Erste Überraschung: Äußerlich entsprach dieser Jugend-Prediger dem Typ "älterer Onkel". Rundlicher Schädel, schütteres Haar, als einziges Attribut des Künstlers diente ein Flatterschal.

Nächste Überraschung: seine Liebe zum Höhlenartigen. Wo auch immer er sein Büro aufschlug, in Köln, in München, in der Toskana – die Wände mussten in tiefes Tannengrün getaucht sein. Nur eine einzige Lichtquelle von höchstens 80 Lux duldete der Augenmensch dort. Inmitten dieser Lichtinsel residierte er, Willy Fleckhaus (1925 bis 1983), Autodidakt und Deutschlands erster Art-Direktor. Er erfand diesen Titel und verkörperte ihn: als stilbildender Zeitschriften- und Buchgestalter der fünfziger bis achtziger Jahre. Vor allem sein twen brach in die öde Zeitschriftenlandschaft der späten Adenauer-Jahre wie ein Gewittersturm ein.

Wie sie jubeln dürfen, die ergrauten Nostalgiker, die nun im Museum für Kunst und Gewerbe 350 Fleckhaus-Exponate entdecken können, die ihre ästhetische Sozialisation belegen. Titelseiten, Fotostrecken, Porträts, Plakate, Plattencover. Eine Zeit lang gab es kaum eine Studentenbude, kaum eine Internatskoje, deren Wände nicht herausgerissene twen- Seiten schmückten. Aus schwarzem oder weißem Fond strahlen großformatige Fotos, Freisteller, Illustrationen, Kontaktbögen; optische Magnete, filmisch inszeniert, mit Auftakt, Höhepunkt und Deeskalation. Dazu die herangezoomten Gesichter von Idolen wie Jean Paul Belmondo, Juliette Gréco, Twiggy. Die Münchnerin Uschi Obermaier wäre ohne twen niemals zur Ikone der sexuellen Revolution und sämtlicher Kommunarden geworden. Fraglich ebenso, ob Mitte der Sechziger jene Hermann-Hesse-Anbetung um sich gegriffen hätte ohne die in sanftes Orange getauchte, nicht enden wollende Siddhartha-Strecke des Fotografen Will McBride in twen.

Das Zweimonatsheft sprengte die vorgegebenen Kategorien, kommentierte politisch, wenn auch nicht rebellisch, propagierte Frieden, Weltoffenheit, Mode, Musik und Lebenslust in spontanen Mischungen. Ich schäme mich meiner Tugend verschlang man ebenso gespannt wie Müssen Parties so sein? oder Rauschgift und Jazz. Wer twen las (womöglich auch nur auslieh, der Heftpreis von zwei Mark galt als anspruchsvoll), durfte sich zur Avantgarde zählen und versichert sein, Missfallen bei Klerikalen ebenso wie bei Kommunisten zu erregen.

Zwanzig Jahre vor Demi Moore schaute den Betrachter aus twen die schwangere, rehäugige Barbara McBride in aufgeknöpfter Jeans an. Solche Tabubrüche veranlassten Arthur Bader, Präsident des Bayerischen Jugendrings, zu der Feststellung, twen züchte "einen Superindividualismus ohne Bindung an Gesellschaft und Moral" und sei als Zeitschrift "gefährlicher als ein Dutzend Aktmagazine". Statements, die in twen-Leserbriefen ausdrücklich bejubelt wurden. So einfach buchstabierte sich eine Leser-Blatt-Bindung damals.

Die breit laufende Titelschrift, das klare Layout mit viel Weißraum, die ordentlich sortierten Textspalten wurden zum bewunderten Standard anderer Gestalter. Nah, näher, am nächsten, groß, größer, Doppelseite, Farbstrecke. Das Prinzip des visuellen Überfalls hat Fleckhaus, "Magier des freien Raums", erfunden und ausgebaut.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.


Angefangen hatte er bei zwei sehr unterschiedlichen Jugendmagazinen – 1951 als Mitarbeiter des Aufwärts, einer in Köln erscheinenden Jugendzeitschrift des DGB, und 1959 bei Student im Bild, vom Verleger Adolf Theobald herausgegeben. Beide Hefte baute Fleckhaus radikal um, auch inhaltlich. Twen startete als Sondernummer von Student im Bild .

In Köln, der Stadt der großen "Westkunst", der Aufsehen erregenden Galerien und Ausstellungen also, kam twen zur Welt, in München startete es durch. Fleckhaus erschien nur an zehn Tagen im Monat in der Redaktion, um eine Art Hochamt abzuhalten, wenn die wichtige, damals noch als Ausnahme geltende "Farbstrecke gelegt wurde", wie sich der kurzzeitige twen-Redakteur und spätere Chefredakteur des FAZ-Magazins, Thomas Schröder, erinnert.