Die Geschichte ist zu gut, um es nicht ins Vermischte zu schaffen. Ein halbes Jahrhundert nach ihrer Priesterweihe fordern elf Geistliche des Erzbistums Köln in einem offenen Brief die Abschaffung des Zölibats. In der Meldung, die in der vergangenen Woche deutschlandweite Beachtung fand, ist alles drin, was die säkulare Öffentlichkeit an Kirche heute interessiert: die Reformunfähigkeit der Institution, die aus der Zeit gefallene Sexualmoral, der Aufstand der Anständigen, mit dem man sich so leicht solidarisieren kann, weil er einen selbst so wenig kostet. Hinzu kommt ein Schuss Tragik.

Als "alternde Ehelose", heißt es im Brief der elf, "bekommen wir die Erfahrung der Einsamkeit jetzt nach 50 Dienstjahren manchmal deutlich zu spüren". Da hat jeder Mitleid, der einen Opa in der Familie hat, dem die Lebenspartnerin weggestorben ist. Da kaschiert die kämpferische Geste ganz offensichtlich eine große menschliche Tragödie. Und genauso ist es auch, nur dass die Tragödie größer und umfassender ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Wer mit den elf spricht oder wie Christ&Welt mit vier von ihnen, mit Franz Decker, Willi Hoffsümmer, Wolfgang Bretschneider und Winfried Jansen, der merkt schnell: Die Verfasser des Briefs leiden weniger am Zölibat als an etwas anderem. Eine Priestergeneration zieht hier Bilanz. Sie hat ihre Kirche für immer verändert und ist doch gescheitert auf ganzer Linie.

Mitte der Sechziger beginnt der Marsch dieser Generation durch die Institution Kirche. In jenen Jahren stellen Deutschlands Studenten alles infrage, ihre Professoren, ihre Väter, ihre Politiker, ja, die Autorität an sich.

Jansen: "Wir waren jung und dynamisch."

Decker: "Wir wollten die Welt verändern."

Hoffsümmer: "Wir hatten das Temperament der 68er."

Bretschneider: "Wir waren die Kinder eines neuen Frühlings."

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Nur dass das Vorbild dieser Frühlingskinder nicht Rudi Dutschke heißt, sondern Johannes XXIII. "Ein wenig frische Luft" will der im Zweiten Vatikanischen Konzil in seine Kirche bringen. Die ist bis dahin vollauf damit beschäftigt, das Eigene und Heilige gegen eine als feindlich identifizierte Moderne zu verteidigen. In der Kirche, die die Frühlingskinder zu revolutionieren gedenken, bedeutet der Einzelne nichts und die Institution alles. Der Ritus ist auf Latein, weil das seit Jahrhunderten so ist. Wer die Kommunion will, muss vor Mutter Kirche auf die Knie gehen und zulassen, dass der Priester einem den Leib Gottes auf die Zunge legt. Doch dann ist plötzlich alles anders. Papst Johannes XXIII. fordert von seinen Priestern, rauszugehen in die Welt. Er predigt Barmherzigkeit statt Unterwerfung und feiert Weihnachten im Gefängnis mit den Sündern statt mit Sekretären und Speichelleckern im Apostolischen Palast. Johannes XXIII. steht für das Neue, Mögliche, Aufregende. Er ist leise. Er befiehlt nicht. Die Elf folgen ihm auch so.

Jansen: "Der Mensch stand für ihn im Zentrum, nicht die Liturgie."

Decker: "Dank ihm wussten wir: Es gibt keinen Grund, die Freiheit zu fürchten."

Bretschneider: "Die Gemeinde war seine Kirche. Und unsere."

Hoffsümmer: "Er hat mich gelehrt: Wer das Heilige sehen will, muss aus dem Fenster schauen."

Doch dann bekommen die elf im Priesterseminar die Macht eines Apparats zu spüren, der Frischluftzufuhr mit Kontamination verwechselt. Auf Schritt und Tritt werden die elf von ihren Ausbildern kontrolliert, dürfen nicht lesen, was sie wollen, dürfen nicht tanzen, nicht ins Ballett, müssen spätestens um 19 Uhr zu Hause sein.

Hoffsümmer: "Ich erinnere mich nicht gerne daran."

Bretschneider: "Einige haben es nicht ausgehalten und sind abgesprungen."

Jansen: "Im Priesterseminar begegnete uns wieder eine recht eng gefasste Kirche – und das stand in manchen Spannungen zu dem, was uns durch das Konzil wichtig geworden war."

Decker: "Am Fuße des Leuchtturms ist es immer am dunkelsten."

Der Druck, die Kontrolle, das Seminar schweißen die elf zusammen. Am Anfang sind sie sich fremd. Am Ende sind sie Freunde. Im Kölner Dom weiht Kardinal Frings die Freunde am 27. Januar 1967 zu Priestern. Sie wissen, worauf sie sich einlassen. Sie liegen Frings zu Füßen. Unterworfen sind sie nicht.

Jansen: "Priester zu sein war mein Lebenstraum. Das Zölibat war für das Priestersein eine nicht zu umgehende notwendige Bedingung."

Hoffsümmer: "Heute höre ich oft, der Zölibat sei ein Gottesgeschenk. Aber warum fühle ich mich dann nicht beschenkt?"

Decker: "Natürlich hat er seine guten Seiten. Man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Priester ist kein Beruf wie jeder andere. Gerade deshalb muss er freigestellt werden."

Bretschneider: "Familien stellen Ansprüche. Als verheirateter Priester müsste ich mich jeden Tag entscheiden, wem ich mich widme. Ich würde zerrissen."

Jansen: "Ich könnte gut auf den Zölibat verzichten."

Bretschneider: "Ich würde mich heute wieder für ihn entscheiden."