimatland ist Belgien, und das ist einer der Gründe, weshalb sich Van Reybrouck so ausführlich mit dem Thema Demokratie beschäftigt hat.

Es ist nicht lange her, da war Belgien 540 Tage lang ohne Regierung. Die beiden stärksten Parteien, die flämischsprachigen Nationalisten und die französischsprachigen Sozialisten, konnten sich auf keine Koalition einigen. Während sich der Rest Europas über dieses seltsame Land amüsierte, sah Van Reybrouck in der belgischen Krise mehr als eine Kuriosität. Er fing an, sich mit Demokratiegeschichte zu befassen, las Aristoteles, Platon, Montesquieu, Madison – und stellte fest, dass eine zentrale Erkenntnis der alten Denker es nicht in die Moderne geschafft hatte, sie war verdrängt und vergessen worden. Van Reybrouck wundert sich darüber, dass Barack Obama dies mit keinem Wort erwähnte, als er in Athen davon schwärmte, wie die Griechen die Flamme der Demokratie entzündeten.

Das System damals funktionierte nämlich ganz anders als jenes, das 2.500 Jahre später den Präsidenten Obama hervorbringen sollte, und damit ist nicht gemeint, dass es in Athen kein Fernsehen gab oder dass Frauen vom politischen Prozess ausgeschlossen waren. Der entscheidende Unterschied ist: Die Mitglieder der Athener Regierung, des sogenannten Rats der 500, wurden nicht gewählt.

Sie wurden ausgelost.

Was heute auf den ersten Blick verrückt anmutet, erschien damals als einzig sinnvolle Lösung. Die Amtszeiten waren begrenzt. Die meisten Athener Bürger hatten irgendwann in ihrem Leben ein politisches Amt inne. Dadurch verschwand der Unterschied zwischen Bürgern und Politikern, Regierten und Regierenden, zwischen Oben und Unten, das Volk herrschte über sich selbst, das ganze Volk. Es gab kein Repräsentationsproblem. Es gab keine Wahlkämpfe, keine uneingelösten Versprechen. Das Los machte alle gleich.

Eine Kaste von Berufspolitikern, wie sie in der Gegenwart existiert, wäre den Athenern so absurd vorgekommen wie den Menschen heute das Losverfahren. In der Politik sollte es damals um die Sache gehen, nicht um Karriere und Durchsetzungsvermögen. Nur ganz wenige Posten, etwa im Bereich des Militärs oder der Finanzen, wurden durch Wahlen besetzt. In allen anderen Bereichen sollte das Volk das Sagen haben, normale Leute, und das Los galt als das zuverlässigste Verfahren, um sie zu bestimmen.

Aristoteles schrieb im 4. Jahrhundert vor Christus: "So gilt es, will ich sagen, für demokratisch, dass die Besetzung der Ämter durch das Los geschieht, und für oligarchisch, dass sie durch Wahl erfolgt."

Über Jahrhunderte war Aristoteles’ Regel ein Grundsatz der politischen Philosophie. Demokratie bedeutete: Losverfahren. So war es in der Antike, so war es in den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, in Venedig und Florenz. Noch Mitte des 18. Jahrhunderts wiederholte Montesquieu fast wortgleich die Gedanken von Aristoteles: "Wahl durch Los entspricht der Natur der Demokratie, Wahl durch Abstimmung der Natur der Aristokratie."

Wenige Jahre später, 1762, schrieb Jean-Jacques Rousseau in seinem berühmten Werk Vom Gesellschaftsvertrag: "In jeder wahren Demokratie ist ein Amt kein Vorteil, sondern eine drückende Last, die man gerechterweise nicht dem einen mehr als dem anderen auferlegen darf. Das Gesetz allein darf sie dem auferlegen, auf den das Los fällt."

Nur das Losverfahren ist demokratisch, das war lange unumstritten. Dann geschah etwas Erstaunliches. In Amerika und Frankreich brach das Volk die Herrschaft von Krone und Absolutismus, die Revolutionäre forderten Demokratie. Ihre Anführer jedoch, die Oberrevolutionäre, waren skeptisch. Kann das Volk sich wirklich selbst regieren? Muss man nicht verhindern, dass der "Pöbel" an die Macht kommt? Ist die Herrschaft nicht besser aufgehoben in den Händen einiger weniger? Am besten in den eigenen?

Eine Wahl-Aristokratie

Der reiche Rechtsanwalt John Adams schrieb 1776, im Unabhängigkeitsjahr der Vereinigten Staaten von Amerika: "Es ist notwendig, die Macht von den vielen auf wenige der Klügsten und Guten zu übertragen."

Der Rechtsanwalt Thomas Jefferson, Sohn eines wohlhabenden Plantagenbesitzers, formulierte einige Jahre später: "Es gibt eine natürliche Aristokratie unter Menschen, die auf Tugend und Talent beruht. Ist nicht die beste Regierungsform diejenige, die am effektivsten die Auswahl dieser natürlichen Aristokraten für politische Ämter gewährleistet?"

Und der Philosoph und Philologe James Madison, Sohn eines reichen Tabakfarmers, äußerte sich so: "Wer kommt als Objekt einer Wahl durch das Volk in Betracht? Jeder Bürger, dessen Verdienste ihn der Achtung und dem Vertrauen seines Landes empfehlen. Da sie dadurch ausgezeichnet werden, dass ihre Mitbürger sie anderen vorziehen, ist anzunehmen, dass sie sich im Allgemeinen auch durch jene Qualitäten auszeichnen, die diese Bevorzugung rechtfertigen."

Adams, Jefferson und Madison hatten genau das richtige Verfahren identifiziert, um eine Volksherrschaft einzuführen, in der ein sehr kleiner Teil des Volkes herrscht: Wahlen. Für wen würden sich die amerikanischen Bürger entscheiden, wenn nicht für die Sachkundigsten, Klügsten, Wohlhabendsten?

John Adams wurde Vizepräsident unter George Washington und 1797 selbst Präsident.

Thomas Jefferson folgte ihm 1801 nach.

Dann James Madison, 1809.

Der sechste Präsident hieß dann wieder Adams, es war John Adams’ Sohn John Quincy. Die Adams’ waren die erste amerikanische Politik-Dynastie, der Jahrzehnte später die Kennedys folgten, die Bushs, die Clintons.

Auch in Frankreich kaperte das gehobene Bürgertum die Revolution. Der Priester und Schriftsteller Emmanuel Joseph Sieyès, der mit seinem Essay Was ist der Dritte Stand? mithalf, das Volk zum Sturm auf die Bastille anzustacheln, sagte keine zwei Monate später: "Die Bürger bestimmen Repräsentanten und geben selbst das Recht ab, Gesetze zu machen. Sonst wäre Frankreich eine Demokratie. Das Volk darf in einem Land, das keine Demokratie ist (und Frankreich dürfte schwerlich eine sein), nicht mitsprechen und nicht handeln, es sei denn durch seine Repräsentanten."

Aus historischer Entfernung betrachtet, muss man feststellen: Was damals wie heute Revolution genannt wird, bestand vor allem darin, dass eine Wahl-Aristokratie eine Erb-Aristokratie ersetzte. Die alte Elite verlor die Macht an eine neue Elite. Dem Volk wurde das als Volksherrschaft verkauft. Damit gelang einer der größten PR-Coups der Geschichte: die Umetikettierung eines Begriffs, der über mehr als 2.000 Jahre hinweg mit dem Los verbunden war.

Wie Barack Obama es sagte, die Flamme der Demokratie hörte nicht auf zu brennen. Aber, was kaum jemand zu merken schien, sie blieb in den Händen weniger.

Die Wahl-Aristokratien erwiesen sich als langlebig und außerordentlich stabil – auch weil sie sich tatsächlich schrittweise demokratisierten: Das Wahlrecht wurde ausgeweitet, bald durfte fast jeder wählen. Arbeiterparteien entstanden und kämpften dafür, dass auch mal ein Arbeiter in ein politisches Spitzenamt aufrückte. Einige Länder führten das Instrument der Volksinitiativen ein oder befragten ihre Bürger in Referenden. In Deutschland zog 1983 eine Partei in den Bundestag ein, die keine karrieristischen Berufspolitiker in ihren Reihen dulden wollte. Bei ihr galt das Rotationsprinzip: Nach zwei Jahren musste ein Abgeordneter das Parlament wieder verlassen und wurde von einem neuen Kurzzeitpolitiker ersetzt. So sollte die Distanz zwischen Volk und Volksvertretern schrumpfen. Die Partei trug den Namen "Die Grünen".

Hubert Kleinert gehörte zu ihrer ersten Bundestagsfraktion. Heute ist er 62 Jahre alt, aus der Politik ist er schon lange raus, er ist jetzt Professor an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Gießen. Kleinert sagt, das Rotationsprinzip habe nicht funktioniert. Er nennt dafür mehrere Gründe, der vielleicht wichtigste: "Die Abgeordneten wollten nicht aufhören." Sie fühlten sich gut in ihrer Rolle als Politiker, sie fanden Gefallen an der Macht.

1986 verlängerten die Grünen das Rotationsprinzip auf vier Jahre, 1991 schafften sie es ab. Die Politik, sie blieb etwas für Profis, nicht nur in Deutschland. Statt weniger Ämter mit häufig wechselnden Amtsträgern gibt es heute wenige Amtsträger mit häufig wechselnden Ämtern.

David Van Reybrouck, der Forscher, der über sein Erstaunen angesichts der belgischen Regierungskrise anfing, sich mit der Geschichte der Demokratie zu beschäftigen, sitzt in einer Altbauwohnung in Berlin. Er wohnt zurzeit in Deutschland, er hat hier ein Forschungsstipendium. Van Reybrouck hat aus seinen Gedanken zur Demokratiegeschichte ein Buch gemacht. Kürzlich ist es auf Deutsch erschienen, es heißt Gegen Wahlen. Denn das ist Van Reybroucks These: Um die Probleme der Demokratie zu lösen, muss man zurück zum Ursprung, das Neue im Alten finden. Man muss wieder losen.

So wie in Irland.

Können die das?

Die Zukunft der Demokratie – womöglich kann man sie an einem regnerischen Januarwochenende im Grand Hotel im irischen Küstenstädtchen Malahide beobachten, 20 Kilometer nördlich von Dublin. Der große Konferenzsaal, auf der Bühne Pappaufsteller in unterschiedlichen Grüntönen, es geht schließlich um Irland. 99 Bürger sind angereist aus allen Winkeln des Landes, Alte, Junge, Frauen, Männer, Berufstätige, Arbeitslose. 99 Menschen, per Los ausgewählt unter einer Vorgabe: Sie sollen ein Abbild der Gesellschaft darstellen, ein Irland en miniature.

Das irische Parlament hat ihnen aufgetragen, eine Frage zu beantworten: Soll Irland Abtreibungen legalisieren? Der Streit um dieses Thema spaltet das katholische Land. Die irische Verfassung verbietet es, eine Schwangerschaft abzubrechen. Frauen müssen sogar das Kind ihres Vergewaltigers gebären – oder ins Ausland reisen, um es abtreiben zu lassen.

Die irische Regierung wusste, sie musste etwas tun, die gesellschaftliche Realität hatte die Gesetzeslage überholt. Aber sie wusste auch: Unter vielen Katholiken im Land würde es heftigen Widerstand geben.

Also beriefen die Politiker im Oktober 2016 eine Bürgerversammlung ein: 99 Iren, ganz normale Menschen, darunter einige, die von den selbst ernannten Demokratierettern im Hamburger Schanzenviertel bestenfalls misstrauisch beäugt würden. Ein Jahr lang werden sie tagen, ein Wochenende im Monat. Sie sprechen mit Experten, Medizinern, Ethikern, Juristen, Frauen, die abgetrieben haben, Frauen, die nicht abgetrieben haben. Noch bis April werden sie über das Thema debattieren. Danach über den Klimawandel, eine Wahlreform, die Überalterung Irlands. Anschließend schicken sie Empfehlungen an das Parlament.

Samstagmorgen, auf der Bühne steht ein Arzt aus Dublin und spricht über das Down-Syndrom, über Totgeburten und Ausschabungen. Im Saal sitzt das Volk. Ein dicker Mann mit knallgrünem Shirt, die Arme verschränkt. Ein eleganter Herr im Streifenhemd. Eine vom Alter gebeugte Frau. Eine junge Schwangere mit schulterlangen schwarzen Haaren. Menschen, wie man sie jeden Tag auf der Straße sieht.

Während der Arzt spricht, herrscht andächtige Ernsthaftigkeit. Konzentrierte Gesichter, manchmal das Kratzen eines Kugelschreibers auf Papier. Da spüren Menschen Verantwortung und wollen ihr gerecht werden.

Nach dem Vortrag fangen die Bürger an zu debattieren, in Gruppen von sieben bis acht Leuten, Tisch an Tisch. Sie sollen auf ihr Gewissen hören, sie sollen sich eine Meinung bilden, die dann für das ganze Land gilt.

Können die das? Ist so eine wichtige Entscheidung nicht besser bei Fachkundigen aufgehoben? Wenn man die Bürger zwei Tage lang dabei beobachtet, wie sie Vorträge hören, diskutieren, Fragen stellen, kann man nicht anders, als Vertrauen in diesen Prozess zu schöpfen. Die Fragen sind klug, die Tischmeinungen, nach jeder Debatte vorgetragen von den Moderatoren, differenziert. Es zeichnet sich eine Mehrheit für die Legalisierung der Abtreibung ab. Am Ende wird die Versammlung dem Parlament wahrscheinlich eine Verfassungsänderung vorschlagen.

Man bekommt eine Ahnung von der Kraft dieses demokratischen Prozesses, wenn man vom Grand Hotel in Malahide drei Stunden nach Süden fährt. In einem Städtchen namens Macroom, gelegen zwischen irisch grünen Hügeln, lebt Finbarr O’Brien, ein stämmiger Mann von 61 Jahren, dem ein Schneidezahn fehlt. O’Brien fuhr 30 Jahre lang Lastwagen, dann Gabelstapler, seit elf Jahren ist er Briefträger. Schulbildung hat er kaum. 2012 beschloss die irische Regierung, regelmäßig Bürgerversammlungen einzuberufen, die über wichtige politische Fragen beraten sollten. O’Brien wurde zufällig ausgewählt, an der ersten Versammlung teilzunehmen. Er hätte ablehnen können, aber er war einverstanden.

Die Themen damals: Soll die Amtszeit des Präsidenten verlängert werden? Wie kann man den Frauenanteil in der Politik erhöhen? Und vor allem: Soll Irland die Homo-Ehe einführen?

Finbarr O’Brien war kein politischer Mensch, die Nachrichten verfolgte er kaum, für Politiker mit ihren ewig gebrochenen Wahlversprechen empfand er Abscheu. Aber O’Brien brachte noch etwas mit zur Versammlung: eine Lebensgeschichte, die das Thema Homo-Ehe für ihn zu etwas sehr Persönlichem machte.

Als Kind war O’Brien mehrmals missbraucht worden, von einem Mann, zum ersten Mal im Alter von neun Jahren. In sein Kinderhirn brannte sich die Vorstellung ein: Schwule sind Vergewaltiger. Diese Überzeugung wurde lange nicht korrigiert, weil O’Brien auch als Erwachsener selten über den Missbrauch sprach. Und mit Schwulen hatte er nie zu tun.

Bis er an einem Tisch der Bürgerversammlung saß und sich ein junger Mann neben ihn setzte, auf den ebenfalls das Los gefallen war. O’Brien schaute auf. Ohrring. Nasenring. Jeder Fingernagel eine andere Farbe. "Der Typ war offensichtlich schwul. Ich dachte: Ich kann das nicht", erinnert sich O’Brien.

Er überwand sich, schüttelte dem Mann die Hand, sie redeten, mussten sie ja, über die Homo-Ehe. O’Brien fand ihn nett.

Auf der Bühne erzählten an jenem Tag zwei Geschwister von ihren Eltern, zwei liebevollen Vätern. O’Brien fühlte mit ihnen. Er spürte, wie sich seine Meinung änderte. Seine Therapeutin hatte ihm gesagt, Schwule seien normale Menschen, jetzt füllte sich dieser Satz mit Leben. Die beiden Geschwister. Der Mann mit den bunten Fingernägeln. Der unerträgliche Bischof, der in der Versammlung über die einzig wahre Ehe, Mann, Frau, Gott schwadronierte, wo doch jeder weiß, was die Priester mit den Jungs ...

Die Bürgerversammlung

O’Brien stimmte am Ende für die Homo-Ehe, so wie 78 andere. Unter Befürwortern wie Gegnern fanden sich Männer und Frauen, die ihre Meinung im Lauf des Verfahrens geändert hatten.

Die Regierung veranlasste im Mai 2015 ein Referendum und gab den Iren die Empfehlung der Bürgerversammlung an die Hand, die Homo-Ehe zuzulassen. 62 Prozent stimmten zu, die Verfassung wurde geändert. Der ehemalige Schwulenhasser Finbarr O’Brien ist mit seinem Tischnachbarn bis heute befreundet.

Zwei Jahre zuvor hatte auch Frankreich, ebenfalls ein katholisches Land, die Homo-Ehe legalisiert. Ohne Bürgerbeteiligung. Hunderttausende gingen auf die Straße, es waren die größten Proteste, die die Französische Republik seit Jahren gesehen hat.

Noch etwas hat die irische Bürgerversammlung bewirkt: Ihre Mitglieder haben Respekt für die Arbeit der Politiker gewonnen. Eine Frau, die ähnlich wie O’Brien Politiker verachtet hatte, ist heute gewähltes Mitglied ihres Kreistages. Und O’Brien sagt: "Bei der Bürgerversammlung mitzumachen gehört zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Ich fand es schade, dass ich bei der zweiten nicht wieder dabei sein durfte."

Aber das ist Teil der Idee – es geht darum, frische, unverstellte Meinungen zu bekommen. Gerade keine Experten, keine Berufspolitiker. Genau wie damals in Athen.

David Van Reybrouck sagt: "Am Anfang fragen die Bedenkenträger immer: Wie könnt ihr ahnungslose Leute solche Entscheidungen treffen lassen? Man muss sich nur die Protokolle durchlesen, um zu verstehen, wie unbegründet diese Angst ist. Ja, am Anfang sind die Menschen oft ahnungslos, aber sie lernen, darum geht es ja, und am Ende treffen sie informierte Entscheidungen."

Das ist der Unterschied zum Referendum. Auch dort wird die Meinung der Bürger erfragt, sogar aller Bürger, ohne dass man wüsste, ob diese wirklich über das Thema nachgedacht haben. Ihre Wahl wird oft bestimmt vom Bauchgefühl, manchmal von Wut, wie bei der Brexit-Abstimmung.

Bei einem Referendum äußern sich viele Menschen ohne Ahnung. Bei einer Bürgerversammlung wenige Menschen mit viel Ahnung. Wie im Parlament, nur dass die Versammlung tatsächlich repräsentativ ist.

Damals in Athen wurden nicht nur die Mitglieder der Regierung per Los bestimmt, sondern auch die der Volksgerichte. Interessanterweise hat diese Regelung die Jahrtausende überdauert. Noch heute werden in vielen Ländern per Zufall Bürger ausgewählt, um als Geschworene oder Schöffen Recht zu sprechen. Und niemand fragt: Können die das?

Warum also nicht eine deutsche Bürgerversammlung einberufen? Eintausend Menschen, Junge und Alte, Sachsen und Westfalen, Hipster und Wutbürger, ein Spiegel der Gesellschaft. Ein großer Saal in Berlin, oder nein: irgendwo auf dem Land. Ein Thema, sagen wir: die Flüchtlingskrise. Genug Zeit, um viele Experten zu hören und ausführlich zu debattieren. Und der Auftrag: Wie soll die deutsche Flüchtlingspolitik der Zukunft aussehen?

Ja, warum eigentlich nicht?