In Saal 2.600 des Paul-Löbe-Hauses, direkt gegenüber dem Kanzleramt, tagt der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Es ist der 29. September 2016. Die Abgeordneten sitzen in einem großen Halbrund. Ihnen gegenüber nimmt um 16.30 Uhr ein schlanker Herr Platz, an dem irgendwie alles grau ist: graue Haare, gestutzter grauer Bart, grauer Anzug. Sein Anwalt setzt sich neben ihn. Der Ausschussvorsitzende Clemens Binninger bittet den Zeugen, sich vorzustellen: "Mein Name ist Lothar Lingen", lautet die Antwort. "Beruf ist Verwaltungsbeamter."

So nüchtern die Worte, so brisant der Auftritt: "Lothar Lingen" ist eine Deckidentität, der bürgerliche Name des Beamten darf nicht veröffentlicht werden. 20 Jahre lang, seit 1991, hat er im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) gearbeitet. Fast die gesamte Zeit war er dort für Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus zuständig, unter anderem als Referatsleiter für die Werbung von V-Männern. Der Name Lothar Lingen steht für eines der rätselhaftesten Kapitel im NSU-Desaster. Kurz nachdem Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufflogen, ließ Lingen Akten von sieben V-Leuten aus der Thüringer Neonazi-Szene schreddern. Keiner der bislang zwölf Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern hat die Hintergründe aufklären können. Wieso ließ Lingen die Akten vernichten? Oder konkreter gefragt: Wollte er etwas vertuschen? Falls ja, was? Handelte er eigenmächtig? Gab es einen Auftrag von oben, zumindest eine Billigung?

Die Sachbearbeiterin weigerte sich zunächst, die Akten zu schreddern: "Was soll das?"

Ein Sonderermittler des Bundesinnenministeriums kam 2012 zu einem seltsam banalen Ergebnis: Das Motiv "lag mit höchster Wahrscheinlichkeit darin, Aktenbestände zu vernichten, zu denen er Nachfragen, Wiedervorlagen und Prüfarbeiten vermeiden wollte". Zudem seien die üblichen Aufbewahrungsfristen für die Akten überschritten gewesen, und Lingen sei daher quasi von einer Schredderpflicht ausgegangen. Zusammengefasst: eine Mischung aus Ordnungssinn und Arbeitsvermeidung. Eine "etwaige Vertuschungsabsicht" sei bei Lingen "als Motiv auszuschließen", hielt der Sonderermittler fest. Doch diese Einschätzung hat den ersten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages "nicht überzeugt", wie er 2013 explizit bilanzierte. Deshalb lud der aktuelle Ausschuss Lingen erneut vor, deshalb muss sich der graue Mann jetzt den bohrenden Fragen der Abgeordneten stellen. Ausschusschef Binninger sagt: "Die Aufklärung der Aktenvernichtung ist eine der zentralen Fragen des aktuellen Ausschusses".

Nach Erkenntnissen der ZEIT bricht die bisherige Argumentation des Herrn Lingen und seiner Chefs nun wie ein Kartenhaus zusammen. Zum Teil interne Unterlagen des Thüringer Landesverfassungsschutzes und des Bundesverfassungsschutzes sowie Vernehmungsprotokolle des Bundeskriminalamtes (BKA) lassen nur den Schluss zu: Die offizielle Erklärung der Schredder-Aktion ist falsch.

Rückblende: Am Freitag, 11. November 2011, ging im in Köln gelegenen Bundesamt für Verfassungsschutz eine hektische Woche zu Ende. Sieben Tage zuvor hatten sich die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem Banküberfall in ihrem Wohnmobil umgebracht. Tröpfchenweise wurde in den Tagen danach die Dimension des Falles bekannt, der dann die gesamte Republik erschüttern sollte. Kurz darauf stellte sich Beate Zschäpe der Polizei. Am selben Tag bat BfV-Präsident Heinz Fromm seine für Rechtsextremismus zuständige Abteilung 2, alle verfügbaren Akten nach "Informationen zu den drei Personen" zu durchforsten. Der Auftrag landete bei Lothar Lingen. Was Lingen an seinem Dienstcomputer recherchierte, konnte durch den Sonderermittler nachvollzogen werden. Zunächst kontrollierte Lingen in der "Personenzentraldatei" des Amtes, ob die drei NSU-Täter selbst V-Leute waren (Antwort: nein). Dann suchte er weiter nach relevanten Akten, checkte die "Forschungs- und Werbungsdatei", recherchierte mit den Stichwörtern "Thüringen" und "Thüringer Heimatschutz"/"THS", einer militanten Neonazi-Struktur, in der sich das spätere NSU-Trio früher bewegt hatte. Am Ende wählte er sieben Vorgänge aus, die genauer überprüft werden sollten. Dazu gehörte auch der brisante Vorgang über den V-Mann "Tarif". Dann ließ Lingen unter Hochdruck alle greifbaren Mitarbeiter die Vorgänge durchsehen. "Insgesamt war das alles ein absolutes Durcheinander", das Vorgehen "kopflos" und "konfus", sagten einige Verfassungsschützer, als sie 2014 vom BKA zu den vernichteten Akten vernommen wurden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Einen Tag später geschah das Überraschende: Lingen erteilte einer Sachbearbeiterin den Auftrag, die Akten zu schreddern. "Was soll das denn?", fragte sie zurück und weigerte sich. Lingen herrschte sie an: "Tun Sie, was ich sage!" Also holte sie die Vorgänge erneut aus dem Archiv. Die Sache sprach sich im Referat herum. Am Folgetag, es war Freitag, ging ein Mitarbeiter, selbst jahrelang V-Mann-Werber, zu Lingen und trug ihm ebenfalls seine Bedenken vor. Der Chef wiegelte ab: "Ich weiß nicht, was Sie haben." Vehement verlangte die Sachbearbeiterin jetzt zumindest eine schriftliche Weisung. In einer ersten Mail, die Lingen sodann schrieb, nannte er nur sechs Vorgänge. Den siebten schob er in einer gesonderten Mail zehn Minuten später nach. Dieser siebte Vorgang betraf den V-Mann "Tarif". Am Freitag, dem 11. November 2011, kurz vor Mittagszeit, wurde geschreddert. Der Kollege der Sachbearbeiterin meint rückblickend: "Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es Herrn Lingen nur darum ging, die Akten so schnell wie möglich vernichten zu lassen."