Weiße Plastikstühle auf dem Krankenhausflur, ein Holzkreuz an der Wand: Daran erinnert sich Maja Lambrecht, wenn sie an die letzten Tage ihres Vaters denkt. Sie weiß auch noch sehr genau, wie unwirklich ihr der knallblaue Himmel vorkam, als sie ein paar Stunden nach seinem Tod vor die Tür trat.

Ihr Vater, ein ehemaliger Bauingenieur, hatte bereits zwei Infarkte überstanden, als er wegen Herzversagens in die Klinik kam. Dort lag er nach einer Operation mehrere Tage im Koma. Mit Infusionskanüle im Arm und Beatmungsmaske auf dem Gesicht ruhte er in einem Zimmer, das Frau und Kinder nur abwechselnd betreten durften.

Woran sich Maja Lambrecht überhaupt nicht erinnert: an Abrechnungen ihrer privaten Krankenversicherung. Dabei würden sie weiterhelfen bei ein paar Fragen, die Lambrecht im Nachhinein immer wieder beschäftigen. Warum eigentlich war ihr Vater noch tagelang auf der Intensivstation, als die Ärzte schon alle Hoffnung aufgegeben hatten? War er ein besonders lukrativer Patient, wollte das Krankenhaus teure Geräte auslasten?

Besonders lukrativ: Patienten, die sich nicht mehr bewegen und an Geräten hängen

Meistens schafft es Lambrecht, die eigentlich anders heißt, sich solche Gedanken zu verbieten. Sie bringen ja nichts mehr. Außerdem schämt sie sich gegenüber den Ärzten, die einen engagierten Eindruck gemacht hatten. Aber Zweifel bleiben.

Lange trieb Angehörige eine ganz andere Sorge um, wenn sehr alte oder todkranke Menschen ins Krankenhaus oder Pflegeheim mussten. Sie fürchteten, dort könne zu sehr gespart werden, nach dem Motto: Der Aufwand lohnt sich doch eh nicht mehr. Als der Bundestag vor gut einem Jahr über eine Reform der Sterbehilfe debattierte, wetterten Politiker und Kirchenvertreter gegen eine "Ökonomisierung des Sterbens". Gemeint war, dass medizinische Behandlungen im allerletzten Lebensabschnitt rationiert werden könnten. Nicht offiziell, sondern schleichend und stillschweigend. Die meisten Sterbenden leiden schließlich leise.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Nun macht sich jedoch ein ganz anderes Unbehagen breit: die Vermutung, dass kurz vor dem Tod nicht zu wenig, sondern zu viel von den Ärzten unternommen wird. Es spricht sich herum, dass nicht nur diejenigen Geschäfte machen, die Leben verkürzen, sondern vor allem diejenigen, die es um jeden Preis verlängern.

Die medizinische Überversorgung von Menschen am Lebensende ist ein Milliardenmarkt – und Routine in deutschen Kliniken und Altenheimen. Jeden Tag bekommen viele Krebspatienten extrem teure Präparate, die ihnen nicht helfen. Ärzte führen Operationen durch, die das Siechtum nur verlängern. Todkranke werden bestrahlt, beatmet oder künstlich ernährt, ohne dass sich dadurch ihre Lebensqualität verbessert.

In Krankenhäusern sorgt steigender Kostendruck dafür, dass Ärzte und Klinikmanager verzweifelt nach Einnahmequellen suchen. Jedes dritte Haus kämpft um die Existenz. Früher zahlte sich eine lange Liegedauer aus, heute werden die Krankenhäuser nach Diagnosen und Operationen bezahlt, und das bedeutet eben auch: Gerade Sterbenskranke können viel Geld bringen. Auch für Pflegeheime lohnen sich Patienten, die sich kaum noch bewegen können, aber an lebenserhaltenden Geräten hängen. "Das Ziel der Medizin, menschliches Leiden zu heilen oder zumindest zu lindern, wird in der Schlussphase des Lebens oft ins Gegenteil verkehrt", sagt daher der Palliativmediziner Matthias Thöns. "Menschen werden mit sündhaft teuren, äußerst belastenden Therapien gequält, oft sogar gegen ihren Willen."